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Objekt im Fokus in den Monaten November und Dezember

2. November 2021 | Minden. Die beiden Holzvögel stammen aus dem Kriegsgefangenenlager Minden, das während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) auf der Minderheide bestand. 

  • In der Sammlung des Mindener Museums werden rund 60.000 Objekte bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen oder Leihgaben an andere Museen lagern 95 Prozent der Sammlung verborgen im Magazin. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor. Alle zwei Monate wird außerdem ein „Objekt im Fokus“ im Foyer des Museums ausgestellt und dort seine Ge-schichte erzählt.

    Das Objekt im Fokus in den Monaten November und Dezember besteht aus zwei selbstgebauten Holzvögeln. Die beiden Objekte stammen aus dem Kriegsgefangenenlager Minden, das während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) auf der Minderheide bestand. Sie wurden wahrscheinlich von „russischen“ Kriegsgefangenen gebaut.

    Minden wurde zu Beginn des Weltkriegs einer von 95 Standorten eines Kriegsgefangenenlagers für Mannschaften im Deutschen Reich. Die ersten Gefangenen trafen hier Mitte September 1914 ein. Sie stammten aus Frankreich, Belgien und England. Die Internierten wurden in ein provisorisches Lager auf dem vorher als Truppenübungs-, Parade- und Flugplatz genutzten Militärgelände auf der Minderheide verbracht. Diese Phase der improvisierten Internierung dauerte bis ins Frühjahr 1915. Erst danach hatte man eine Infrastruktur geschaffen, die die elementarsten Bedürfnisse der Gefangenen abdeckte. Bis dahin war es vor allem wegen fehlender sanitärer und medizinischer Einrichtungen zu teilweise erheblichen Verletzungen der völkerrechtlichen Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung gekommen. Die Einhaltung des internationalen Völkerrechts wurde dabei durch einen trägen Aufbau von Organisation und Infrastruktur sowie Kompetenzgerangel zwischen den verschiedenen militärischen und zivilen Behörden behindert. Kriegsbedingter Personal- und Materialmangel verschärften das Missverhältnis zwischen Rechtsnorm und Realität.

    Im Oktober 1918 gehörten 25.000 Internierte zum Lager, darunter etwa 7.500 Angehörige der ehemaligen Zarenarmee. Tatsächlich verdeckt die Zuschreibung als „russische“ Kriegsgefangene ihre tatsächliche Herkunft und Ethnie. Von den 1,5 Mio. „russischen“ Kriegsgefangenen im Reich waren 150.000 Ukrainer, 50.000 muslimische Tataren, 25.000 Polen, 16.000 Deutschrussen, 10.000 Balten (Esten, Letten, Litauer) und 3.000 Georgier. Weitere 30.000 jüdische Gefangene der Zarenarmee wurden in Listen gesondert erfasst. Nach dem Frieden von Brest-Litovsk Anfang 1918 besaßen alle Internierten aus dem früheren russischen Reich rechtlich zwar noch den Status als Kriegsgefangene. Sie konnten aber auf Antrag und nach Prüfung ihrer Zuverlässigkeit durch die Lagerverwaltung bis auf Widerruf zur „freien Arbeit“ beur-laubt werden. Seit Januar 1915 sorgte der Mangel an Arbeitskräften dafür, dass die kriegsgefangenen Mannschaften in Landwirtschaft, Bergbau und Industrie eingesetzt wurden. Offiziere waren aufgrund der Haager Landkriegsordnung davon befreit. Die Kriegsgefangenen wurden zu unentbehrlichen Arbeitskräften, ohne die die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches nicht bis 1918 durchgehalten hätte. Die Internierten des Lagers Minden arbeiteten im Mai 1918 in 139 Außen- und Zweiglagern auf rund 500 Arbeitskommandos über ganz Westfalen verteilt, mit einem regionalen Schwerpunkt in den Kreisen Minden und Lübbecke.

    Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wurden alle im Lager Minden befindlichen Belgier, Franzosen, Engländer und Italiener bis Anfang 1919 in Sonderzügen zu je 1.000 Mann in ihre Heimat zu-rückgebracht. Der Übergang vom Krieg zum Frieden, von der Gefangenschaft in die Freiheit, endete dagegen für die meisten Gefangenen des früheren Zarenreiches noch nicht. Einige wurden an der Jahres-wende 1918/19 überstürzt in ihre Heimat abtransportiert, andere mussten noch jahrelang auf ihre Rückkehr warten. Manche wollten angesichts des revolutionären Bürgerkrieges in Russland lieber hier-bleiben. In den krisenhaften Nachkriegsjahren wurde aus dem Gefangen ein Interniertenlager, in dem sich 1921 noch rund 3.000 inzwischen zivile Gefangene befanden. Ende des Jahres verließen die letzten Internierten das Lager. Anfang Januar 1922 wurde es aufgelöst und das verbliebene Inventar versteigert. Einige Gegenstände gelangten zu diesem Zeitpunkt in die Sammlung des Mindener Museums. Als das Museum 1922 wiedereröffnet wurde, präsentierte man im Dachge-schoss in zwei Räumen Objekte, um „Erinnerungen an das Kriegsge-fangenenlager Minderheide zu wecken.“ Der Umfang der damaligen Sammlung ist nicht gesichert, weil eine systematische Erfassung unterblieb. Bei der ersten wissenschaftlichen Dokumentation des Be-standes ließen sich Mitte der 1980er Jahre immerhin noch 168 Objekte sowie Archivalien nachweisen, außerdem etwa zweihundert Fotogra-fien, Skizzen, Karikaturen und Aquarelle.

    In der Sammlung befinden sich heute etwa 50 künstlerische Objekte, darunter mehrere der dekorativen Holzvögel. Die Holzschnitzereien ähneln stark den russischen Glücksvögeln oder der „Pomor Taube“. Pomor ist eine Region am Weißen Meer im Norden Russlands. Der Glücksvogel stammt aus der Mythologie der Volksgruppe der Pomoren. Es ist daher wahrscheinlich, dass die geschnitzten Holzvögel von Kriegsgefangenen aus dieser russischen Region und von dieser Ethnie gefertigt worden sind.

    Der Vogelkorpus ist massiv gearbeitet und besteht aus zwei Holzstü-cken, die in einem 90°-Winkel zusammengesteckt sind. Die Federn sind ebenfalls aus einem massiven Stück Holz gearbeitet. Nachdem die Form der Federn herausgeschnitzt ist, werden die einzelnen Federn aus dem Stück brettchenartig gespalten. Diese Brettchen werden dann wie Federn aufgefächert. Traditionell besteht der Vogel aus Ze-dernholz und wird im Flug dargestellt. Nur in wenigen Fällen wird der Vogel verziert. 

    Die Gefangenen hatten in der Woche kaum Freizeit, nur der Sonntag war weitgehend frei von Diensten. Jede Gelegenheit wurde genutzt, um Abwechslung in den monotonen Lageralltag zu bringen: Briefe schreiben, basteln, schnitzen, malen, spielen, musizieren oder Sport treiben. Vielfältigste Formen der Freizeitbeschäftigung sind für das Lager Minden belegt. Die teilweise sehr großen wirtschaftlichen, sozi-alen und kulturellen Unterschiede zwischen den Gefangenen werden im Bereich der Freizeitgestaltung offensichtlich. Die französischen Gefangenen spielten Theater oder malten, die englischen boxten oder spielten Fußball, während die „russischen“ ihre geschnitzten Bilderrahmen, Ziervögel oder Ikonen gegen Brot oder Lebensmittel einzu-tauschen versuchten. Bedingt durch den Bürgerkrieg in Russland und durch weitere Faktoren war ihre Versorgungslage oft wesentlich schlechter als die der westlichen Gefangenen. Möglicherweise entstanden aus diesem Grund auch die beiden dekorativen Holzvögel. 

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