Bildung, Kultur, Sport

Briten in Westfalen

25.8.-21.10.2018

  • Vor über 70 Jahren kamen britische Militärangehörige als Sieger, Befreier und Besatzer nach Westfalen. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich das Verhältnis zwischen Briten und Deutschen. Der laufende Abzug des britischen Militärs aus Deutschland ist Anlass für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), mit der Wanderausstellung „Briten in Westfalen“ an acht Orten (ab 25. August im Mindener Museum) zu zeigen, wie aus ehemaligen Kriegsgegnern Verbündete wurden. In einer Kooperation haben die Stadt Paderborn, das LWL-Museumsamt für Westfalen und der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens die Schau erarbeitet, die Kuratorin Dr. Bettina Blum hat sie realisiert. Die Erstpräsentation war bis  Februar im Stadtmuseum Paderborn zu sehen. Seitdem ist die Ausstellung auf Wanderschaft und gastiert vom 25. August bis zum 21. Oktober im Mindener Museum.

    Die Ausstellung schließt eine Lücke bei einem Thema, das für ganz Westfalen von großer Bedeutung ist und verbindet in idealer Weise Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie spannt den Bogen vom Politischen bis in den privaten Bereich. Wie begegneten sich Sieger und Besiegte? Was dachten Briten und Deutsche über ihre neuen Nachbarn? Wie gestaltete sich das Zusammenleben, beispielsweise in Vereinen und beim Sport? Wie kam es zu persönlichen Freundschaften und manchmal zu Eheschließungen? Und welche Rolle spielte dabei der Umstand, dass die britischen Militärangehörigen wegen Versetzungen oft nur kurz an einem Standort lebten? Wegen der häufigen Standortwechsel sind Umzugskisten ein zentrales Gestaltungsmittel der Ausstellung. In ihnen werden zahlreiche Exponate gezeigt und erläutert. Sie verweisen darauf, dass die Zeit häufig knapp bemessen war, um nähere Beziehungen aufzubauen.


    Die Briten kamen 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg als Besatzungsmacht auch nach Westfalen. Ostwestfalen und die Städte Bad Oeynhausen, Lübbecke und Minden wurden zum Sitz der britischen Militärregierung für Deutschland. Zunächst sollten die Militärangehörigen zu den besiegten Deutschen Distanz halten, was sich in der Praxis jedoch nicht aufrecht erhalten ließ. Um die Durchsetzung der eigenen Besatzungspolitik zu sichern, wurden Angehörige der alten nationalsozialistischen Elite aus ihren Ämtern entfernt und zum Teil interniert. Mithilfe eines Fragebogens wurden vor allem Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst „entnazifiziert“. Den Briten war darüber hinaus an einer Demokratisierung der deutschen Gesellschaft gelegen, wofür sie wichtige Impulse beispielsweise in der Kultur- und Sportpolitik setzten.

    So veränderte sich allmählich das Verhältnis zwischen Briten und Deutschen. War ihr Umgang zunächst streng hierarchisch zwischen Siegern und Besiegten geregelt, so wurde ihr Verhältnis zunehmend von Kooperation auf Augenhöhe geprägt. Britische Militärangehörige, die mit ihren Familien einige Zeit in verschiedenen westfälischen Städten lebten, begannen sich für ihre neue Heimat auf Zeit auch touristisch zu interessieren. Umgekehrt wurde es deutschen Jungendlichen ab den 1950er Jahren ermöglicht, im Rahmen von Austauschprogrammen neue Erfahrungen in britischen Gastfamilien zu machen. Nahe Begegnungen zwischen Briten und Deutschen führten in man­chen Fällen zu Liebesbe­ziehungen. Eheschließung zwischen Deutschen und britischen Militärs waren in der Besatzungszeit der späten 1940er Jahre zwar erlaubt, im britischen Militär aber noch nicht gern gesehen. Als roter Faden zieht sich durch die Wanderausstellung die Frage nach der besonderen Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen und Briten, die sich in verschiedenen Zusammenhängen begegneten.

    Trotzdem blieb das Verhältnis von Briten und Deutschen auch von Distanz geprägt. Neben den vielen Standortwechseln lag das auch an der besonderen Funktionsweise des Militärs und in dessen Sicherheitsbedürfnissen. Das britische Militär bildete an den jeweiligen Standorten eine besondere Infrastruktur aus. Dort konnte man in der eigenen kleinen Welt unter sich bleiben, wenn man wollte. Oft haben die deutschen Nachbarn die britischen Siedlungen als eine fremde Welt wahrgenommen, in vielen Städten nannte man sie ‚Klein London‘.“

    Nachdem die Briten angekündigt haben, ihr Militär vollständig aus Deutschland abzuziehen, stellt sich vielerorts das Problem, was mit den freiwerdenden Immobilien und Flächen geschehen soll. Aus Minden zogen die Briten bereits Anfang der 1990er Jahre ab und die Folgen für die Stadtentwicklung kann man heute im Stadtbild an vielen Orten erkennen. Ehemalige Kasernen und Militärgelände haben sich zu neuen Stadtquartieren oder Dienstleistungszentren entwickelt. Mit der Frage danach, was von der britischen Militärpräsenz in Westfalen bleibt, wendet sich die Ausstellung der unmittelbaren Gegenwart zu und spannt so einen zeitlichen Bogen vom Beginn der Besatzung bis zum nahenden Abschied der britischen Truppen.

    Die Ausstellung und ein ihr zugrunde liegendes Forschungsprojekt zu den Briten in Westfalen 1945 bis 2017 wurde in Kooperation und im Dialog mit Briten und Deutschen realisiert. Rund 200 Personen steuerten ihre Erfahrungen und Erinnerungen bei. In Minden wird die Wanderausstellung um zahlreiche Objekte aus dem Sammlungsbestand des Museums und weiteren Leihgebern ergänzt. Daneben runden drei Text-/Bildbanner zur Geschichte der Briten in Bad Oeynhausen, Lübbecke und Minden die Schau ab.

    Die Ausstellung wird durch einen reich bebilderten wissenschaftlichen Begleitband ergänzt, der einzelne Aspekte aufgreift und vertiefend behandelt: Gilhaus, Ulrike; Neuwöhner, Andreas (Hrsg.): Briten in Westfalen. Beziehungen und Begegnungen 1945 – 2017, Paderborn 2017. 190 S., 120 Abbildungen (davon 68 in Farbe), 19,90 Euro, ISBN 978-3-506-78698-2. Das Buch ist im Museumsshop, im Buchhandel und beim LWL-Museumsamt für Westfalen erhältlich.

    Weitere Informationen über Ausstellung, Tagung und Quellenedition erhalten Sie über die Homepage: www.briten-in-westfalen.de.

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