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„Bindung hier und anderswo“: Fachtag gibt Einblick in kultursensitive pädagogische Arbeit

6. Juli 2017 | Minden. Experten*innen lokaler Institutionen stellten kultursensitive Konzepte für Bildung und Förderung in den ersten Lebensjahren vor.

  • Zum fünften Mal haben die Frühen Hilfen des Kreisjugendamtes, der Städte Minden, Porta Westfalica und Bad Oeynhausen sowie das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke zum Fachtag „Für Prävention zu klein? Aufwachsen im Mühlenkreis“ eingeladen. Die diesjährige Vortragsveranstaltung beschäftigte sich mit dem Thema „Bindung hier und anderswo“. In den vergangenen Jahren sind viele Familien mit Kindern nach Deutschland gekommen, die andere Erfahrungen und Werteorientierungen mitbringen. Im Alltag können daraus Missverständnisse entstehen. Experten*innen lokaler Institutionen stellten kultursensitive Konzepte für Bildung und Förderung in den ersten Lebensjahren vor.

    Die Referentinnen und Referenten beschäftigen sich unter anderem mit den Themen weltweiter Bildungskonzepte, der Kindergesundheit und wie Beziehungen für kulturelle Vielfalt gestaltet werden können. Moderiert wurde die Veranstaltung in der Aula des Leo-Sympher-Berufskollegs von Dr. Peter Witte, Leiter des Gesundheitsamtes Minden-Lübbecke. Musikalisch umrahmt wurde der Fachtag vom Kinder- und Jugendchor der Musikschule Belcantolino.

    Die Frühen stellten zum Auftakt des Fachtages einige ihrer Angebote vor. Mirjam Frömrich von den Frühen Hilfen aus Minden berichtete über die Babysprechstunde in Rodenbeck und Bärenkämpen. Eltern haben hier eine verbindliche Anlaufstelle für ihre Fragen und erhalten hilfreiche Informationen und Tipps zur Gesundheit und Entwicklung ihrer Kinder. Gudrun Klinke aus Bad Oeynhausen stellt den Infoabend „Rund um informiert“ vor. Sechsmal im Jahr gibt es diesen Abend, bei dem Unterstützungsangebote und finanzielle Leistungen rund um die Geburt eines Kindes vorstellt werden. Das Format gibt es bereits seit 2010 und ist kostenfrei. Ein weiteres Projekt der Frühen Hilfen ist das Elternpraktikum. Hier lernen Jugendliche anhand von Baby-Simulationspuppen den richtigen Umgang mit einem Neugeborenen. Außerdem gibt es für Schwangere und Eltern mit Kindern von 0-3 Jahren einmal pro Woche die Kliniksprechstunde im Johannes Wesling Klinikum Minden.

    Prof. Dr. Heidi Keller gab einen interessanten Einblick in „Bindungskonzepte – weltweit“. Die studierte Psychologin zeigte anhand von vielen anschaulichen Beispielen, dass es kulturelle Unterschiede bei der Bindung der Kinder zu ihren Bezugspersonen gibt. Sie stellte dem Fachpublikum Studien zum afrikanischen Nso-Stamm und europäischen Kindern aus der Mittelschicht vor. Heidi Keller machte deutlich: Babys haben in allen Kulturen großes Interesse an ihrer Umwelt und wollen etwas darüber lernen. Auch sind die unterschiedlichen Komponenten im Kontakt mit Babys in allen Kulturen gleich. Überall auf der Welt haben Kinder mit ihren Eltern Körperkontakt, werden Kinder motorisch Stimuliert (z.B. schaukeln), werden Kinder mit Objekten stimuliert (z.B. Spielzeug), haben Kinder Face-to-Face-Kontakt (z.B. Blickkontakt) und werden Kinder gepflegt (z.B. füttern, waschen). Allerdings ist die Mischung der einzelnen Komponenten weltweit verschieden gewichtet. In manchen Kulturen werden Kinder mehr getragen und geschaukelt wohingegen Kinder bei uns viel gepflegt und mit Spielzeug stimuliert werden.

    Dem kulturellen Unterschied im Umgang mit Kindern liegt oft ein grundlegend anderes Gesellschaftsverständnis zu Grunde. Daher gibt es auch keinen schlechteren oder besseren Kontakt zu Babys. „Die Nso haben beispielsweise einen viel stärkeren Körperkontakt. Es gibt nicht eine oder zwei Bezugspersonen, sondern sehr viele“, beschreibt Keller. Kinder der Nso lernen so ein kommunales Verständnis des Sein, europäische Kinder lernen oft zuerst etwas über sich selbst, so Keller weiter. Ihr Vortrag machte deutlich, dass kulturelle Unterschiede für die jeweilige Gesellschaft Sinn macht und deshalb das eigene System nicht einfach übergestülpt werden darf. Keller appellierte an die Zuhörenden, dass eine gewisse Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Methoden und Vorgehensweisen in der Praxis von großer Bedeutung ist.

    Mit kultursensitiver pädagogischer Arbeit beschäftigte sich Michaela Kruse-Heine. Die Erziehungswissenschaftlerin sprach über die Haltung des Fachpersonals gegenüber Beziehungen anderer Kulturkreise. „Die eigene innere Haltung ist ein sehr wichtiger Faktor beim Gelingen kultursensitiver Arbeit“, unterstreicht Kruse-Heine. Im Arbeitsalltag sei es wichtig, dass die Eltern als Experten für ihre Kinder wahrgenommen und ernst genommen werden. Wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit ist das Vertrauen und die Toleranz gegenüber anderen Werten. Offenheit und Wertschätzung und den Fokus auf Stärken und nicht auf Schwächen zu setzen, tragen zum Erfolg bei. „Eine bestimmte Haltung kann nicht verordnet werden. Jeder sollte sich seinen eigenen Werten bewusst sein und auch auf sein Bauchgefühl hören“, hob sie in ihrem Vortrag hervor. Erfolgsfaktor sei ein guter Zugang zu sich selbst. Klare Grenzen ziehen und die berufliche Wirklichkeit annehmen, wie sie ist, tragen dazu bei, lösungsorientiert zu arbeiten und die eigene Gelassenheit nicht zu verlieren.

    Auf dem Tableau stand ein weiteres spannendes Thema: „Kindergesundheit – Chancen nutzen“. Prof. Dr. med. Bernhard Erdlenbruch, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin im Johannes Wesling Klinikum Minden, stellte zwei medizinische Studien in den Mittelpunkt, die sich mit der bundesweiten Gesundheitssituation beschäftigen - die KIGGS-Studie des Robert Koch-Institutes und die BELLA-Studie. Die Ergebnisse belegen, dass der sozioökonomischen Status der Familie den wichtigsten Einfluss auf die kindliche Entwicklung und Kindergesundheit hat. Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche leiden in Deutschland unter psychischen oder verhaltensabhängigen Störungen. Sozialer Stress, geringe Bildung und kritische Lebenslagen von Eltern sorgen dafür, dass emotionale Bedürfnisse von Kindern nicht erfüllt werden und sich daher Entwicklungspotenziale nicht entfalten können. „Psychosoziale Belastungsfaktoren im frühen Kindesalter sind ein Gesundheitsrisiko für das gesamte spätere Leben. Aus diesem Grund ist die Präventionsarbeit ein wichtiger Baustein. Je früher ein Problem erkannt wird, umso eher können wir aktiv werden“, sagt Erdlenbruch. Mit rein medizinischen Behandlungen ist es aber häufig nicht getan, es braucht eine bessere Vernetzung zwischen den Systemen Jugendhilfe, Frühförderung und Bildung. Die Frühen Hilfen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung.

    Die Diplom-Sozialpädagogin Juliane Peithmann-Rapp berichtete den Anwesenden über ihre ehrenamtliche Arbeit in der Flüchtlingsunterstützung. Sie engagiert sich bei „Die Brückenbauer“ in Porta Westfalica. Die Brückenbauer bieten Angebote für Kinder an, die ohne Sprache auskommen, wie Kochen, Musik machen, Basteln und Spielen. „Die Kinder blicken tapfer in die Zukunft, während die Eltern mit den Flucht-Erfahrungen zu kämpfen haben“, sagt sie. Das ehrenamtliche Engagement stellt verschiedene Anforderungen, aber eine Großfamilie können die Helferinnen und Helfer nicht ersetzen, sagt Peithmann-Rapp. Für die Zukunft ist die Organisation auf finanzielle Mittel angewiesen. Über zusätzliche helfende Hände freuen wir uns natürlich auch, unterstrich die Pädagogin.

    Die Frühen Hilfen unterstützen Familien, damit junge Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten gefördert werden. Die dafür schon vorhandenen Angebote wurden während der Veranstaltung bei der Infobörse vorgestellt. Für die gesunde Entwicklung eines Kindes sind die ersten Lebensjahre von besonderer Bedeutung. Je früher unterstützende Angebote genutzt werden können, umso größer ist die Chance Fehlentwicklungen zu vermeiden, wissen Mirjam Frömrich und Bianca Kanning, die seit 2008 die Fachkräfte bei der Stadt Minden für die Frühen Hilfen sind.

    Pressestelle Stadt Minden, Katharina Heß, , Tel.: 0571/89204.

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