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Objekt im Fokus in den Monaten Juli und August

28. Juni 2019 | Minden. In den Monaten Juli und August steht ein Konvolut von schwarzem Schmuck aus dem 19. Jahrhundert im Fokus. 

  • In der Sammlung des Mindener Museums werden rund 60.000 Objekte bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen oder Leihgaben an andere Museen lagern 95Prozent der Sammlung verborgen im Magazin. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor. Alle zwei Monate wird außerdem ein „Objekt im Fokus“ im Foyer des Museums ausgestellt und dort seine Geschichte erzählt.

    In den Monaten Juli und August steht ein Konvolut von schwarzem Schmuck aus dem 19. Jh. im Fokus. Leider ist nichts Näheres über die Herkunft und Geschichte der Objekte bekannt, sie stammen vermutlich aus dem Besitz von Mindener Bürger*innen. Es handelt sich hierbei um Trauerschmuck, der aber auch als Modeschmuck getragen wurde. 

    Ausschlaggebend für diese Entwicklung war das britische Königshaus. Königin Victoria (1819-1901) trug nach dem Tod ihres Gatten Prinz Albert (1819-1861) 40 Jahre lang Trauer und ordnete an, dass während dieser Zeit einzig Schmuck aus Jet am Hof getragen werden sollte. 

    Jet ist eine natürliche Fossilie aus versteinertem Holz, oft von der Araucarie, einer seit 90 Millionen Jahren existierenden Schuppentannenart, die sich unter großem Druck in Faulschlammsedimenten bildete. Hauptvorkommen liegen neben dem englischen Whitby, in Spanien, Südfrankreich und im deutschen Schwäbisch Gmünd. Der Fundort des Materials am Fluss Gagae in der Türkei gab ihm auch den weit verbreiteten Namen Gagat. Das Material hat eine tiefschwarze Farbe und lässt sich hochglänzend polieren. Es ist kratzempfindlich und bricht muschelig. Zudem ist es ähnlich wie fossiles Bernstein relativ leicht und lädt sich elektrisch auf. Ein Beispiel aus der Sammlung des Mindener Museums ist die kürzere, facettierte Perlen-Halskette aus Jet/Gagat (auf dem Foto vom Betrachter aus links zu sehen).

    Die modischen Entwicklungen am englischen Hof beeinflussten auch weite Teile des europäischen Adels und des Bürgertums. Mit dem Anstieg der Nachfrage mussten immer mehr Ersatzmaterialien für den ursprünglich verwendeten Jet gefunden werden. 

    In Frankreich z.B. verkaufte man „französischen Jet“. Dabei handelte es sich um Schmuck aus facettiertem schwarzem Glas. Der Schmuck war so beliebt, dass weitere Glasindustrien dem französischen Beispiel folgten. Die schmale, auf dem Foto mittig liegende Halskette aus facettierten, schwarzen Glassteinen ist ein Beispiel aus dem Bestand des Mindener Museums. Auch die Hutnadel und die Broschen weisen einen Besatz aus schwarzem Glas auf. Man kombinierte die Glassteine auch mit schwarz gefärbtem Metall, wie die Brosche in Blütenform aus schwarz bemaltem Metall mit Glasstein belegt. 

    Da der schwarze Edelstein Onyx recht selten war, begann man in Idar-Oberstein, den Halbedelstein Achat schwarz zu beizen. Dazu legt man den Edelstein in eine Zucker- oder Honiglösung. Die Zuckermoleküle drangen tief in die durchlässigen Schichten des Steins ein. Gekocht in verdünnter Schwefelsäure wurde aus dem Zucker Kohle und färbte den Stein schwarz.  

    1851 wurde von Nelson Goodyear ein schwarzes Hartgummi namens Ebonit entwickelt. Sein Bruder Charles Goodyear hatte einige Jahre zuvor die Vulkanisation erfunden. Bei dem Verfahren wurde Naturkautschuk mit großen Mengen Schwefel erhitzt und es entstand ein elastisch verformbarer Kunststoff (Gummi). Unter der Hinzugabe von Bleiweiß reagierte er zu Ebonit. Das neuartige Material konnte in Formen gegossen, aber auch geschnitzt und poliert werden, so dass sich das leichte Material für die Anfertigung von filigranen Schmuckstücken eignete. Das Material war recht stabil,  veränderte aber unter starker UV-Einstrahlung seine Farbigkeit ins Grau-Braune. Beispiele aus dem Mindener Museum dafür sind das Medaillon (rechts unten) und die Brosche mit vier Glassteinen, die auf einer Unterlage aus Ebonit befestigt sind. 

     Seltener wurde der, 1855 in Frankreich von France Lepage erfundene Kunststoff „Bois Durci“ (frz. für „gehärtetes Holz“) verwendet. Er bestand aus Ebenholz- oder Palisandermehl mit den Bindemitteln Rinderblut, Gelatine oder Eiweiß. Das Materialgemisch wurde in eine Gussform aus Stahl gegossen, unter Druck erhitzt und dann schockartig abgekühlt. Das Material stellten bis 1920 einige, wenige französische Firmen her.

    Zum 50-jährigen Jubiläum der Thronbesteigung von Königin Victoria im Jahr 1887 wurde die offizielle Trauer am britischen Hof gelockert. Die Nachfrage nach Jet-Schmuck sank in der nachfolgenden Zeit stark. 


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