Inhalt
"Archäologisches Puzzle" hinter der Bürgerschule - Fachleute graben Reste eines alten Klosters aus
21. April 2010 - Pressestelle, Susann Lewerenz
Minden. Wer in der oberen Altstadt eine Tiefgarage und ein Mehrfamilienhaus bauen möchte, muss damit rechnen, dass dabei Schätze aus der Vergangenheit zutage kommen. Das hat auch Bauherr Ulrich Rabe geahnt, als der Start für sein geplantes Bauprojekt hinter der "Alten Bürgerschule" an der Ritterstraße anstand. Der Bagger durfte vor rund 14 Tagen nur in Begleitung von Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster ansetzen.
In dem nun rund 400 Quadratmeter großen und etwa einen Meter tiefen Bauloch haben zwei Archäologen, ein Volontär und drei Helfer bereits "Spannendes entdeckt", wie Dr. Andrea Bulla, wissenschaftliche Referentin und Grabungsleiterin zusammenfasst. Die derzeitige Ausgrabung sei momentan noch ein "Puzzlespiel", biete aber einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Stadt, ist Bulla begeistert. Es sei noch viel zu erwarten.
Auf der Fläche zwischen Ritterstraße, Alter Kirchstraße und Videbullenstraße befand sich im Spätmittelalter ein Dominikaner-Kloster, von dem heute sichtbar noch Teile des Westflügels erhalten sind. "Das Kloster wurde vermutlich 1232 gegründet, aber erst 1241 urkundlich erwähnt", berichtet Dr. Bulla. Der für seine asketische Lebensweise bekannte Orden erwarb Grund und Boden im 13. Jahrhundert vom Ritter von Beldersen, dessen Besitz in der Altstadt einem Brand zum Opfer fiel.
"Möglicherweise stoßen wir hier auch noch auf Funde aus der Zeit des Rittergutes", so die Archäologin. Das Kloster selbst wurde 1539 aufgelöst und ging in den Besitz der Stadt über, die in den folgenden Jahrhunderten fleißig baute, abriss und neu baute. Zuletzt stand auf der Fläche eine 1875 errichtete Turnhalle. "So treffen wir hier auf Funde vom Mittelalter bis in die heutige Zeit", erläutert die Archäologin bei einem Rundgang über die Ausgrabungsstelle
Aus der Vogelperspektive eines Dachfensters gut erkennbar, haben die Fachleute in den vergangenen 14 Tagen meist runde, farblich unterschiedliche Fundstellen, einen Keller und Reste der südlichen Mauer des Kreuzganges freigelegt. Direkt an der Mauer fanden sich Gräber und relativ gut erhaltene Knochen. "Hier haben die Mönche ihre Brüder beerdigt", erläutert Dr. Andrea Bulla. Den guten Zustand der Knochen und Schädel erklärt sie mit dem hohen Kalkgehalt des Bodens an dieser Stelle. Die Skelette werden in den nächsten Tagen sorgfältig freigelegt, in die Fundkarte eingezeichnet und schließlich ausgegraben. Die Knochen erhalten Anthropologen dann zur weiteren Untersuchung.
Während Dr. Andrea Bulla weiter über die eingezäunte Ausgrabungsfläche geht, schaben Mitarbeiter des LWL, zwei Praktikanten und ein Freiwilliger vorsichtig am Boden, tragen Erde ab und packen Fundstücke in Tüten, die wiederum sofort beschriftet werden müssen. "Wir müssen jeden Fund der jeweiligen Fundstelle zuordnen", erläutert die Grabungsleiterin und packt im Anschluss einige der bereits in einem Karton gesicherten Tüten aus. Zutage kamen in den vergangenen Tagen Keramikscherben, alte Tonpfeifen, ein Knochenkamm und zahlreiche Überreste von Menschen und auch Tieren.
Mit Hinweis auf die Knochen an der ehemaligen Kreuzgang-Mauer macht die Archäologin wenig Hoffnung auf wertvolle Funde, wie zum Beispiel Grab-Beigaben. "Damit ist in einem ehemaligen Dominikaner-Kloster nicht zu rechnen", so Andrea Bulla. Die jetzige Grabungsfläche entspricht genau dem Grundriss der späteren Tiefgarage. "Es wird nur dort untersucht, wo der Bauherr ohnehin ausschachten muss, nicht darüber hinaus", ergänzt Dieter Bommel von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Minden.
Der Bauherr selbst gibt sich ob der laufenden Grabungen relativ gelassen. Rund sieben Wochen werden die Archäologen und ihre Helfer voraussichtlich noch brauchen, um die Fundstellen freizulegen, Fundstücke zu sichern, zu katalogisieren und zu fotografieren. Nach dem Abschluss der Arbeiten darf dann wieder der Bagger ansetzen. Mauerreste, Feuerstellen, Keller, möglicherweise alte Brunnen und Steine verschwinden dann für immer aus der Stadtgeschichte, die bisher einen Meter unter dem Boden verborgen war. Es bleiben die Dokumentationen, Messungen und Zeichnungen, die abschließend zusammengefasst und der Nachwelt zur Verfügung gestellt werden.
Bauherr Ulrich Rabe überlegt derweil, ob er in seinem Bauprojekt - ein Mehrfamilienhaus mit fünf exklusiven Eigentumswohnungen - an die Ausgrabungen in Form einer Zeichnung, von Fotos oder Ähnlichem erinnert. Ende des Jahres soll der Bau fertig gestellt sein.
