Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni

2. Mai 2019 | Minden. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor.

  • Wie bereits mit den Kabinettausstellungen begonnen, möchte das Museumsteam die Vielfalt, die Geschichte und den Dokumentationsstand seiner Sammlung vorstellen. Im Rahmen des Projekts „Objekt im Fokus“ soll daher alle zwei Monate ein Objekt der Sammlung frei zugänglich im Foyer des Museums ausgestellt und seine Geschichte erzählt werden. In den Monaten Mai und Juni steht ein Konvolut von aufwendig gestalteten Meerschaumpfeifen und Zigarrenhaltern im Fokus. 

    In der Sammlung des Mindener Museums werden rund 60.000 Objekte bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen oder Leihgaben an andere Museen lagern 95 Prozent der Sammlung verborgen im Magazin. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor. Alle zwei Monate wird außerdem ein „Objekt im Fokus“ im Foyer des Museums ausgestellt und dort seine Geschichte erzählt.
              
    Das Kunsthandwerk der Meerschaumschnitzerei soll im Jahr 1753 von Karl Kovacs in Pesth in Ungarn (heute ein Stadtteil von Budapest) „erfunden“ worden sein.

    Das Ausgangsmaterial Sepiolith ist ein Magnesium-Schichtsilikat. Der Rohstoff wird noch heute in Anatolien (Türkei) abgebaut. Da das Material aber bei der Förderung so weich wie Wachs ist und erst an der der Luft aushärtet, muss es vor Ort zunächst einen mehrere Schritte umfassenden Trocknungsprozess durchlaufen. Bei diesem werden verfärbte und verunreinigte Bereiche entfernt, das Material getrocknet, das Material gekocht, getrocknet und schließlich für den Verkauf mit einem in Wachs oder Seife getauchten Tuch poliert.

    Heute darf dieser seltene Rohstoff nur noch unter Auflagen exportiert werden. Damals gelangte er über Konstantinopel, Triest und Ungarn nach Österreich und Deutschland. Dort wurde er in den Messestädten Wien, Leipzig und Braunschweig verkauft. Interessant ist, dass sich das Meerschaum-Kunstschnitzerhandwerk nicht nur im Umfeld dieser Zentren ansiedelte, sondern auch im nahen Lemgo. Der Überlieferung nach soll 1740 das Rohmaterial zum ersten Mal nach Lemgo gebracht worden sein. Hundert Jahre später – war die Hochzeit der Pfeifenherstellung in Lemgo, nun arbeiteten hier bereits 10 Kunstdrechsler.

    Schwierig war es für die Lemgoer Produktion, da sie fern der den modischen Ton angebenden Zentren lag, den aktuellen Zeitgeschmack zu treffen. Man holte sich Inspirationen bei Messen und arbeitete nach Vorlagen. Diese waren aber nur sehr selten und schwierig zu erhalten. Ein weiterer Faktor war, dass nicht alles vor Ort produziert werden konnte und die Handwerker die aufwendigen Etuis aus Papier, Leder und Stoffen sowie Silberbeschläge zukaufen mussten.

    Da das Material „Meerschaum“ bei Kontakt mit Feuchtigkeit zu kleben begann, wurden die Mundstücke meist aus Bernstein gefertigt. Diese sind bei einem Teil unserer Pfeifen verloren gegangen – vielleicht zerbrochen oder aus hygienischen Gründen entfernt.

    Gegen Ende des 19 Jahrhunderts litt die Lemgoer Produktion sehr unter der Konkurrenz aus Wien, Paris, Leipzig und Ruhla, sowie den neuen, preisgünstigen Produkten aus Restwerkstoffen: Massa-Meerschaum und Ambroid-Bernstein. Zudem begannen sich die Rauchgewohnheiten mit der Entwicklung der Zigarre zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu verändern. Aus Lemgo ist überliefert, dass 1849 10 Menschen in der Zigarrenherstellung arbeiteten; 1878 waren es bereits 140. Pfeifen mit kleinen Öffnungen für Tabak, wie die aus dem Mindener Museum, werden oft auch als Zigarren- oder Zigarillohalter bezeichnet. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie aus dieser Umbruch-Phase stammen. Ob die Mindener Pfeifen wirklich in Lemgo produziert wurden ist fraglich und kann aufgrund der mangelnden Überlieferung der Objektgeschichte nicht geklärt werden.

    Das Bildthema der Hand, die einen Blumenstrauß überreicht deutet auf die Stilepoche des Biedermeier (1815-1848), die Motiven der Empfindsamkeit und Freundschaft eine große Rolle beimaß. In der bildenden Kunst haben Motive wie der Schmetterling auf dem Hut des Herrenkopfes, das Rauchen einer Pfeife sowie ein Blumenbouquet, neben ihrer abbildenden und dekorativen Funktion, noch die eines Symbols für Vergänglichkeit.


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