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Fachvortrag „Trauma Flucht - Auswirkungen auf Eltern und ihre Kinder“ im Mindener Rathaus

19. September 2016 | Minden. Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Frühe Hilfen der Stadt Minden organisierte einen Fachvortrag zum Thema „Trauma Flucht – Auswirkungen auf Eltern und ihre Kinder“.

  • Die Referentin Cindy Vogel-Hürter, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Münstermaifeld, sprach vor rund 85 Teilnehmer*innen. Das Publikum bestand aus Vertreter*innen aus dem Gesundheitsbereich, Mitarbeiter*innen der Interdisziplinären Frühförderzentren und dem Sozialwesen. „Wir haben auch einige Erzieherinnen aus den Kitas und Familienzentren in Minden und Umgebung sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen aus den unterschiedlichen Institutionen der Flüchtlingsarbeit begrüßt. Und einige mehr“, fasst Mirjam Frömrich zusammen, bei der Stadt Minden für die Frühen Hilfen verantwortlich. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Bianca Kanning war sie Veranstalterin des Fachvortrags.

    Cindy Vogel-Hürter leitete ihren Vortrag mit einigen schockierenden Zahlen ein. So erläuterte die Psychotherapeutin, dass bei geflüchteten Kindern bis 16 Jahre 41 Prozent Gewalt an anderen Menschen erlebt haben, 38 Prozent Kriegserlebnisse vorweisen können, ein Viertel Leichen gesehen haben und rund 15 Prozent selbst Opfer von Gewalt geworden sind. „Die Erlebnisse während der Flucht aus dem Heimatland können Folgeschäden verursachen, dessen Aufarbeitung lange dauert und das ganze Familiensystem beeinträchtigt“, beschreibt Vogel-Hürter. Die Dozentin erläuterte in einem ersten Abschnitt mögliche Folgen, die nach der Fluchterfahrung bei Kindern auftreten können. Im Durchschnitt ist eine Familie zehn Monate auf der Flucht und es gibt kaum Möglichkeiten für die Kinder sich zu entfalten. Der Stress der Mutter überträgt sich auch auf ihre Kinder. Aber positiv kann sich die enge Bindung auf den Säugling auswirken, denn die Mutter kann besser auf seine Bedürfnisse eingehen. In der praktischen Arbeit mit den geflüchteten Familien hier vor Ort zeigt sich vermehrt, dass Kleinkinder als Dolmetscher für die Eltern herangezogen werden. „Sie übernehmen dann sehr viel mehr Verantwortung, weil sie schneller die Sprache erlernen und sich auch schneller in der neuen Umgebung orientieren können. Dadurch müssen sie ihren Eltern eine große Stütze sein“, sagt Vogel-Hürler. 

    Bei den unbegleiteten minderjährigen Ausländern wird davon ausgegangen, dass 30 bis 60 Prozent der Jugendlichen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erkrankt sind. Diese kann sich in Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug von anderen, in geringem Selbstfürsorgeverhalten oder auch in schwachen Reaktionen auf direkte Ansprache äußern. Hier ist es wichtig, dass die Fachleute Interesse am Kind zeigen und nicht nur für die Erlebnisse während der Flucht. Heißt, die Betreuungspersonen sollten sich mehr auf die jetzige Situation beziehen. „Bei Kindern im Vorschulalter treten beispielsweise eine hohe Geräuschempfindlichkeit oder Trennungsangst auf. Bei Schulkindern kann es zu Schuldgefühlen, Flashbacks, Albträumen und zur Überlebensschuld kommen“, führt die Referentin aus. Kinder und Jugendliche, die Fluchterfahrungen gemacht haben, nehmen Stimmungen viel deutlicher wahr. Aus diesem Grund teilen sie Menschen schneller in „gut“ und „böse“ ein, so Vogel-Hürler. Eine weitere Folge der Flucht ist die sogenannte Parentifizierung. Das bedeutet, dass die Kinder Aufgaben ihrer Eltern übernehmen. Sie übersetzen bei Behördengängen, führen Telefonate oder vereinbaren Termine. Die Generationengrenzen verschwimmen und die Kinder können sich durch die ihnen übertragenen Aufgaben überfordert fühlen.

    Der Fachvortrag ging ebenfalls auf das Thema Kultursensibilität ein. Dahinter verbirgt sich der Aspekt, dass die Menschen nicht nur individuelle, sondern auch kulturspezifische Prägungen mit in das Aufnahmeland mitbringen. Eine gute Beziehungsgestaltung ist in diesem Bereich sehr wichtig – Mitarbeiter*innen sollten sich nach dem individuellen Befinden erkundigen. „In Syrien bei den dort lebenden Kurden ist es beispielsweise so, dass eher eine kollektivistische Sicht, ein Wir-Gefühl im Vordergrund steht und der Einzelne sich daher zurücknimmt. Darauf sollte im Gespräch geachtet werden“, führt die Psychotherapeutin aus.

    Und was ist für den Verarbeitungs- und Heilungsprozess wichtig? Beachtet werden müssen: die vorherige Entwicklung, die Reaktionen des Umfeldes sowie die Aufnahme und die Ankunft im neuen Land. Hier ist es elementar den Kindern und Jugendlichen Stabilität zu geben – sie brauchen Sicherheit, Verlässlichkeit, Kontrollierbarkeit und Normalität. Erzieher*innen oder andere Betreuungspersonen sollten sich nicht aufdrängen, aber Hilfe anbieten. Die Grenzen der Kinder sind unbedingt zu respektieren. Hilfreich in der praktischen Umsetzung in der Kita kann das STOP-Modell sein. Das bedeutet: S ist gleichzusetzen mit Struktur; das T seht für die englischen Begriffe „time“ und „talking“ – sich Zeit nehmen und mit den Kindern sprechen; das O umfasst den Bereich des organisierten Spielens und das P bedeutet, dass die Eltern (Englisch parents) unterstützt werden.

    Die AG Frühe Hilfen ist eine Netzwerkgruppe im Rahmen der Frühen Hilfen der Stadt Minden. Sie trifft sich vier Mal im Jahr. Zur AG Frühe Hilfen gehören Vertreter aus dem Gesundheitswesen, wie niedergelassene Kinderärzte, Ärzte des Gesundheitsamtes, Mitarbeiter*innen des Sozialpädiatrischen Zentrums im Johannes Wesling Klinikums, Mitarbeiter*innen der Interdisziplinären Frühförderzentren und dem Sozialwesen (Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, Erziehungsberatungsstelle, Kinderschutzbund, freie Praxen). Die AG Frühe Hilfen in Minden existiert seit 2001, einen gesetzlichen Auftrag für die Netzwerkarbeit gibt es seit dem 1. Januar 2012.

    Pressestelle Stadt Minden, Katharina Heß,

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