Bildung, Kultur, Sport

Objekte im Fokus

Entdecken Sie an dieser Stelle alle zwei Monate die Geschichte hinter einem Objekt aus der Sammlung des Mindener Museums.

  • Das Sammeln, Bewahren und Erforschen von Objekten sind wesentliche Aufgaben eines Museums. Sie finden aber oft unbemerkt von der Öffentlichkeit statt. Unsere Sammlung umfasst zurzeit rund 60.000 Objekte. Selbst nach Abschluss der neugestalteten Dauerausstellung werden noch immer 95% der Objekte verborgen im Magazin lagern. Die Vielfalt, die Geschichte und den Dokumentationsstand unserer Sammlung stellen wir alle zwei Monate am Beispiel eines Gegenstandes vor. Er wird als „Objekt im Fokus“ im Foyer ausgestellt und dort seine Geschichte erzählt.

    • Januar & Februar 2020: Blindenschreibmaschine, 1950er Jahre



      Das Objekt im Fokus in den Monaten Januar und Februar ist die „Stenographiermaschine für Blindenpunktschrift Picht“. Der Entwickler der Maschine war der Blindenlehrer Oskar Picht (1871-1949). Produziert wurde die Maschine vermutlich in den 1950er Jahren in der „Bruno Herde u. Friedrich Wendt Maschinenfabrik und Mechanische Werkstatt“.

      Die Blindenschreibmaschine gehörte einem ehemaligen Soldaten, der 1944 während einer Übung durch die vorzeitige Explosion einer Granate erblindete. Er war somit einer der ca. 11.000 Kriegsblinden, die nach 1945 in Deutschland lebten. Nach dem Krieg ließ er sich in Minden nieder und arbeitete als Masseur.

      Die Stenographiermaschine ist in ein mobiles Holzgehäuse eingebaut und mit Filz gepolstert, um die Handhabung möglichst angenehm und verletzungsfrei zu machen.

      Seit dem 18. Jahrhundert probierten sich verschiedene sehende Lehrer und Wissenschaftler daran, eine Schrift für blinde Menschen zu erfinden. Sie versuchten die lateinische Schrift zu verwenden, in dem sie die einzelnen Buchstaben fühlbar machten. Die normalen Buchstaben wurden in Papier gedrückt oder gestochen, sodass man die Höhenunterschiede ertasten konnte. Diese Systeme scheiterten aber daran, dass Blinde die Buchstaben nur schlecht unterscheiden konnten.

      Der Erfinder, der noch heute genutzten Blindenschrift, Louis Braille (1809-1852) war selbst blind. Er besuchte die Pariser Blindenschule. Dort stellte 1819 ein Offizier eine neue Schrift vor, die er zur Übermittlung geheimer Nachrichten bei Nacht entwickelt hatte. Sie beruhte auf einem System von zwölf Punkten, die übereinander angeordnet wurden. Braille experimentierte mit diesem System und reduzierte die Anzahl der Punkte auf sechs, um die Schrift einfacher mit den Fingern ertasten zu können.

      Die sechs Punkte werden in zwei senkrechten Reihen mit jeweils drei Stellen angeordnet. Jede Stelle kann mit einem Punkt belegt werden oder leer bleiben. Aus diesem Grundraster aus Punkten und leeren Stellen entwickelte Braille ein vollständiges Alphabet, Satzzeichen und Zahlen. Das System bewährte sich und wurde schließlich von verschiedenen Blindenschulen übernommen. Im Jahr 1878 wurde die Punktschrift dann zur offiziellen internationalen Schrift für Blinde.

      Bis Oscar Picht 1901 die „Schreibmaschine für Blinde“ entwickelte, musste man die Punkte von hinten spiegelverkehrt in das Blatt drücken, um einen lesbaren Text zu erhalten. Schnelles Schreiben war auf diese Weise eher schwierig. Die Schreibmaschine kam aufgrund des verwendeten 6-Punkte Systems von Braille mit nur sechs Tasten und einer Leertaste aus. Durch das kombinierte Drücken von Tasten erreicht man die Punkt-Zusammenstellungen für verschiedene Buchstaben. Die 1909 entwickelte „Stenographiermaschine für Blinde“ bot durch den aufgerollten Papierstreifen den Vorteil, dass das Blatt Papier nicht so häufig gewechselt werden musste. Diese Neuerung ermöglichte es nun auch Blinden schneller zu schreiben und sich unkompliziert Notizen zu machen.

      Schreibmaschinen für Blinde werden bis heute produziert und genutzt. Seit den 1980er Jahren gibt es jedoch auch für Blinde die Möglichkeit, mit speziellen Braille-Modulen, den sogenannten Braillezeilen, den Computer zu nutzen.

       

    • November & Dezember 2019: Zinnfiguren, 1. Hälfte 20. Jh.



      Das Objekt im Fokus in den Monaten November und Dezember ist ein Konvolut von Zinnfiguren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie stammen aus dem Besitz einer Münsteranerin, die diese fein gearbeiteten Figuren filigran mit der Hand bemalte. Ihre Sammlung umfasst vor allem kulturgeschichtliche Alltagsszenarien verschiedenster Epochen. So befinden sich neben den ausgestellten Zinnfiguren auch Objekte zum Thema Ägypten, Orient, Antike, Mittelalter und 19. Jahrhundert in der Sammlung des Mindener Museums. Die Figuren 1981 wurden dem Museum sehr wahrscheinlich anlässlich der Ausstellung „Die Welt der Zinnfigur“ geschenkt.

      Zinnfiguren tauchen zum ersten Mal im 13. Jahrhundert in Magdeburg auf. Die Forschung geht davon aus, dass diese Figuren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zur Dekoration genutzt wurden. Als zentrale Produktionsstätten galten Nürnberg und Fürth. Eine Nürnberger Ratsentscheidung von 1578 stellte fest, dass „ihnen (den Nürnberger Zinngießern) nichts anderes zum Gießen zugelassen werden sollte, denn allein Kindswerk“(=Spielzeug).

      Bereits im 16. Jahrhundert finden sich in den Archivalien der fürstlichen Häuser und Hofhaltungen Berichte über Ausstellungen von Zinn- und Silberfiguren, die als Anschauungsmaterial und Spielzeug dienten. Der Habsburger Kaiser Maximilian (1469-1519) spielte als Kind mit Zinnfiguren. Auch die französischen Könige waren im Besitz solcher Spielfiguren. So bestellte der französische König Ludwig XIII. (1601-1643) für seinen Sohn, den späteren Ludwig XIV. (1638-1715), eine ganze Armee zinnerner Soldaten aus Nürnberg. Selbst Zar Peter III. von Russland (1682-1721) war im Besitz der beliebten Miniatursoldaten.

      Ab dem 17. Jahrhundert standen neben dem Zinnsoldaten auch noch zahlreiche andere Figuren zur Auswahl. Bei unserem Objekt im Fokus handelt es sich zum Beispiel um eine adelige Gartengesellschaft der Stilepoche Rokoko. Gut zu erkennen an den prunkvollen und eleganten Kleidern und den typischen „Allonge-Perücken“ (große, langlockige Herrenperücken). Die Darstellungen aus der Vor- und Frühgeschichte heben sich durch ihre Größe optisch etwas ab. Hier werden Szenen der Jagd sowie der Haus- und Hofarbeit abgebildet. Die Zinnfiguren zum Thema Hausmusik, zeigen eine Gesellschaft aus der Epoche des Klassizismus mit verschiedensten Instrumenten, Sitzgelegenheiten und Kunstgegenständen.

      Die neuen zeitgeschichtlichen und kulturellen Motive dienten als Lernspielzeug. Gerade Dioramen (Schaukästen mit Modellfiguren und -landschaften), die oft kulturhistorische Szenen darstellen, verschaffen dem Laien eine erste Vorstellung über komplexere Themen.

      Verkauft wurden die Nürnberger Zinnfiguren im 19. Jh. in kleinen ovalen Holzspanschachteln. Der Deckel der Schachtel war oft bunt bedruckt. Außerdem gab es sogenannte Schlachtenpackungen, diese beinhalteten, wie der Name vermuten lässt, Zinnfiguren zu berühmten Schlachten, wie zum Beispiel: Die Schlacht bei Dennewitz oder der Schlacht bei Leipzig. Die Schachteln waren manchmal sogar mit kleinen Landkarten mit Beschreibungen der Einzelheiten versehen. Der Verkaufspreis für eine 1/8-Pfund-Spandose, gefüllt mit flachen bunten Zinnfiguren, betrug im Einzelhandel um 1900 zwischen 20 und 30 Pfennig.

      Durch die immer besser werdende Qualität, die detailgenaue Gestaltung und die traditionellen Motive, begannen auch Erwachsene, die kleinen Figuren aus Zinn zu sammeln. Offensichtlich legte auch die Vorbesitzerin unserer ausgestellten Objekte sehr viel Wert auf die detailgetreue Bemalung ihrer Figuren. 

    • September & Oktober 2019: Lineal, 1786

      Das Objekt im Fokus in den Monaten September und Oktober ist ein Lineal aus dem Jahr 1786. Das Lineal entspricht nicht dem metrischen System mit Milli- und Zentimetern, wie wir es heute kennen. Der hölzerne Maßstab ist in 12 Felder gegliedert, die auf den beiden Längsseiten jeweils noch einmal in Halbe und in Viertel geteilt werden.

      Maßeinheiten entwickelten sich aus in der Natur vorkommenden Maßen wie dem menschlichen Körper. Als Elle wurde die Länge zwischen Ellenbogen und dem längsten Finger der Hand bezeichnet. Das Klafter war die Entfernung zwischen den zwei ausgestreckten Armen eines erwachsenen Mannes, wurde aber auch als Raum- und Flächenmaß genutzt. Eine Spanne entsprach der Breite einer gespreizten Hand. Der Fuß als Maßstab war weit verbreitet und gilt als eine der ältesten Maßeinheiten der Zivilisationsgeschichte. Bis zum Mittelalter unterteilte man den Fuß in 16 Finger, danach in 12 Daumenbreiten, dem sogenannten Zoll.

      Es gab nur das Problem, dass die dem Körper angepassten Maße von Mensch zu Mensch unterschiedlich waren. Damit waren Konflikte in Alltag, Handel und Rechtswesen vorprogrammiert. Nahezu jede Stadt und jedes Territorium hatten eigene Maße. Um Sicherheit zu schaffen, ließen Stadt- und Landesherren verbindliche Muster für jede Maßeinheit anfertigen. Damit sie für jeden zugänglich und überprüfbar waren, wurden sie oft an Rathäusern oder Stadttoren angebracht. Die Vielfalt an Maßen und Gewichten dauerte in Deutschland bis zur Reichsgründung 1870/71.

      In Minden wurde bis dahin der Preußische Fuß mit 31,38 cm verwendet. Dieser Länge entspricht das Lineal aus dem Mindener Museum mit seinen 28,2 cm aber nicht! Jede der 12 Untereinheiten ist 2,4 cm lang und ist durch eine durchgezogene Linie gekennzeichnet. Leider ist nichts über die Herkunft des Objekts bekannt. Es könnte von einem Schenker stammen, der nicht aus Preußen stammte. Ebenso könnte das Lineal aber einfach aufgrund seines Seltenheitswerts angekauft worden sein.

      Das Lineal diente nicht nur zum Abmessen, sondern auch als Hilfsmittel zum Zeichnen einer geraden Linie. Es wurde darum aus einem sehr harten, festen Holz gefertigt. Verziert ist das Lineal mit dem Schriftzug „Anno 1786“, dem Jahr der Herstellung. Es wird durch drei Ornamente unterteilt. Die aufwendigen blüten- und sternförmigen Ornamente zeigen beim näheren Betrachten, dass sie mithilfe eines Zirkels konstruiert wurden.

      Das mittlere Ornament wiederholt sich auf der Rückseite und wird dort von aus zwei Henkelvasen wachsenden Pflanzenornamenten umrahmt. Eine dieser Ranken trägt Tulpenblüten (einer im 18. Jh. sehr begehrten und kostbaren Blume). Die zweite zeigt stilisierte, nicht näher bestimmbare Blüten und Darstellungen von Vögeln. Dieses Motiv wird auch Lebensbaum genannt und findet sich zusammen mit ähnlichen geometrischen Ornamenten sehr häufig an Fachwerkfassaden des 18. Jh. im Mindener Raum.

      Die Grundlage für unser heutiges, metrisches System wurde seit 1790 in der Französischen Revolution gelegt. Ziel der beteiligten Wissenschaftler war es, eine ursprüngliche Längeneinheit in der Natur zu finden, die von jeder Nation anerkannt werden würde. Aus drei Optionen wurde der Quadrant der Distanz zwischen dem Nordpol und dem Äquator gewählt. Mit Hilfe der Triangulation sollte die genaue Strecke zwischen Dünkirchen und Barcelona bestimmt werden, die dann zur Berechnung der Strecke zwischen Pol und Äquator genutzt werden sollte. Es dauerte wegen der Revolutionskriege acht Jahre bis die Messung vollendet war. In der Zwischenzeit nutzte man einen provisorischen „Meter“ als Maßstab. Im Jahr 1799 wurde der „Urmeter“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Die internationale Vereinheitlichung der Längenmaße ging jedoch nur schleppend voran. Viele Staaten wie Preußen behielten zunächst ihre alten Maße bei, die dann ins neue metrische System umgerechnet werden mussten. Die erste Weltausstellung in London im Jahr 1851, internationale Kongresse und die Gründung internationaler Institutionen sorgten für einen Schub in der Öffentlichkeit und eine stärkere weltweite Verbreitung. Das Deutsche Reich führte den Meter im Jahr 1872 verbindlich ein.

    • Juli & August 2019: Schwarzer Schmuck, 19. Jh.

      In den Monaten Juli und August steht ein Konvolut von schwarzem Schmuck aus dem 19. Jh. im Fokus. Leider ist nichts Näheres über die Herkunft und Geschichte der Objekte bekannt, sie stammen vermutlich aus dem Besitz von Mindener Bürger*innen. Es handelt sich hierbei um Trauerschmuck, der aber auch als Modeschmuck getragen wurde.

      Ausschlaggebend für diese Entwicklung war das britische Königshaus. Königin Victoria (1819-1901) trug nach dem Tod ihres Gatten Prinz Albert (1819-1861) 40 Jahre lang Trauer und ordnete an, dass während dieser Zeit einzig Schmuck aus Jet am Hof getragen werden sollte.

      Jet ist eine natürliche Fossilie aus versteinertem Holz, oft von der Araucarie, einer seit 90 Millionen Jahren existierenden Schuppentannenart, die sich unter großem Druck in Faulschlammsedimenten bildete. Hauptvorkommen liegen neben dem englischen Whitby, in Spanien, Südfrankreich und im deutschen Schwäbisch Gmünd. Der Fundort des Materials am Fluss Gagae in der Türkei gab ihm auch den weit verbreiteten Namen Gagat. Das Material hat eine tiefschwarze Farbe und lässt sich hochglänzend polieren. Es ist kratzempfindlich und bricht muschelig. Zudem ist es ähnlich wie fossiles Bernstein relativ leicht und lädt sich elektrisch auf. Ein Beispiel aus der Sammlung des Mindener Museums ist die kürzere, facettierte Perlen-Halskette aus Jet/Gagat (auf dem Foto vom Betrachter aus links zu sehen).

      Die modischen Entwicklungen am englischen Hof beeinflussten auch weite Teile des europäischen Adels und des Bürgertums. Mit dem Anstieg der Nachfrage mussten immer mehr Ersatzmaterialien für den ursprünglich verwendeten Jet gefunden werden.

      In Frankreich z.B. verkaufte man „französischen Jet“. Dabei handelte es sich um Schmuck aus facettiertem schwarzem Glas. Der Schmuck war so beliebt, dass weitere Glasindustrien dem französischen Beispiel folgten. Die schmale, auf dem Foto mittig liegende Halskette aus facettierten, schwarzen Glassteinen ist ein Beispiel aus dem Bestand des Mindener Museums. Auch die Hutnadel und die Broschen weisen einen Besatz aus schwarzem Glas auf. Man kombinierte die Glassteine auch mit schwarz gefärbtem Metall, wie die Brosche in Blütenform aus schwarz bemaltem Metall mit Glasstein belegt.

      Da der schwarze Edelstein Onyx recht selten war, begann man in Idar-Oberstein, den Halbedelstein Achat schwarz zu beizen. Dazu legt man den Edelstein in eine Zucker- oder Honiglösung. Die Zuckermoleküle drangen tief in die durchlässigen Schichten des Steins ein. Gekocht in verdünnter Schwefelsäure wurde aus dem Zucker Kohle und färbte den Stein schwarz. 

      1851 wurde von Nelson Goodyear ein schwarzes Hartgummi namens Ebonit entwickelt. Sein Bruder Charles Goodyear hatte einige Jahre zuvor die Vulkanisation erfunden. Bei dem Verfahren wurde Naturkautschuk mit großen Mengen Schwefel erhitzt und es entstand ein elastisch verformbarer Kunststoff (Gummi). Unter der Hinzugabe von Bleiweiß reagierte er zu Ebonit. Das neuartige Material konnte in Formen gegossen, aber auch geschnitzt und poliert werden, so dass sich das leichte Material für die Anfertigung von filigranen Schmuckstücken eignete. Das Material war recht stabil,  veränderte aber unter starker UV-Einstrahlung seine Farbigkeit ins Grau-Braune. Beispiele aus dem Mindener Museum dafür sind das Medaillon (rechts unten) und die Brosche mit vier Glassteinen, die auf einer Unterlage aus Ebonit befestigt sind.

      Seltener wurde der, 1855 in Frankreich von France Lepage erfundene Kunststoff „Bois Durci“ (frz. für „gehärtetes Holz“) verwendet. Er bestand aus Ebenholz- oder Palisandermehl mit den Bindemitteln Rinderblut, Gelatine oder Eiweiß. Das Materialgemisch wurde in eine Gussform aus Stahl gegossen, unter Druck erhitzt und dann schockartig abgekühlt. Das Material stellten bis 1920 einige, wenige französische Firmen her. 

      Zum 50-jährigen Jubiläum der Thronbesteigung von Königin Victoria im Jahr 1887 wurde die offizielle Trauer am britischen Hof gelockert. Die Nachfrage nach Jet-Schmuck sank in der nachfolgenden Zeit stark. 

    • Mai & Juni 2019: Meerschaumpfeifen & Zigarrenhalter aus Meerschaum, Mitte 19. Jh.



      In den Monaten Mai und Juni steht ein Konvolut von aufwendig gestalteten Meerschaumpfeifen und Zigarrenhaltern im Fokus.

      Das Kunsthandwerk der Meerschaumschnitzerei soll im Jahr 1753 von Karl Kovacs in Pesth in Ungarn (heute ein Stadtteil von Budapest) „erfunden“ worden sein.

      Das Ausgangsmaterial Sepiolith ist ein Magnesium-Schichtsilikat. Der Rohstoff wird noch heute in Anatolien (Türkei) abgebaut. Da das Material aber bei der Förderung so weich wie Wachs ist und erst an der der Luft aushärtet, muss es vor Ort zunächst einen mehrere Schritte umfassenden Trocknungsprozess durchlaufen. Bei diesem werden verfärbte und verunreinigte Bereiche entfernt, das Material getrocknet, das Material gekocht, getrocknet und schließlich für den Verkauf mit einem in Wachs oder Seife getauchten Tuch poliert.

      Heute darf dieser seltene Rohstoff nur noch unter Auflagen exportiert werden. Damals gelangte er über Konstantinopel, Triest und Ungarn nach Österreich und Deutschland. Dort wurde er in den Messestädten Wien, Leipzig und Braunschweig verkauft. Interessant ist, dass sich das Meerschaum-Kunstschnitzerhandwerk nicht nur im Umfeld dieser Zentren ansiedelte, sondern auch im nahen Lemgo. Der Überlieferung nach soll 1740 das Rohmaterial zum ersten Mal nach Lemgo gebracht worden sein. Hundert Jahre später – war die Hochzeit der Pfeifenherstellung in Lemgo, nun arbeiteten hier bereits 10 Kunstdrechsler.

      Schwierig war es für die Lemgoer Produktion, da sie fern der den modischen Ton angebenden Zentren lag, den aktuellen Zeitgeschmack zu treffen. Man holte sich Inspirationen bei Messen und arbeitete nach Vorlagen. Diese waren aber nur sehr selten und schwierig zu erhalten. Ein weiterer Faktor war, dass nicht alles vor Ort produziert werden konnte und die Handwerker die aufwendigen Etuis aus Papier, Leder und Stoffen sowie Silberbeschläge zukaufen mussten.

      Da das Material „Meerschaum“ bei Kontakt mit Feuchtigkeit zu kleben begann, wurden die Mundstücke meist aus Bernstein gefertigt. Diese sind bei einem Teil unserer Pfeifen verloren gegangen – vielleicht zerbrochen oder aus hygienischen Gründen entfernt.

      Gegen Ende des 19 Jh. litt die Lemgoer Produktion sehr unter der Konkurrenz aus Wien, Paris, Leipzig und Ruhla, sowie den neuen, preisgünstigen Produkten aus Restwerkstoffen: Massa-Meerschaum und Ambroid-Bernstein. Zudem begannen sich die Rauchgewohnheiten mit der Entwicklung der Zigarre zu Beginn des 19. Jh. zu verändern. Aus Lemgo ist überliefert, dass 1849 10 Menschen in der Zigarrenherstellung arbeiteten; 1878 waren es bereits 140. Pfeifen mit kleinen Öffnungen für Tabak, wie die aus dem Mindener Museum, werden oft auch als Zigarren- oder Zigarillohalter bezeichnet. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie aus dieser Umbruch-Phase stammen. Ob die Mindener Pfeifen wirklich in Lemgo produziert wurden ist fraglich und kann aufgrund der mangelnden Überlieferung der Objektgeschichte nicht geklärt werden.

      Das Bildthema der Hand, die einen Blumenstrauß überreicht deutet auf die Stilepoche des Biedermeier (1815-1848), die Motiven der Empfindsamkeit und Freundschaft eine große Rolle beimaß. In der bildenden Kunst haben Motive wie der Schmetterling auf dem Hut des Herrenkopfes, das Rauchen einer Pfeife sowie ein Blumenbouquet, neben ihrer abbildenden und dekorativen Funktion, noch die eines Symbols für Vergänglichkeit.

    • März & April 2019: Mit Messing geklammertes und genietetes Porzellan aus dem 18. Jh.



      In den Monaten März und April steht die außergewöhnliche Reparaturtechnik des Klammerns und Nietens von Porzellan im Fokus. Gezeigt wird ein Ensemble von Porzellan aus dem 18. Jh.. Die Schale und die Kaffeetasse mit Untertasse stammen zwar nicht aus einer Hand, gleichen sich aber in ihren strengen klassizistischen Form und der Ausgestaltung. Das weiße Porzellan ist mit einer klaren goldenen Linie an den Rändern abgesetzt. In den eingefassten Feldern werden südliche Landschaften mit pittoresken (malerischen) Gebäuden gezeigt. Das Porzellan entspricht in seiner schlichten Formensprache und den Motiven der Darstellungsweise des Empires - einer Stilrichtung, die sich um 1800 in Frankreich entwickelt und unter Napoleon Bonapartes (1769-1821) ganz Europa beeinflusst.

      Nur die Tasse trägt eine Marke - ein geschwungenes, unter der klaren Glasur liegendes, blaues G - die darauf hindeutet, dass die Tasse nach 1800 in einer Manufaktur im Thüringischen Gera hergestellt worden ist. Porzellan kann in Deutschland erst seit 1709 hergestellt werden und ist sehr kostbar. Daher erfand man Mittel und Wege, zerbrochenes Porzellan zu flicken.

      Wie die Erfindung des Porzellans stammt auch die hier angewendete Reparaturtechnik aus China. 1802 erwähnt der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) in seinen Vorlesungen zur „Physischen Geographie“ eine chinesische Technik: „zerbrochenes Geschirr flicken sie, mit einem kupfernen Draht in der Art, dass keiner anfänglich den Bruch gewahr wird“. 1838 beschreibt F. Bastenaire-Daudenart (Lebensdaten unbekannt) in seinem Handbuch „Kunst, das echte Porzellan zu fabriciren…“ genauer, wie die Technik durchgeführt wird: „Sie bedienen sich des Diamants als einer Nadel um damit kleine Löcher ins Porzellan zu bohren, durch welche sie einen sehr zarten messingenem Draht ziehen…“.

      Bei dem Porzellan aus dem Bestand des Mindener Museums wurde jedoch kein Metalldraht verwendet: die in der Mitte entzwei gebrochene Schale wird durch zwei Messingklammern zusammengehalten, der gesamte Henkel der Tasse durch einen Messingbügel ersetzt und vernietet. Diese Technik stimmt mit den Beobachtungen überein, die der Agrarwissenschaftler Alexander Petzholdt (1810-1889) 1871 auf Handwerkermärkten in China und Usbekistan machte.  Er wirkte von 1846 bis 1872 als Professor an der Universität Dorpat (heute: Tartu, Estland), der einzigen deutschsprachige Universität im Russischen Kaiserreich und beschreibt: „das Verfahren besteht darin, dass man in die Glas- oder Porzellanscherben, einige Linien von den Bruchkanten entfernt, einander gegenüberstehende Löcher mittels Schmirgel einbohrt, und durch später mittelst Kitt darin befestigte kleine eiserne Klammern die wiedervereinigten Bruchstücke dauernd verbindet“. Er bewundert: „Die Gewandheit mit welcher die Löcher gebohrt werden, die aber nur bei sehr dünnem Glase durch und durch gehen, sonst aber nur von der äusseren Oberfläche bis zu einer gewissen Tiefe sich erstrecken, und ebenso die Sicherheit mit welcher die eisernen Klammern mittelst Hammerschlag eingetrieben oder (bei durchgehenden Löchern) von innen vernietet werden, ist ganz außerordentlich.“ Der Autor schildert weiterhin, dass die Arbeitskraft im Vergleich zum Einkaufspreis des Porzellans sehr günstig war und so „Jedermann“ sein Porzellan flicken ließ. Genaue Berichte wie die Technik nach Deutschland kam gibt es nicht, vorstellbar sind reisende Handwerker oder auch die Nachahmung der Technik aufgrund von Beispielen oder Berichten.

      Im geputzten Zustand erhält Messing einem dem Gold ähnlichen Glanz, so dass man sich vorstellen kann, dass sich der heute dunkel angelaufene Henkel harmonisch einfügte und die Gestaltung der Tasse nur wenig störte. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Bezug zu der in Japan seit dem 16. Jh. angewandten Kintsugi-Technik: die geklebte Bruchstelle von Porzellan oder Keramik wird mit einem Goldlack nachgezeichnet und hervorgehoben. Hinter dieser Betonung des Makels steht ein ästhetisches Prinzip, das der Zen-Philosophie nahesteht und die Schönheit im Vergänglichen und Fehlerhaften erkennt.

    • Januar & Februar 2019: Spielzeugfuhrwagen, Heinrich Bredemeier, Minden i. W.




      Das Objekt im Fokus in den Monaten Januar und Februar ist ein Spielzeugfuhrwagen aus Holz. Das Besondere an diesem schlichten Bretterwagen im Miniaturformat sind die Aufschriften „HB Papenmarkt N. II“ und  „Heinrich Bredemeier, Minden i. W.“ - sie geben uns die Möglichkeit, mehr über die Geschichte des Objektes und seiner ehemaligen Besitzer herauszufinden.

      Das Haus Papenmarkt 2 in Minden ist wahrscheinlich vielen Mindenern bekannt  - es handelt sich um das sogenannte „Hansehaus“. Es wurde 1547 für den damaligen Bürgermeister Roleff Vogt errichtet. Das Haus gehörte ab 1818 bis in die 1960er Jahre einer Familie Bredemeyer bzw. Bredemeier. 1958 setzten sich das Mindener Museum, der Landesrestaurator und eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Gebäudes ein. Im Zuge der Wiederherstellung errichtete man den renovierungsbedürftigen Giebel in Form eines mittelalterlichen Hansehauses neu und prägte so seinen heutigen Namen. 

      Recherchen im Kommunalarchiv ergaben, dass seit 1832 ein Fuhrmann Bredemeyer am Papenmarkt 2 nachweisbar ist. Ältere Baupläne zeigen, dass das Haus jedoch bereits seit 1818 Stallungen besaß. Ab 1850 wurde das Haus vermietet. Der Fuhrmann Bredemeyer nutzte den Stall für 4 Pferde aber weiterhin selbst. Seit den 1890er Jahren und mindestens bis 1908 ist Heinrich Bredemeyer Besitzer des Hauses. In den Überlieferungen aus dieser Zeit wird er als Ackerbürger und Landwirt bezeichnet.

      Ackerbürger Heinrich Bredemeyer lässt 1892 an der Königstr. 78 eine Scheune errichten. Wie lange er dort wirtschaftete, ist nicht bekannt. Im Nebenhaus, Königstraße 76, hatte sein Bruder August 1877 ein Wohnhaus mit angeschlossener Schmiede und Stellmacherei errichten lassen. Die Schmiede wurde mindestens bis 1892 betrieben und spätestens 1919 aufgegeben. Noch 1963 gehört das Haus einem Landwirt Bredemeyer.

      Es existiert auch ein zum Wagen gehörendes, vermutlich nicht selbst angefertigtes Holzpferd auf Rädern. Dieses gab vielleicht den Anstoß dazu, einen passenden Fuhrwagen in Heimarbeit zu bauen. Es könnte gut möglich sein, dass dieser in der Schmiede und Stellmacherei des August Bredemeyer angefertigt wurde. Darauf deutet auch die  Aufschrift „Mattonis Gießhübler Sauerbrunnen“ hin. Die tschechische Mineralwassermarke existierte seit 1864 und gehörte 1880 zu den bekanntesten in Europa. Der europaweite Vertrieb brach erst mit dem Ersten Weltkrieg ein.

      Auch wenn man heute nicht mehr sagen kann, wer genau mit dem Fuhrwagen gespielt hat, so transportiert er doch komplexe Informationen zur Geschichte der Familie Bredemeier: Erinnerungen an das Stammhaus der Familie am Papenmarkt und an den Beruf eines Vorfahren, der Fuhrmann war; an Heinrich Bredemeyer, der dort noch wohnte und wirtschaftete; und an August Bredemeyer, der als Stellmacher und Schmied arbeitete.

    • November & Dezember 2018: Teefilter, 1950er Jahre


      Beim „Objekt im Fokus“ der Monate November und Dezember 2018 handelt es sich um wenig bekannte Haushaltswaren der Mindener Firma „Melitta“ zur Aufbereitung von Tee. Der andauernde wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens basiert bekanntlich auf der Erfindung des Kaffee-Filters durch Melitta Bentz im Jahr 1908. Anschließend wurde der Markenname „Melitta“ zum allgemeinen Begriff für hochwertige Kaffee-Zubereitung. Schon sehr früh in der Geschichte des Unternehmens dachten Melitta und Hugo Bentz daran, neben der Kaffee- auch die Teezubereitung zu erschließen. In den 1930er Jahren entwickelte man daher die Tee-Mühle.                                                        

      Das Argument für das Mahlen des Tees – analog zum Mahlen der gerösteten Kaffee-Bohnen – war, dass sich damit die „Ergiebigkeit“ der gekauften Tee-Menge wesentlich erhöhen ließe. Kosten-Reduzierung war besonders bei den damals hochpreisigen Genussmitteln immer ein schwer zu widerlegendes Argument. Zudem benutzten auch die anfangs noch nicht vollends ausgereiften Produkte auf dem Marktsegment der Teebeutel stets Tee der Qualität „Dust“ („Staub“). Passionierte Tee-Genießer hätten jedoch niemals hochwertigen Tee durch Mahlen zu weniger qualitativem Tee herabgestuft. Sparsame oder wenig informierte Teetrinker griffen hingegen gleich zum Teebeutel und sparten sich den Mahl-Aufwand. So wurde aus der Melitta-Tee-Mühle kein erfolgreiches Produkt in der Sparte der Getränke-Zubereitung. Trotzdem blieb sie fast drei Jahrzehnte in unterschiedlichen Ausführungen im Produkt-Angebot.

      Bereits 1914 erschien die Darstellung eines Melitta-Teefilters auf den Geschäfts-Briefbögen der Firma. Analog zum Kaffee-Satz, der mit dem Kaffeefilter im Getränk vermieden wurde, sollte das Filterpapier auch aufgegossene Teeblätter zurückzuhalten.

      Allerdings gibt es einen generellen Unterschied in der Zubereitung von Kaffee und Tee: Tee muss für einen vom Konsumenten gewünschten Zeitraum „ziehen“. Der Aufguss darf also nicht sofort durch den Filter ablaufen. Melitta hatte 1932 die konkurrierende Firma „Blitz-Filter“ übernommen, die das trichterförmige Filtergehäuse erfunden hatte, dessen Ablaufrillen für den kontinuierlichen Abfluss des Kaffee-Aufgusses sorgen. Damit wurde ein generelles Problem gelöst, dass nämlich beim ursprünglich zylindrischen Melitta-Filtergehäuse nach dem Quellen des Kaffee-Pulvers der Abfluss des Kaffees durch das auf dem Boden platzierte Filterblatt oft nur sehr zögerlich erfolgte. Nun fehlte für die Teezubereitung im Trichterfiltergehäuse nur noch ein entscheidendes Element: die Ablauf-„Barriere“, die während des „Ziehens“ des Tees geschlossen bleiben muss. Zu dem Zweck wurde das Trichtergehäuse mit einer einzigen seitlichen Ablauf-Bohrung ausgestattet, die mit einem Stöpsel verschlossen wurde und zum gewünschten Zeitpunkt geöffnet werden konnte.

      Bei der Einführung des Melitta-Trichter-Filtergehäuses gab es das analog gestaltete Trichter-Filterpapier noch nicht. Das anfangs dafür vorgesehene Filterblatt war noch eben und musste mit einem mit dem Trichtergehäuse gelieferten perforierten „Niederdrücker“ im Gehäuse platziert werden. 1938 war dann die Entwicklung des trichterförmigen Filterpapier-Einsatzes („Filtertüte“) abgeschlossen, der anschließend für Jahrzehnte den Markt der Kaffee-Zubereitungs-Geräte in den privaten Haushalten dominieren sollte.

      Diese Marktdominanz hat der Teefilter allerdings nie erreicht. Er konkurrierte seit den 1950er Jahren mit dem „Tee-Beutel“, der nach ebenfalls jahrzehntelanger Entwicklung die Tee-Zubereitung stark vereinfacht hatte. Nachdem zuvor noch eine Polyacryl-Version des Teefiltergehäuses vermarktet wurde, reagierte Melitta in den 1980er Jahren und trennte den Teefilter von der Kaffee-Filtertüte:                                                                                                     

      So entstand der mit einem Halter in der Teekanne platzierte Teefilter-Beutel, der seit 1984 unter dem Markennamen „Cilia“ von Melitta angeboten wird. Damit wurde endlich die Marktpräsenz des Filters im Tee-Segment erreicht, die man im Kaffee-Segment schon seit Jahrzehnten besaß. 1990 übernahm Melitta sogar noch das Teebeutel-Konzept, und 2001 wurde der halterlose Teefilter eingeführt: stets unter der für Tee-Produkte etablierten Marke „Cilia“.


    • September & Oktober 2018: Gipsmodelle für das Denkmal des Friedhofs des Infanterie-Regiments Nr. 15 in Wicres Route de la Bassée, Frankreich



      Das Objekt im Fokus für die Monate September und Oktober ist ein Konvolut von zwei Gipsmodellen für das auf dem Regimentsfriedhof in Wicres Route de la Bassée, Frankreich, aufgestellte Denkmal des Infanterie-Regiments Nr. 15 für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die Abgüsse wurden von H. Schaper in Minden angefertigt und gelangten als Schenkung ins Mindener Museum.

      Das Gesamtmodell stellt das Denkmal dar, so wie es auch auf dem Friedhof zu finden ist. Zusätzlich gibt es ein Detailmodell der seitlich angebrachten Figuren. Das Modell zeigt einen überbreiten, mehrfach abgestuften Sockel, auf dem sich ein mächtiges Kreuz befindet. Unterhalb des Querbalkens dieses Kreuzes befinden sich links und rechts zwei trauernde Frauen, die ihre Hände vor das Gesicht geschlagen haben.

      Der Entwurf des Modells stammt von dem deutschen Bildhauer Otto Richter (1867-1943). Im Jahr 1901 gewann er den ersten Preis für ein Kaiser-Friedrich-Denkmal in Berlin-Charlottenburg. Weitere Werke von ihm schmückten u.a. das preußische Kultusministerium oder sind noch heute im Berliner Zoologischen Garten (Skulptur „Dem Deutschen Blindenhund“) zu bewundern. Das geplante Denkmal war jedoch ursprünglich für einen anderen Standort vorgesehen, als für den französischen Friedhof.    

      Das Infanterie-Regiment „Prinz Friedrich der Niederlande“ (2. Westfälisches) Nr. 15 kämpfte im Ersten Weltkrieg bis Februar 1916 hauptsächlich in Flandern an der Westfront. Durch den massiven Beschuss der britischen Artillerie ab Beginn des Jahres 1916 wurde der bis dahin genutzte Regiments-Friedhof in Halpegarde bei Ligny le Grand in Frankreich stark in Mitleidenschaft gezogen. So wird davon berichtet, dass Gräber aufgerissen, Grabkreuze zerstört und die den Platz umgebenden Ulmen umgebrochen wurden. Der Anblick der Zerstörung bewog das Offizierskorps zur Umbettung der Toten. So entschied man sich, den gesamten Friedhof zum heutigen Standort Wicres Route de la Bassée, ebenfalls in Frankreich zu verlegen und die sterblichen Überreste der Gefallenen des Infanterie-Regiments Nr. 15 dorthin zu verbringen. Mindener Firmen beteiligten sich am Aufbau dieses neuen Friedhofs. Das im Modell dargestellte Denkmal fand dort seinen Platz.


    • Juli & August 2018: Reservistenkrug, 1936


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Juli und August ist ein Reservistenkrug aus dem Jahr 1936.

      Bierkrüge gibt es in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert. Dabei wurden sie für die verschiedensten Anlässe immer wieder neu erdacht und in neuen Formen verkauft. Eine besondere Art sind die Reservistenkrüge. Erste Reservistenkrüge erschienen bereits vor 1800. Diese waren jedoch sehr einfach gehalten und unterschieden sich kaum von normalen Bierkrügen. Ihre Blüte erlebten die Krüge im Kaiserreich und im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Durch den Versailler Vertrag erhielt Deutschland ein 100.000 Mann Berufsheer. Dadurch wurden die Krüge zunächst weitgehend überflüssig. Erst mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht unter den Nationalsozialisten 1935 kamen sie wieder in Mode.

      Die Krüge dienten Soldaten als Andenken an ihre Dienstzeit. Sie wurden in der Regel nach dem Ausscheiden aus dem Dienst erworben. Anfangs waren die Krüge im Verhältnis zum Sold der Soldaten sehr teuer. Mit steigender Beliebtheit und der Produktion größerer Stückzahlen wurden sie immer preiswerter. Auf den Krügen waren meist der Name des Soldaten, sein Dienstgrad, die Kompanie in der er gedient hatte und die Dienstzeit angegeben. Die Krüge waren Teil der militärischen Erinnerungs- und Identifikationskultur.

      Hergestellt wurden die Krüge zumeist aus Steingut, Steinzeug oder Porzellan. Die Zinndeckel sind oft sehr kunstvoll gestaltet. Anfangs wurden die Krüge von Hand bemalt und von Künstlern hergestellt, welche von Garnison zu Garnison reisten. Mit steigender Beliebtheit wurden die Krüge massenhaft hergestellt. Die Motive waren vorgegeben und lediglich die persönlichen Angaben der Soldaten wurden händisch ergänzt. Häufig verfügten die Krüge über kleine, kunstvoll gestaltete Bilder, sogenannte Lithografien, im Boden.

      Der hier dargestellte Krug besteht aus Steinzeug mit einem Zinndeckel. Der Krug ist 23,5 cm hoch und mit einem Motiv, umlaufenden Zierbändern und verziertem Henkel versehen. Das Motiv ist eine Darstellung von Pionier-Trophäen und einer Bootsbrücke über die Weser. Im Hintergrund sind die Porta Westfalica und das Kaiser Wilhelm Denkmal zu sehen. Umrahmt wird das Bild von einem Lorbeerkranz mit zwei Zierschleifen in den Farben des Deutschen Reiches links und rechts. Auf dem Krug sind zwei Aufschriften zu erkennen. Zum einen die Benennung des dritten motorisierten Pionier-Bataillons der Kompanie in Minden („3. (mot.) Pi.-Batl.-Komp.-Minden“) und der Schriftzug „Zur Erinnerung an meine Dienstzeit“. Der Zinndeckel zeigt einen Stahlhelm der Wehrmacht auf Eichenlaub. Seitlich des Stahlhelms sind links der Reichsadler mit Hakenkreuz und rechts ein Emblem, auf welchem die Farben des Deutschen Reiches zu sehen sind, angebracht. Vorne auf dem Deckel ist der Name des Eigentümers (August Messing) eingraviert. Auf der Innenseite des Deckels ist die Prägung des Herstellers (G. Wieninger Sen. München 50) angebracht. Der Krug gelangte 1977 als Schenkung von August Messing in den Bestand des Museums. Dieser hatte den Krug 1936 nach seiner dreijährigen Dienstzeit erworben.

      Heute sind Reservistenkrüge bei Sammlern sehr begehrte Stücke. Auf Messen und im Internet werden viele schöne und interessante Krüge angeboten. Dabei können seltene Krüge Preise über 2.000 € erzielen. Massenware wie der Krug von 1936 liegen aber bei höchstens 150 €. Außerdem sind sehr viele Repliken im Umlauf.

    • Mai & Juni 2018: Pickelhaube, 1914-1918


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist eine Pickelhaube, die der letzte Adjutant des in Minden stationierten Hannoverschen Pionier-Bataillons Nr. 10 zu Beginn des Ersten Weltkriegs trug. Das Objekt kam als Geschenk des Obersts a. D. Reiche im November 1955 in die Sammlung des Mindener Museums. 

      Die Pickelhaube, dessen offizielle Bezeichnung „Lederhelm mit Spitze“ war, galt als ein nationales Symbol Preußens. Ihren Ursprung hatte sie in den Helmen mit Metallspitze, die der preußische König Friedrich Wilhelm IV. den Offizieren im Jahre 1843 verordnete. Später rüstete man auch Polizisten damit aus. Die Pickelhaube galt nach 1871 als ein identitätsstiftendes Sinnbild des Deutschen Reiches, wurde aber von vielen als Symbol des preußischen Militarismus wahrgenommen. 

      Die Helme wurden aus gefestigtem Leder mit Metallverstärkungen hergestellt. Sie verfügten über Belüftungslöcher im Fuß der Metallspitzen. Diese konnten seit 1895 abgeschraubt und bei Paraden gegen helles oder schwarzes Büffelhaar ausgetauscht werden. An der Ausführung der Pickelhaube konnte man den Dienstrang und Stand des Besitzers und dessen Zugehörigkeit zu Waffengattung und Regiment erkennen und zuordnen.

      Zwar waren die Helme ein wirksamer Schutz gegen Hiebe und Kolbenschläge, jedoch erschwerten die Spitzen die Tarnung der Soldaten. Sie waren eine Einladung für gegnerische Scharfschützen.

      Bereits während der Einigungskriege 1864/66 und 1870/71 veränderte sich daher die Trageweise: Die Soldaten zogen mit verkürzter Spitze in den Krieg. Seit 1892 trug man zusätzlich noch einen beigefarbenen Tarnüberzug zum Helm. Modelle ab 1895 besaßen eine abnehmbare Spitze. Im Ersten Weltkrieg erwies sich die Pickelhaube infolge der modernen Waffentechnik für den Krieg im Schützengraben als unbrauchbar. Die Lederhelme schützten nicht gegen Granatsplitter. Daher etablierte sich ab 1916 der Stahlhelm. 

      Das Objekt im Fokus ist ein Offiziershelm aus schwarzem Lederkörper mit einer abnehmbaren silbernen Spitze, die durch Schrauben unterhalb der vier Goldsterne befestigt ist. Rechts und links ist das Helmband mit Kokarden verziert: Auf der rechten Seite werden die nationalen Farben in einem schwarz-weiß-rotem Emblem dargestellt, links die schwarz-weißen Farben Preußens. Auf der Vorderseite ist der preußische Adler zu erkennen. Die Inschrift „Mit Gott für König und Vaterland“ steht unter der schwarzen Inschrift „Peninsula Waterloo“. Diese identitätsstiftende Inschrift sollte eine Tradition des Pionier-Bataillons aus den Befreiungskriegen begründen. 

      1803 entstand durch Anwerbung von überwiegend hannoverschen Offizieren und Soldaten die „Deutsche Legion“ im Kampf gegen Napoleon. Von 1714 bis 1837 waren die Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg bzw. Könige von Hannover in Personalunion gleichzeitig Könige von Großbritannien. Die Legion erhielt darum für ihre Tapferkeit mehrere britische Auszeichnungen, darunter „Peninsula“ und „Waterloo“. Mit Peninsula War bezeichnen die Briten den Krieg gegen Napoleon auf der Spanischen Halbinsel (lateinisch: Peninsula) zwischen 1808 und 1814. In der Schlacht von Waterloo 1815 wurde Napoleon endgültig besiegt. Bei der Aufstellung des Bataillons 1853 übernahmen die Pioniere diese Tradition.

      Die Pioniere waren in Minden im Fort B untergebracht. Anfang November 1918 sollten sie die beginnende Revolution in Hamburg-Harburg niederschlagen. Dies gelang aber nicht mehr. Bei ihrer Rückkehr nach Minden sollen die Pioniere vor Wut ihre Pickelhauben zerschlagen haben.


    • März & April 2018: Erinnerungsstück an den Stapellauf des „Norddeutschen Llyod“-Dampfers „Minden“ aus dem Jahr 1921


      Das Objekt im Fokus im März und April ist ein Erinnerungsstück an den Stapellauf des „Norddeutschen Llyod“-Dampfers „Minden“ aus dem Jahr 1921. Es besteht aus einer wappenförmigen, hölzernen Plakette auf der auf einem kleinen Podest der noch verkorkte Hals der Sektflasche der Marke „Kupferberg Trocken“ angebracht ist. Umrahmt wird er von einer wehenden Flagge in den Farben des deutschen Kaiserreichs. Traditioneller Weise wird ein Schiff vor seinem Stapellauf im europäischen Raum mit einer Sekt- oder Campagnerflasche getauft. Begleitet wird dieser festliche Akt von einer Rede, die dem Schiff „allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unterm Kiel“ wünscht. Behaftet ist der Taufvorgang jedoch mit Aberglauben: so muss die Flasche zerspringen und der Korken noch fest im Rest des Flaschenhalses sitzen, um dem Schiff den Segen für eine sichere Fahrt zu geben.

      Ein Foto aus dem Bestand des Mindener Museums zeigt den Stapellauf der „Minden“ im Stettiner Hafen der Vulkan Werke am 1. Oktober 1921. Angefertigt wurden die Fotos von dem Mindener Fotographen Carl Beste. Auch der Festakt der Schiffstaufe wurde im Foto festgehalten: Über einen Metallhebel wurde die Flasche von einem geschmückten Pavillon aus auf dem Schiffsbug zerschellt. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Becker hielt die Taufrede und vollzog die Taufe. Als Andenken erhalten Täufer eines Schiffes traditionellerweise den Flaschenhals, der meist zusammen mit einer Plakette zu einem Erinnerungsstück gearbeitet wird. Dr. Becker übergab das Stück dem damaligen Mindener Heimatmuseum, wodurch es in die Sammlung gelangte. Hintergrund waren die engen Verbindungen zwischen der Bremer Reederei „Norddeutscher Lloyd“ und dem Mindener Oberbürgermeister, der auch Vorsitzender des 1921 gegründeten „Weserbundes“ war.

      Die „Minden“ war der erste Neubau der Vulcan Werft nach dem Ersten Weltkrieg und namensgebend für die kommenden Nachfolgemodelle der insgesamt acht Schiffe der „Minden-Schiffsklasse“. Sie trugen teilweise ebenfalls Namen von Weserstädten. Heute ist keines der Schiffe mehr seetüchtig. Die „Minden“ wurde am 25. November 1921 in Dienst gestellt und verkehrte mehrere Jahre als Frachter der Reederei „Norddeutscher Lloyd“ zwischen Deutschland und Südamerika. Im Jahr 1939 wurde die „Minden“ verlängert und mit einer neuen Maschine ausgestattet, so dass sie eine Höchstgeschwindigkeit von 14,5 Knoten erreichte. Noch im selben Jahr sank die „Minden“ am 24. September etwa 150-200 km von Island und den Färöer Inseln entfernt.

      Im letzten Sommer ging ihr Name wieder durch die Presse: Grund war die Wiederentdeckung des Schiffswracks durch die britische Firma „Advanced Marine Service“. Diese war unter norwegischer Flagge und wohl ohne Genehmigung auf Schatzsuche. Es gibt Gerüchte und Legenden, dass die „Minden“ auf ihrer letzten Fahrt, in den ersten Wochen des Zweiten Weltkriegs, vier Tonnen Gold im Auftrag einer Deutsch-Südamerikanischen Bank geladen haben soll. Angenommen wurde auch, dass eine Anweisung existiert hätte, im Falle eines Angriffs, eine Übernahme des Goldes durch den Feind zu verhindern. Es wurde bezweifelt, dass der Frachter tatsächlich durch die britischen Kreutzer HMS Dunedin und HMS Calypso versenkt worden sei, oder ob er vielleicht doch durch die Hand der eigenen Besatzung unterging. Belegt ist jedoch, dass die deutsche Besatzung vom britischen Kriegsschiff HMS Dunedin aufgenommen und in England in einem Kriegsgefangenenlager interniert wurde. Laut Presseberichten sollen die Schatzsucher eine Kiste im Schiffswrack entdeckt haben. Was wirklich an Bord der „Minden“ geladen war und wem das Fundgut letztendlich gehört, ist jedoch bis heute ungeklärt.


    • Januar & Februar 2018: Gefäße und Scherben aus den Brandschüttungs- und Brandgrubengräbern in Minden-Hahlen


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Januar und Februar ist ein Konvolut von Gefäßen und Scherben aus den Brandschüttungs- und Brandgrubengräbern in Minden-Hahlen. Der Lehrer und langjährige Mitarbeiter bzw. spätere Museumsleiter Otto Kurt Laag (1954 - 1964) untersuchte und dokumentierte diesen Fund 1950.

      Anstoß für die Auswahl des Objektkonvoluts ist die am 27.01.2018 im Mindener Museum startende Ausstellung „Ich Mann. Du Frau. – Feste Rollen seit Urzeiten?“. Die Ausstellung beleuchtet die Behauptung, dass die heutigen Rollenklischees von Mann und Frau seit der Steinzeit auf eine angebliche Arbeitsteilung zurückzuführen sind: der Mann als Jäger - gemeint Ernährer - und die Frau als Sammlerin - gemeint Hausfrau und Mutter. Die Wissenschaft - explizit die Archäologie - kann für die Zeit ohne schriftliche Quellen aber nur Rückschlüsse aus materiellen Spuren ziehen. Nur bei Objekten aus Bestattungen besteht ein Zusammenhang zwischen Person und Grabbeigabe, der dazu Aufschluss geben kann. Bei archäologischen Funden aus Siedlungszusammenhängen bleibt offen, ob Beile tatsächlich nur von Männern oder Webgewichte nur von Frauen benutzt wurden.

      Das Geschlecht Verstorbener lässt sich durch anthropologische Untersuchungen an gut erhaltenen Knochen bestimmen. Anthropologen erkennen zudem Veränderungen am Skelett, die durch oft wiederholte Bewegungen entstehen und so unter Umständen Rückschlüsse auf bestimmte Tätigkeiten zulassen. Die Ausstellung „Ich Mann. Du Frau. – Feste Rollen seit Urzeiten?“ zeigt anhand von Untersuchungsergebnissen, die den gängigen Klischees wiedersprechen, dass die Urgeschichte nicht als Argumentationsgrundlage für ein noch heute wirksames, starres Rollenbild von Mann und Frau dienen kann.

      Unter den Funden aus Hahlen befanden sich Grabbeigaben, die schon kurz nach der Ausgrabung im Jahr 1938 verloren gingen und nur noch als Zeichnungen dokumentiert sind. Es handelt sich um Fragmente eines dreieckigen, aufwendig verzierten Kammes und Bronzeschmucks, die man klassischerweise einer Frau zuordnen würde. Ob diese These aber wirklich haltbar ist, lässt nicht mehr überprüfen. Die menschlichen Überreste der Feuerbestattungen wurden nach der Bergung im Jahr 1938 nicht aufbewahrt.

      Anhand der Form der Bestattung in Gruben und in Gefäßen werden die Funde als Ausschnitt aus einem Friedhof des 2.-4. Jh. n. Chr. gedeutet. Auffällig ist ein Brandschüttungsgefäß, bei dem es sich um ein provinzialrömisches Gefäß aus der Zeit des 4. Jh. n. Chr. handelt. Importe von Keramiken aus dem römischen Rheinland  kommen in den grenznahen Gebieten Germaniens häufig vor.


    • November & Dezember 2017: Teilnahmebescheinigung für den Handball-Olympia-Lehrgang der Deutschen Turnerschaft, 1927, für den Mindener Hans Wilms


      Das Objekt im Fokus in den Monaten November und Dezember ist eine Teilnahmebescheinigung für den Mindener Turner Hans Wilms (1906- 1998) vom MTV 1860 Minden, der 1927 an einem Handball-Lehrgang der Deutschen Turnerschaft zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam teilnimmt. Anlass der Präsentation und Auswahl des Objektes ist das 100jährige Jubiläum des Handballspiels.

      Der Erste Weltkrieg ist Motor der massenhaften Verbreitung von Turnen und Sport in Deutschland. 1917 entsteht ein neues Sportspiel, das in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zunächst als Feldhandball und später als Hallenhandball die Massen begeistert: Handball – das deutsche Spiel!

      Entscheidende Antriebskräfte für die Entstehung des modernen Feldhandballs liegen in Berlin. Seit 1915 werden dort Torballspiele für Frauen ausgetragen. Die Geburtsstunde des Handballspiels schlägt vor 100 Jahren am 29. Oktober 1917: Max Heiser benennt das Torball in „Handball“ um. Aber im Krieg hat dieses Spiel nur wenig mit dem späteren Feldhandball gemeinsam!

      1919 begründet Carl Schelenz (1890-1956) Spielidee und Regelwerk des Feldhandballs. Handball wird zum „deutschen Kampfsport“ umgestaltet und bewusst als Gegenmodell zum englischen Fußball entwickelt. Seit 1920 verbreitet er sich überall in Deutschland und darüber hinaus.

      In der Weimarer Republik boomt der Sport. Neben reinen Fachverbänden wie dem Deutschen Fußballbund (DFB) gibt es sportartübergreifende Verbände wie die Deutsche Turnerschaft (DT), die Deutsche Sportbehörde für Leichtathletik (DSBfL), den Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) und konfessionelle oder berufsständische Turnorganisationen wie „Eichenkreuz“ (CVJM), „Deutsche Jugendkraft“ (DJK) oder die Turnergilde des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes (DHV). 1927 bestehen in Deutschland allein 65 turn- und sporttreibende Verbände, die weder gemeinsame Wettkämpfe austragen, noch einzelne Sportarten nach einheitlichen Regeln praktizieren.

      Zahlreiche Turn- und Sportverbände rezipieren das neue Spiel in kurzer Zeit: Die Deutsche Turnerschaft, die Deutsche Sportbehörde für Leichtathletik und der Arbeiter-Turn- und Sportbund bauen einen eigenen Spielbetrieb auf. Konfessionell gebundene Turnorganisationen wie „Eichenkreuz“ oder „Jugendkraft“ engagieren sich ebenfalls für das neue Sportspiel. Spätestens seit 1930 gehört Handball zu den zehn populärsten Sportarten in Deutschland.

      Neben den Verbänden findet Feldhandball weite Verbreitung in den (Volks-)Schulen. Schelenz erhält einen Lehrauftrag an der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin und vermittelt den künftigen Turnlehrern Spielidee und Regelwerk des Handballs. Die Einführung von Reichsjugendwettkämpfen mit Spielfesten in Handball und Fußball fördert die Verbreitung des neuartigen Spiels zusätzlich. Um 1930 hat der Feldhandball das ehemals beliebte Schlagballspiel in den Schulen fast verdrängt. Die Verbreitung des Spiels in den Volksschulen und höheren Lehranstalten wirkt auf die Sport- und Turnvereine zurück und begünstigt dort die Entstehung weiterer Mannschaften.

      Das erste Handballspiel, das sich in der Region nachweisen lässt, findet am 23. März 1923 zwischen dem MTV 1860 Minden und einer Polizeimannschaft aus Minden statt. Die Turnvereine spielen in den Sommermonaten Schlagball und Faustball, ehe der Feldhandball rasch die beiden anderen Turnspiele überflügelt. Der Turnerpass von Hans Wilms zeigt, dass er 1925 für den Spielbetrieb im Faustball und im Winter 1925/26 für Handball gemeldet wird. Gut zwei Jahre später nimmt er Anfang Oktober 1927 an einem Olympia-Vorbereitungs-Lehrgang in Berlin teil. Erstmals nach dem Ersten Weltkrieg soll Deutschland wieder an den Olympischen Spielen in Amsterdam teilnehmen. Handball wird allerdings nicht wie erhofft, in die olympischen Wettbewerbe aufgenommen. Die halbhohen Stollenschuhe aus der Zeit um 1930 wurden beim Feldhandball getragen.


    • September & Oktober 2017:  Briefbeschwerer mit Inschrift aus dem Besitz des Schriftstellers Otto Weddigen


      Das Objekt im Fokus in den Monaten September und Oktober ist ein Briefbeschwerer aus dem Besitz des in Minden geborenen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Otto Weddigen.

      Friedrich Heinrich Otto Weddigen wurde am 9. Februar 1851 in Minden geboren. Hier besuchte er auch das Gymnasium. Er stammt aus der in Minden-Ravensberg weit verzweigten Pastoren- und Unternehmerfamilie Weddigen. Sein Urgroßvater Peter Florens Weddigen war evangelischer Pastor in Kleinenbremen, Publizist und als Verfasser geistlicher Lieder bekannt. Otto Wediggen’s Vater und Onkel betrieben in Minden eine Zuckerfabrik und waren vielfältig unternehmerisch aktiv. Er selbst hatte wie sein Urgroßvater literarische Ambitionen. Im Laufe seines Lebens verfasste er neben literatur- und geschichtswissenschaftlichen Arbeiten und Sachbüchern zahlreiche eigene literarische Werke. Darunter finden sich Gedichte, Romane, Erzählungen und Theaterstücke.              

      Als neunzehnjähriger Kriegsfreiwilliger nahm Otto Weddigen am deutsch-französischen Krieg von 1870/71 teil. Der Briefbeschwerer, der zum Teil aus dem Gewindestück einer Granate besteht, ist ein Erinnerungsstück an diese Zeit. Laut der eingravierten Inschrift „Zur Erinnerung an Metz 1870“ stammt diese aus der Belagerung der französischen Stadt Metz im Jahr 1870. Weddigen beschrieb in seinem autobiographischen Werk Erinnerungen aus meinem Leben aus dem Jahr 1902 seinen Enthusiasmus für sein Vaterland zu kämpfen. So schrieb er im Lager vor Metz Kriegslieder, die „im engeren Kreise der Kameraden von Hand zu Hand gingen, nach bekannten Melodien gesungen wurden und oft die Begeisterung der Kriegsgefährten wieder entflammten“. Die Lieder belegen seine Erfahrungen auf dem Schlachtfeld: Entbehrungen, Krankheiten und der Tod vieler Soldaten. Weddigen selbst erkrankte zuerst an der bakteriellen oder durch Amöben ausgelösten Darmerkrankung Ruhr und später schwerwiegend an der bakteriellen Infektionskrankheit Typhus. Seine Gesundheit wurde dadurch bleibend beeinträchtigt.

      Nach dem Krieg studierte er Literatur, Ästhetik, germanische und romanische Sprachen sowie Geschichte an den Universitäten Halle, Straßburg und Bonn. 1874 nahm er seine erste Stelle als Lehrer an einem Gymnasium in Schwerin an. Im gleichen Jahr promovierte er an der Universität in Rostock zum Doktor der Philosophie. 1876 heiratete er Frieda Pommerencke, die Tochter des Porträt- und Landschaftsmalers Heinrich Pommerencke. Trotz einer Hochschulprüfung zur Lehrbefähigung (Habilitation) an der Technischen Hochschule in Hannover im Jahr 1883 erfüllte sich sein Wunsch nach einer Dozentenstelle nicht. Das damalige Kultusministerium lehnte eine Errichtung von Professuren für Literatur- und Politische Geschichte an den technischen Hochschulen Preußens ab. Ab 1888 war Weddigen an einem Gymnasium in Wiesbaden als Lehrer tätig, bis er 1893 in den Ruhestand ging. 1897 zog er nach Berlin-Charlottenburg. Dort verstarb er am 29. Januar 1940.

      Ein Teil seines Nachlasses wurde noch im selben Jahr dem Mindener Museum übergeben. Die handschriftliche Widmung „Dem Heimatmuseum in Minden. Geschenk von Otto Wediggen“, die an dem Briefbeschwerer befestigt ist, stammt vermutlich von ihm selbst. Der Literat ist nicht zu verwechseln mit dem in Herford geborenen und im Ersten Weltkrieg gefallenen namensgleichen U-Boot-Kommandanten Otto Eduard Weddigen (1882-1915).

    • Juli & August 2017:  KPM Porzellantasse mit Darstellung der Königsberger Sternwarte


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Juli und August ist eine Ansichtstasse aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Sie zeigt eine Darstellung der Königsberger Sternwarte. Das Objekt kam 1985 als Schenkung aus dem Familienbesitz des in Minden geborenen Astronomen und Mathematikers Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) ins Mindener Museum.

      Eine Sternwarte, auch astronomisches Observatorium genannt, ist ein Ort mit wissenschaftlichen Instrumenten zur Beobachtung des Sternenhimmels. Nach der Erfindung des Teleskops 1608 entstanden die ersten Sternwarten im heutigen Sinne. Viele bedeutende Sternwarten wurden zwischen 1790 und 1830 errichtet.

      Die Königsberger Sternwarte wurde auf dem höchsten Punkt des Königsberger Walls an der Nordwestseite der Stadt zwischen 1810 und 1813 nach den Vorstellungen des Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel gebaut. Der Grundriss des Gebäudes war T-förmig. Im östlichen Gebäudeteil befanden sich Wohnung, Arbeitsräume und Unterrichtszimmer. Im mittleren Teil lagerten die beweglichen Messgeräte. Diese wurden dann im westlich gelegenen Meridiansaal für astronomische Beobachtungen genutzt. Nach Fertigstellung des Baus im Jahr 1813 trat Bessel eine Professur in Königsberg an. Ein großer Teil der damaligen deutschen Astronomen wurde bei ihm in Königsberg ausgebildet. Für die Aufstellung des Fraunhoferschen Heliometers, einem großformatigen Messfernrohr, wurde das Gebäude im Jahr 1830 durch einen Kuppelturm erweitert.

      Der Bauzustand von 1830 ist auf der Tasse zu sehen, sodass man davon ausgehen kann, dass die Tasse in den 1840er Jahren hergestellt worden ist. Zudem entspricht die Ausgestaltung der trompetenförmig geöffneten Tasse dem damaligen Zeitgeschmack - dem Biedermeier. Die Darstellung der Landschaft wirkt durch das ausgeprägte Licht- und Schattenspiel, die intensive Farbausführung und die detaillierte  Darstellung  von Personen lebhaft und dreidimensional. Die Kostbarkeit der Tasse wird durch die großzügige Glanzvergoldung und die plastische, an Perlschnüre erinnernde Verzierung noch betont. Der Hersteller, die Königliche Porzellan- Manufaktur in Berlin, kurz KPM genannt, wurde 1763 von Friedrich dem Großen gegründet. Sie blieb bis zur Abdankung Wilhelms II. im Jahre 1918 im Besitz der Hohenzollern. Die Firma existiert bis heute.

      Die von Friedrich Wilhelm Bessel gestaltete Sternwarte wurde durchgängig bis zu Ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg genutzt. Bessel hat zahlreiche Grundlagen für die heutige Astronomie gelegt, besonders für die Berechnung der Position von Sternen. Seit 2001 vergibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreis an hervorragende junge Wissenschaftler aus dem Ausland, die am Anfang ihrer Karriere stehen, aber durch ihre wissenschaftlichen Aktivitäten bereits internationale Anerkennung gefunden haben.

    • Mai & Juni 2017:  Opernglas


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist ein Opernglas aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieses Hilfsmittel ermöglichte es Besucherinnen und Besuchern bei Opern-, Theater- oder anderen Bühnenaufführungen das Geschehen auch auf größere Entfernung besser zu verfolgen.

      Operngläser, auch Theaterglas, Stecher oder Operngucker genannt, waren besonders in der Oberschicht des 19. Jahrhunderts verbreitet. Im Jahre 1823 meldete der Wiener Mechaniker F. Voigtländer erstmals ein österreichisches Patent auf die sogenannte „Doppel-Theater-Perspektive“ an. Zwei Jahre später wurde das Instrument von B. Wiedhold und A. Schwaiger in Wien verbessert. Jetzt konnte auch der Augenabstand verstellt werden. Die Konstruktion der Operngläser basierte auf dem schon von Galileo genutzten Prinzip binokularen Sehens, nach dem er seine Fernrohre entwickelte. Die einfachen Theatergläser ermöglichten jedoch nur eine geringe Vergrößerung des Sichtfeldes. Sie wurden deswegen generell nur zur Beobachtung des Geschehens auf und neben der Bühne verwendet. Die Gläser entlasteten die Augen und sollten auch fern- und kurzsichtigen Menschen beim Sehen helfen.

      Der junge Thomas Mann schrieb über die Vorzüge des Opernglases und wie er sie nutzte, um Besucherinnen auszuspähen: „Ich sehe Sie links vorne hereinkommen, mit ihrer Mutter und ihren Brüdern, sehe, wie Sie zu ihrem Platze in einer der vorderen Stuhlreihen gehen, sehe den Silbershawl um Ihre Schulter, Ihr schwarzes Haar, die Perlenblässe Ihres Gesichtes darunter…- es ist nicht zu sagen, wie vollkommen und wunderbar im Einzelnen ich Sie sehe!“

      Dass das Opernglas Bedeutung als modisches Accessoire hatte, ist an der teilweise recht aufwendigen Ausstattung mit Edelsteinen, Elfenbein oder anderen kostspieligen Materialien abzulesen. Viele Operngläser wurden verschenkt oder als Ehrung vergeben.

      Bei dem Mindener Objekt im Fokus handelt es sich um ein etwas schlichteres, industriell gefertigtes Opernglas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hergestellt aus Messing, wurden beide Rohre mit Leder bezogen. Dazu gehört ein passendes Futteral aus schwarzem Leder mit glänzend, blauem Innenfutter. Hergestellt wurde das Opernglas, wie es in goldenen Lettern zu lesen ist, bei Friedrich Lücke, Mechaniker und Optiker in Hannover. Ins Mindener Museum kam das Objekt in den 1990er Jahren im Rahmen eines Nachlasses aus Minden.

      Aufgrund des Alters und der Herkunft aus einer Mindener Familie kann man davon ausgehen, dass das Opernglas schon im Vorläufer des heutigen Mindener Stadttheaters, der 1869 eingeweihten „Tonhalle“ genutzt wurde. Dort wurden „theatralische, musikalische Aufführungen und sonstige künstlerische Vorstellungen“ ausgerichtet. Erst nach dessen Schließung entstand zwischen 1906 und 1908 der Bau des heutigen Stadttheaters.

    • März & April 2017:  Lochplatten-Spieldose „Symphonion Simplex“


      Das Objekt im Fokus in den Monaten März und April ist die Lochplatten-Spieldose „Symphonion Simplex“.

      Das „Symphonion Simplex“ ist ein Stimmenkamm-Musikwerk. Der Stimmenkamm ist eine Stahlplatte mit herausgesägten Zungen in unterschiedlicher Länge und Masse. Die einzelnen Zungen werden durch ein darüber liegendes Zahnrad, das sogenannte Sternenrädchen, in Schwingung gebracht. Das Sternenrädchen selbst wird durch die aus den Löchern der Stahlplatte entstandene Metall-Nocken in Bewegung gesetzt. Die Lochplatte wird wiederum durch ein aufziehbares Uhrwerk angetrieben. Aufgezogen kann das „Symphonion Simplex“ bis zu 30 Minuten Musik abspielen.

      Der Ursprung der Musikspieldose ist eine musizierende Taschenuhr, die 1796 von dem Genfer Uhrmacher Antoine Favre-Salomon (1734-1820) konstruiert wurde. Paul Lochmann (1848 – 1928) aus Leipzig erfand die Lochplattenspieldose 1886. Sie löste die bis dahin produzierten Walzen-Spieldosen ab. Ihr Vorteil war neben der weniger aufwendigen Produktion, der lautere Klang. Die Zylinderwalze übertrug durch die daran befindlichen Stifte die Noteninformation direkt auf den Musikkamm. Das Sternrädchen der Lochplatten-Spieldose erreichte eine sehr viel stärkere mechanische Kraftausübung auf den Musikkamm und war dadurch lauter. Auch der Holzkorpus der Spieldose beeinflusste als Resonanzkörper den Klang des Geräts entscheidend.

      Die um das Jahr 1885 von Paul Lochmann in Leipzig – Gohlis gegründeten Symphonion-Musikwerke produzierten das „Symphonion Simplex“. Bereits 1893 produzierten 600 Arbeiter Lochplatten-Spieldosen in den verschiedensten Ausführungen. Dass die produzierten Geräte und die dazugehörigen Lochplatten auch ins Ausland exportiert wurden, belegt ihre dreisprachige Beschriftung in Deutsch, Englisch und Französisch.

      Zu der Lochplatten-Spieldose aus dem Besitz des Mindener Museums gehören 14 Lochplatten mit populärer Tanzmusik aus den 1890er bis 1900er Jahren, Volksliedern, sowie Motiven aus damals beliebten Opern und Operetten.

      Der Holzkorpus, der sich seit dem Jahr 1977 im Mindener Museum befindliche Lochplatten-Spieldose, ist durch einen Befall von holzzerstörenden Insekten leicht beschädigt, während die Mechanik ist noch intakt ist.

      In den 1920er Jahren wurden die Lochplatten-Spieldosen durch eine neue Entwicklung - den Phonographen - verdrängt. Mit dieser neuartigen Technik war erstmals eine akustisch-mechanische Aufnahme und Wiedergabe von Schall möglich. Aufgezeichnet wurde auf einer Wachswalze, dem Vorläufer der Schallplatte.

    • Januar & Februar 2017:  Table Tennis-Set


      Das Objekt im Fokus für die Monate Januar und Februar ist ein Tafel Tennis-Set in Originalverpackung für den privaten Gebrauch. Es war um 1900 eine Neuheit, um das berühmte Rasentennis aus dem Freien „auf jeden viereckigen Tisch“ in die heimischen vier Wände zu holen. Angepriesen wird das „Table-Tennis” auf der Verpackung als „ein neues, interessantes und populäres Spiel“(„A new, interesting and popular Game“).

      Französische Mönche spielten im 13. Jh. ein Vorläufer-Spiel des Tennis. Mit der Hand wird ein Ball im Kreuzgang des Klosters auf ein kleines Aufschlagdach oder durch einen Torbogen geschlagen. Eine gegnerische Mannschaft versucht den Angriff abzuwehren. Verbreitung fand diese Spielart insbesondere in den Klosterschulen unter den adligen Schülern. Sie kultivierten den Sport an den Höfen. Dort entstanden Spielsäle, in denen ab dem 15. Jh. mit Pergament oder Darmsaiten bespannten Schlägern gespielt wurde. Das Spiel erfreute sich großer Beliebtheit. Als jedoch Wetten und Betrug zunahmen, verbot man es zeitweise und es geriet in Vergessenheit.

      Eine Renaissance wiederfuhr dem Tennis durch Major Walter C. Wingfield (1833-1912) in den 1860er Jahren. Das Spiel wurde ins Freie verlegt: jeder flache Rasen konnte nun bespielt werden. Man spannte ein Netz in der Mitte des Feldes auf und begrenzte das Spielfeld mithilfe von Markierungen. Das Spiel wurde nun nach der englischen Bezeichnung für einen Rasenplatz „Lawn-Tennis“ genannt.

      Um Tennis auch bei schlechtem Wetter spielen zu können, entwickelte man das „Raum-“ und das „Tisch-Tennis“ in kleinerem Maßstab. Seit den 1880er Jahren entstanden Spielesets für den Innenraum. Gespielt wurde diese von wohlhabenderen Personen, die es sich leisten konnten, einem solchen Freizeitvergnügen nachzugehen. Die illustrierte Anleitung zeigt jedoch, dass Frauen den Männern bei diesem Spiel in nichts nachstanden.

      Die Herstellerangaben fehlen auf dem Spiel-Set aus dem Mindener Museum. Die qualitativ sehr hochwertig verarbeiteten, hölzernen Tennisschläger weisen ein Merkmal auf, das typisch für die amerikanische Firma Wright & Ditson ist: die bespannten Schlägerflächen schließen am unteren Rand mit roten Saiten ab. Auch ist die deutschsprachige Spielanleitung des „Tafel-Tennis“ mit einer fast identischen Illustration, wie das von Wright & Ditson produzierte „The New Game of Pom-Pom or Table Tennis“ bestückt. Die 1871 gegründete, aus Boston stammende Firma verkaufte sowohl in den USA als auch in Europa Sportartikel.

      Das Spiel-Set umfasst außerdem ein Netz an zwei hölzernen Pfosten, die über Schrauben an einem Tisch befestigt werden können. Die sechs beiliegenden Bälle bestehen aus dem um 1900 verwendeten Zelluloid. Die Spielanleitung weist auf die „Federleichtigkeit der Bälle“ hin, „die nach dem Schlage fast Flügel zu bekommen scheinen“.

      Sie verrät weiterhin schon vor dem Spiel, wer der Sieger des Table Tennis sein wird: „Bei der kurzen, von dem Ball zu durchmessenden Entfernung erfolgt natürlich das Hin- und Herschlagen der Bälle sehr schnell und wird ein leicht aufgeregter Spieler dem kühleren, vorsichtigen Gegner stets im Nachteil sein.“

    • November & Dezember 2016:  Staubsauger


      Das Objekt im Fokus in den Monaten November und Dezember ist der Miele Staubsauger Modell „A“. Die typische „Torpedoform“ und die Kufen waren nicht nur eine modische Erscheinung, sondern erfüllten zwei Aufgaben. Die runde Form bot den Vorteil, das Mobiliar während des Saugens nicht so leicht zu beschädigen. Auf den Kufen glitt der Staubsauger leichter als auf Rollen über den Teppich.

      Der vielseitige elektrische Haushaltshelfer wurde von 1951 bis 1961 in Bielefeld mit umfangreichem Zubehör hergestellt. 1899 gründeten Carl Miele und Reinhard Zinkann die Firma Miele & Cie., die zuerst Milchzentrifugen in der Nähe von Gütersloh herstellte. Später reichte ihre Produktpalette von landwirtschaftlichen Maschinen, über elektrische Haushaltsgeräte bis hin zu Automobilien und Fahrrädern. Ab 1927 stellte Miele Staubsauger her.

      Die Anfänge des Staubsaugers gehen bis ins 19. Jh. zurück. Anna und Melville Bissel aus Chicago ließen sich ein Gerät patentieren, dass den Schmutz mit Druckluft wegpustete. Erst 1906 gelang James Murray Spangler aus Ohio der Durchbruch mit einem Staubsauger, der die Luft einsog und wegen seiner Größe durch die Wohnung gezogen werden konnte. Er verkaufte sein Patent an seinen Cousin W. H. Hoover. Damit war der Grundstein für ein bis 1999 bestehendes Unternehmen gelegt.

      Die Reinigung der Wohnung und die Beseitigung des Hausstaubs fielen im 19. Jh. in die Verantwortung der Hausfrau. Nur adelige und bürgerliche Familien konnten sich Hausmädchen zur Unterstützung bei der Hausarbeit leisten. Im Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft mussten Frauen oft neben Hausarbeit und Kindererziehung durch Arbeit ein „Zubrot“ verdienen, damit ihre Familie über die Runden kam. Im Ersten Weltkrieg und in den 1920er Jahren verstärkte sich die Berufstätigkeit vieler Frauen, vor allem in den Städten. Doch das Rollenklischee der Hausfrau und Mutter blieb trotz beginnender Emanzipation weit verbreitet. Die Nationalsozialisten propagierten diese Rolle erneut als „natürliche“ Bestimmung der Frau. Allerdings benötigte das Regime im Krieg auch wieder weibliche Arbeitskräfte. Mit dem Beginn des Wirtschaftswunders seit Ende der 1940er Jahre drängte man(n) Frauen wieder zurück in den Haushalt. Erst seit den 1970er Jahren löste sich das traditionelle Rollenverständnis allmählich auf. Damit wurde Hausarbeit auch Männersache.

      Erwerbstätige Frauen verfügen über wenig Zeit für den Haushalt. Hier bot sich in den 1920er Jahren ein wachsender Markt für Staubsauger, Bügeleisen und andere Haushaltshelfer. Durch Werbung und relativ günstige Preise kurbelte man den Verkauf der inzwischen elektrischen Haushaltsgeräte an. Um 1930 warnten konservative Stimmen: „Ein Staubsauger, der es der Hausfrau ermöglicht mehr mit ihren Kindern zu leben oder sich für ihre Aufgaben geistig tüchtiger zu machen, ist ein Segen, einer der sie freimacht für Kaffee und Kino ist ein Verderb“.

      In den 1950er und 1960er Jahren entschied der Mann in den meisten Familien noch allein über die Finanzen. Diesen Umstand nutzte Miele. In einer Anzeigeserie zeigte man einen Mann, umringt von seinen Kindern, schuftend an einem Waschtrog. Der zugehörige Slogan: „Wenn Vati waschen müsste… dann kaufte er schon morgen eine Miele Waschmaschine.“ Andere Werbeplakate präsentierten nicht nur eine vor Begeisterung strahlende Frau, sondern auch einen abwägenden oder gar lächelnden Mann. Der Werbespruch „Mutti macht´s mit Miele“ (1957) war in aller Munde.

    • September & Oktober 2016:  Eimertragejoch


      Das Objekt im Fokus in den Monaten September und Oktober ist ein Eimertragejoch aus dem Ende des 19. Jh.. Mit Hilfe der Schultertrage aus Holz konnten zwei gleichschwere Lasten eingehakt an Ketten getragen werden.

      Der menschliche Körper ist für das Tragen von Lasten eigentlich nicht geschaffen. Verschiedene Arten des Lastentragens zum Beispiel das Tragen auf den Kopf oder auch das Tragen dem Rücken können körperliche Beschwerden oder dauerhafte Veränderungen und Krankheiten auslösen. 1874 kam man in einem Gewerbeblatt aus Württemberg zu der Erkenntnis, dass das Tragejoch  „das einzige richtige Hilfsmittel [wäre], das die zu tragende Last am gleichmäßigsten über den Körper verteilt; noch gleichmäßiger wäre nur das Kopftragen, aber in der Länge thut es dem Halse weh, und es sind […] dicke Hälse sehr häufig die Folge. Zudem ist der Kopf zu etwas Besserem bestimmt beim Menschen.“ 

      Das Eimertragejoch war bis ins 20. Jahrhundert hinein eines der wichtigsten Transportmittel in der Welt, bei uns aber weitgehend vergessen. Es diente vor allem dem Transport von Flüssigkeiten wie Wasser oder Milch über längere Strecken. Zu diesem Zeitpunkt besaßen die meisten Haushalte in Minden keinen eigenen Brunnen oder Wasseranschluss oder gar ein Badezimmer. Das Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen musste vom Brunnen geholt werden. Im Jahr 1877 sorgten 41 Gemeinschaftspumpen und 255 Privatbrunnen für die Wasserversorgung. 1888 wurde das erste Wasserwerk an der Portastraße eröffnet. Mit dem Anschluss an eine öffentliche Wasserversorgung verlor das Eimertragejoch seine Bedeutung für die Menschen.

      Das hier gezeigte „Objekt im Fokus“ wurde aus einem Stück geschnitzt. Es verfügt über eine Aussparung für den menschlichen Nacken und die Schultern. Der Druck der während des Tragens auf dem Holz lastete war sehr groß. Daher wurde die Unterkante mit einem Eisenring verstärkt. Im Bereich der Schultern wurde das gerissene Holz mit dünnen Metallplatten mehrfach verstärkt. Von der ursprünglichen Polsterung des Nackenbereiches, einem dicken Wollstoff, sind nur noch Fragmente vorhanden. Einen Hinweis auf den Ort der Verwendung gibt die Farbe. Üblicherweise wurden hölzerne Gerätschaften, die in der Milchwirtschaft verwendet wurden grün gestrichen. Die Farbe bot Schutz gegen Feuchtigkeit und erleichterte die Reinigung.

      Das Wort „Joch“ hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen und war eigentlich Ausdruck für etwas „Zusammenbindendes“. In Regionen Schleswig – Holsteins wird das Eimertragejoch auch als „Dracht“ oder in Teilen Niedersachsens als „Schanne“ bezeichnet. Ähnlichkeiten in Form und Funktion finden sich auch zum Rinderjoch. Dieses Joch wird jedoch an den Hörnern der Tiere befestigt. Die Zugtiere können ihre Köpfe durch ein Joch nur noch wenig bewegen. Die Last befindet sich auf dem dahinter gespannten Wagen. Daraus entwickelte sich die Redensart „jemandem zu unterjochen“ oder ihm „ein schweres Joch auferlegen“.

      Als um 3500 v. Chr. erstmals Ochsen ins Joch gespannt wurden, veränderte sich der menschliche Transport grundlegend. Die Wanderausstellung „Die Erfindung des Traktors–Steinzeitkraft verändert die Welt“, die das Mindener Museum ab 3. September zeigt, ermöglicht einen Einblick in diese Technik.

    • Juli & August 2016: Iserlohner Tabaksdose

      Das „Objekt im Fokus“ in den Monaten Juli und August ist eine Tabakdose. Das Rauchen mit Ton- oder Porzellanpfeifen kam in Europa im 16. Jh. nach der Entdeckung Amerikas in Mode. Tabak war ein teures Importprodukt. Es musste vor Feuchtigkeit und Licht geschützt werden. Darum wurde Tabak in Dosen aufbewahrt. Das „Paffen“ verbreitete sich zunächst im Adel, dann im Bürgertum. Auch Soldaten nutzten es als willkommenen Zeitvertreib, gerade in den zahlreichen Kriegen dieser Zeit. Die Region um das westfälische Iserlohn hatte sich im 18. Jh. auf die Fertigung von Tabakdosen aus Messing spezialisiert. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) nutzten die Hersteller die Iserlohner Tabakdosen zur Propaganda und Verherrlichung erfolgreicher Feldherren und Schlachten. Eine Form des modernen Marketings und der Verkaufsförderung!

      Die Tabakdose ist eine längliche, rechteckige Dose mit abgerundeten Ecken. Sie passte gut in eine Manteltasche. Die Dose ist aus Messing gefertigt und bildlich verziert. Die verwendeten Ornamente entsprechen dem Zeitgeschmack des Rokoko. Auf dem 14 cm langen Deckel ist zentral ein Medaillon mit einem Hüftbild des Herzogs Ferdinand von Braunschweig und Lüneburg zu sehen. Unter seinem Oberbefehl besiegte am 1. August 1979 eine Armee britischer, preußischer, braunschweigischer und hessischer Verbände ein französisch-sächsisches Heer. Die Kartusche über seinem Konterfei zeigt eine Szene mit berittenen Soldaten, Kanonen und Fahnen aus der Schlacht. Die Schlacht war ein Wendepunkt des Siebenjährigen Krieges, weil sie die drohende Eroberung des Kurfürstentums Hannover verhinderte.

      Betitelt sind die Darstellungen mit den Inschriften „VICTORIA FOEDERATORUM GALLIS DEVICTIS MINDAE 1759 1. AUG.“ – Vollständiger Sieg der Verbündeten über die Franzosen (Gallier) in Minden 1. August 1759 – und „FERDINANDUS DUX BRUNSV. LÜNEB. IMPERATOR EXERCITUUM FOEDERAT. SUMMUS.” – Ferdinand, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, Oberbefehlshaber der verbündeten Armeen –.

      Die Tabakdose war nicht nur ein reiner Gebrauchsgegenstand. Sie informierte ihre Besitzer über das Kampfgeschehen und beeinflusste ihn propagandistisch.

      Neben Schlachtszenen und Herrscherporträts waren auch Bilder von der Jagd oder aus dem Gesellschaftsleben beliebte Motive auf Tabakdosen. Die eingeprägten Initialen verweisen auf Johann Heinrich Giese. Er war von 1754 bis zu seinem Tod 1761 Graveur an der Iserlohner „Kessel- und Dosenfabrik“. Giese legte in dieser Zeit die Grundlage für eine serienmäßige Produktion der Tabakdosen. Das Motiv wurde nun - anstatt per Hand graviert - mit einer Stahlmatrize eingewalzt. Dadurch ließ sich der steigende Bedarf an Tabakdosen schneller befriedigen. Stets wechselnde Motive förderten den Verkauf und sorgten für eine weite Verbreitung.


    • Mai & Juni 2016: Lanzenspitze



      Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist eine Lanzenspitze aus Petershagen-Döhren. Form und Material zeugt davon, dass sie um etwa 1600 v. Chr. in der Übergangszeit von der Früh- zur Mittelbronzezeit entstand.

      Wann und wo genau sie in Petershagen-Döhren gefunden wurde, ist nicht überliefert- sie gehört zum sogenannten Altbestand des Mindener Museums. Zu diesem gehören Objekte, die zwischen 1912 und 1950 ins Mindener Museum kamen- ohne dass eine genaue Dokumentation der Fundumstände stattfand. Dies bedeutet leider einen Verlust wichtiger Information über die genaue Verwendung und Nutzung der Lanzenspitze.

      Die Lanzenspitze besteht aus einer spitzzulaufenden hohlen Tülle an deren rechter und linker Seite sich eine blattförmige Schneide ansetzt. Aufgesetzt wurde die Lanzenspitze auf einen hölzernen Stab. Die Tülle wurde durch zwei Nietlöcher auf einem Stab befestigt.

      Diese Art der Lanzenspitze ist Westfalen relativ häufig- bis zum Jahr 2008 wurden etwa 69 Lanzenspitzen dieser Art bei der LWL-Archäologie für Westfalen verzeichnet. Häufig wurden diese Lanzenspitzen an landschaftlich auffälligen Orten oder Gewässern gefunden. Fundorte dieser Art deuten auf eine Rolle als Opfergabe bei kultischen Handlungen hin. Bei 18% der Lanzenspitzen handelt es sich um Grabbeigaben. Dass die Lanzenspitzen aber auch als Waffen benutzt wurden, belegen Funde mit charakteristischen Kampfspuren aus Oberfranken.

      Bronze war in der Bronzezeit meist eine Legierung aus 90% Kupfer und 10% Zinn. Das Kupfer wurde durch die Zugabe von Zinn härter und konnte besser für die Herstellung von Waffen und Werkzeugen verwendet werden. In Westfallen waren diese Rohstoffe jedoch nicht vorhanden oder zugänglich. Die nächstgelegenen Erzvorkommen von Kupfer waren erst in den verschiedenen Mittelgebirgen Deutschlands oder den Alpen anzutreffen. Zinn musste aus Cornwall in Südengland importiert werden. Nur durch Handel (oder Raub) konnten diese Rohstoffe oder bereits fertige Produkte aus Bronze nach Westfalen gelangen. Wichtiger Handelsweg war schon damals die Weser.

      Die Gewinnung des Metalls war ein mühseliger Arbeitsprozess: Das abgebaute Erz wurde mit Mahlsteinen zerkleinert und ausgewaschen, um das darin vorhandenes Metall vom übrigen Gestein zu trennen. Das pulverisierte Metall wurde mit Zuschlägen wie Kalkspat im Feuer geröstet, um den Schwefelanteil im Erz herabzusetzen. Das so gewonnene Metall wurde in tönernen oder steinernen Tiegeln in einem Gruben- oder Kuppelofen erhitzt. Um Temperaturen von 1000 Grad Celsius zu erreichen, wurde durch Löcher in der Außenwand des Ofens mit Blasebälgen Frischluft eingebracht. Das so verflüssigte Metall wurde zur Herstellung der Lanzenspitze in eine Gussform aus einem hitzebeständigen Material, wie Ton, Stein oder Bronze gefüllt. Um die Aushöhlung der Tülle entstehen zu lassen wurde ein ebenfalls hitzebeständiger Kern eingefügt, der nach dem Erkalten der Bronze wieder entnommen wurde. Abschließend wurden die Kanten geschliffen und die Schneiden geschärft.


    • März & April 2016: Fußball



      Das Objekt im Fokus in den Monaten März und April ist ein Fußball, den die Fußballmannschaft des Vereins „Kultur- und Sportverein Proleter Westfalen“ fast dreißig Jahre im Training nutzte. Im Rahmen der Ausstellung „Aus einem Jahr wurde ein ganzes Leben – Gastarbeiter in Minden“, das im Jahr 2005 im Haus am Dom zu sehen war, gelangte der Fußball in die Sammlung des Mindener Museums. Warum steht ein Objekt mit Migrationsbezug im Fokus? Dieses liegt darin begründet, dass sich das Mindener Museum vermehrt dem Thema Migration und kulturelle Vielfalt widmet.

      Der Fußball trägt sichtliche Spuren langer Jahre des Gebrauchs; sie erzählen von der Geschichte des ersten von Gastarbeitern gegründeten Fußballvereins in Minden. Wie Fadil Nuridin und Miladin Popovic, die beiden Vereinsvorsitzenden, berichten, wurde dieser Fußball im Sommer 1976 zur feierlichen Eröffnung des Vereinshauses an der Simeonstraße 7 vom damaligen jugoslawischen Konsul übergeben. Ein Jahr zuvor, 1975, wurde der Verein unter dem Namen „Proleter Minden“ gegründet.

      Neben dem Fußball waren von Anfang an auch Musik, Tanz und Folklore wichtige Betätigungsfelder, die schon damals vom Verein für die Integration von Einwanderern in die Mehrheitsgesellschaft und zur Völkerverständigung genutzt wurden. Und noch bis Anfang der 1990er Jahre bestritt die Fußballmannschaft Punktspiele in der Kreisliga C.

      Rückblickend auf diese ereignisreiche Zeit werden zwei Spiele von den beiden Vereinsvorsitzenden als Höhepunkte ihrer Fußballgeschichte hervorgehoben: Zum einen das gegen den Lokalrivalen „Hellas Minden“ 2:1 gewonnene Spiel, das rund 200 Zuschauer begeisterte. Zum anderen wurde am 25.Mai 1983 auf Initiative des Vereins ein internationales Freundschaftsspiel zwischen dem damaligen Erstligisten Armina Bielefeld und dem jugoslawischen Club OFK Belgrad im Mindener Weserstadion ausgetragen. Auch heute noch organisiert der Verein Fußballturniere für den guten Zweck, bei denen das Motto „Sport gegen Gewalt“ im Vordergrund steht. Der Schwerpunkt der Vereinsaktivitäten liegt mittlerweile allerdings beim Schach.

      Auf dem Fußball des Vereins „Kultur- und Sportverein Proleter Westfalen“ steht eine mit Kugelschreiber geschriebene 10 und der Vereinsname „Proleter“. Der Grund hierfür lag darin, dass alle Trainingsbälle damals nummeriert waren und jeder Spieler den Ball mit der eigenen Trikotnummer bekam. „So konnten die Bälle nicht verloren gehen“, wird von den Vereinsvorsitzenden konstatiert.


    • Januar & Februar 2016: Trompete


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Januar und Februar ist eine Trompete. Die Trompete stammt aus der Regimentskapelle des Infanterie-Regimentes „Prinz Friedrich der Niederlande“ (2. Westfälisches) Nr. 15. Dieser preußische Militärverband wurde 1813 während der „Befreiungskriege“ gebildet und war bis zu seiner Auflösung im Jahr 1918 in Minden stationiert. Noch heute erinnern Denkmale, wie das für die gefallenen Soldaten des 1. Weltkriegs im Weserglacis, im Stadtbild an das Regiment.

      Neben der Rolle als Musikinstrument in der Regimentskapelle wurde die Trompete in erster Linie als Signalgeber verwendet. Ihr durchdringender Ton übermittelte das morgendliche Signal zum Apell und bei militärischen Einsätzen Befehle an das Regiment.

      Schon die Urform der Trompete wurde bei militärischen oder religiösen Anlässen genutzt. Um 1415 v. Chr. wurde bei den Ägyptern eine Vorform von Soldaten zu Ehren des Osiris gespielt. Diese ersten Trompeten besaßen noch kein Mundstück - man sang in die Röhren hinein - anstatt sie mit Lippenschwingung zum Klingen zu bringen.

      In Skandinavien gab es im 1. Jahrhundert v. Chr. die sogenannte „Lure“. Sie bestand aus einem aus Bronze gegossenen Horn und einem Kesselmundstück. In dieses schalenförmige Mundstück  wurden die Lippen gepresst und durch das Blasen in Schwingung gebracht.

      Im 12. und 13. Jh. tauchte in Europa und Deutschland das Blasinstrument „Busine“ auf. Der Klang dieses Vorgängerinstruments von Horn, Posaune und Trompete wird in Quellen als sehr hell beschrieben. Neben der Verwendung bei Kriegs- und Kampfhandlungen, wurden auf diesem Blasinstrument insbesondere bei festlichen höfischen Anlässen Fanfaren (ein Tonstück mit Signalcharakter) geblasen.

      Um 1400 verfeinerte sich die Technik der Instrumentenbauer: die Metallröhre wurde mit flüssigem Blei ausgegossen und konnten so nach dem Aushärten des Bleis unbeschädigt gebogen werden. Im Zuge dieser technischen Neuerung erhält die Trompete ihre endgültige Bügelform. Die zuvor sehr unhandlichen Instrumente konnten nun leichter transportiert werden. Auf den Instrumenten konnten nur Naturtöne erzeugt werden.

      Im Barock wandelte sich der einstige Signalgeber durch eine besondere Modulation des Blasens zu einem Melodieinstrument. Bis ins 17. Jh. blieb die Trompete dem Militär und den gehobenen Ständen vorbehalten. Anfang des 19. Jh. konnten durch die Erfindung der Ventile weitere Töne auf der Trompete erzeugt werden. Der Trompete stand somit einer vielfältigeren Nutzung als Musikinstrument offen.

      Die nicht mehr funktionstüchtige Trompete aus der Sammlung des Mindener Museum besitzt die klassischen drei Drehventile. Vermutlich wurde sie neben der Signalübermittlung auch zum Spielen von Marschmusik und feierlicher Musikstücke des militärischen Zeremoniells verwendet. Wie es zu den Verformungen und Beulen an Trichter und Rohr der Trompete gekommen ist, ist leider nicht überliefert.


       

    • November & Dezember 2015: Nussknacker

      „König Nussknacker so heiß´ ich, harte Nüsse, die zerbeiß´ ich. Süße Kerne schluck´ ich fleißig, doch die Schalen, ei, die schmeiß´ ich lieber andern hin, weil ich König bin.“ So heißt es in dem 1851 von Heinrich Hoffmann geschriebenen Weihnachtsmärchen „König Nussknacker und der arme Reinhold“. Wenn auch nur im Traum, ließ der Erfinder des Struwwelpeters in seiner Bildergeschichte erstmals einen hölzernen Nussknacker zum Leben erwachen.

      Um 1870 entstanden nach dem Vorbild des König Nussknacker die ersten gedrechselten und bemalten Exemplare in der Werkstatt von Friedrich Wilhelm Füchtner in Seiffen im Erzgebirge.

      Der grimmig dreinblickende, bärtige König oder Soldat mit schmucker Uniform ist bis heute bei Kindern und Erwachsenen beliebt. Er dient als Spielzeug, Dekorationselement oder einfach nur als praktischer Nussöffner. Ein Druck auf den Hebel am Rücken genügt, und mit einem beherzten Biss bricht die Nuss in seinem Mund knackend entzwei.

      Besonders zur Weihnachtszeit stehen Nüsse hoch im Kurs. Zwischen Schokoladenweihnachtsmännern, Äpfeln und Orangen findet man nicht selten die verschiedensten Nusssorten auf dem Weihnachtsteller. Doch wer den schmackhaften Kern essen will, muss erst einmal die harte Schale knacken.

      Der Nussknacker gehört sicher mit zu den ältesten Werkzeugen der Menschheit. Neben den unterschiedlichen  Techniken (Schraubgewinde, Zange oder Hebel) war die Wahl eines robusten Materials wie Holz, Knochen oder Metall entscheidend. Auch der Phantasie bei der figürlichen und farblichen Gestaltung waren kaum Grenzen gesetzt.

      Vor Kraft strotzende Figuren zeigen Soldaten, Polizisten, Bauern, Müller oder auch Mönche. Nachgebildete Köpfe von Persönlichkeiten wie Napoleon oder Bismarck bissen sich im 19. Jh. an so mancher harten Nuss die Zähne aus. Daneben waren Tierfigurenknacker als Souvenirs sehr beliebt.

      Der gezeigte Nussknacker mit Hebelknackvorrichtung ist als kauernder Affe aus Holz gestaltet. Er blickt mit seinen Glasaugen lebhaft in die Ferne. Die Figur wurde um 1920 von dem Holzbildhauer Paul Stelzer in Bad Warmbrunn gefertigt. Dieser niederschlesische Ort ist für seine bis 1946 bestehende Holzschnitzschule bekannt. Über vier Jahrzehnte bildete sie den Mittelpunkt des kunstgewerblichen Schaffens im Riesengebirge. Bei ihrer Gründung im Jahr 1902 stand die Förderung des heimischen Kunsthandwerks im Vordergrund. Schnell entwickelte sich die Institution unter ihrem Leiter Cirillo dell´Antonio auch über die Grenzen hinaus zu einer angesehenen Kunsthandwerkerschule für Holzschnitzerei und Kunsttischlerei.

      Inzwischen ist der Nussknacker, neben den Räuchermännchen, Lichterengeln und Pyramiden zu einer Symbolgestalt des Erzgebirges geworden.

      Lust bekommen, auch mal wieder eine Nuss zu knacken?


       

    • September & Oktober 2015: Cigarrenform

      Seeleute führten Tabak zu Beginn des 16. Jh. kurz nach der Entdeckung Amerikas in Europa ein. Er wurde zunächst entweder geschnupft oder in Pfeifen geraucht. Ab dem 19. Jh. kamen in Deutschland Zigarren aus zusammengerollten Tabakblättern in Mode.

      Die Herstellung von Zigarren in Fabriken oder in Heimarbeit entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Gewerbe. Im Jahr 1830 entstand in Minden die erste Zigarrenfabrik Westfalens durch den Kaufmann Theodor Rocholl. Vor dem Eisenbahnzeitalter ließ sich der überseeische Rohtabak günstig per Schiff aus Bremen über die Weser transportieren. Dieser Standortvorteil begünstigte in Minden die Tabakindustrie, die sich zum wichtigsten Gewerbe der Stadt entwickelte.

      1865 gab es bereits 34 Zigarren- und Tabakfabriken. Allein in der Firma Leonhardi & Noll wurden zu dieser Zeit durchschnittlich 20 Millionen Zigarren pro Jahr produziert. Die Handelskammer Minden galt mit ihren Standorten Bünde, Lübbecke, Minden und Vlotho als die „Tabakkammer der Nation“. Allerdings verlagerte sich die Produktion nach und nach aus den Städten auf das Land und in die Kleinstädte.

      Die Zigarrenherstellung war früher reine Handarbeit. Als Rohmaterial dienten getrocknete Tabakblätter. Aus ihnen wurden die drei wesentlichen Bestandteile einer Zigarre hergestellt: 1. Die Einlage aus verschiedenen Tabaksstreifen als Träger des Geschmacks. 2. Das Umblatt, das die Form zusammenhält. 3. Das zuletzt aufgetragene, feine und teurere Deckblatt als Qualitätsmerkmal.

      Zuerst fertigte der Wickelmacher durch das Einrollen der Einlage in das Umblatt den sogenannten Wickel. Nach 1867 wurde die Wickelform eingeführt. In dieser wurde der Rohling mehrere Stunden gepresst. Er nahm dadurch die Form einer Zigarre an und erhielt seine gewünschte Festigkeit. Je nach Herstellungsart wurden verschiedene Pressformen für 20 bis 25 Wickel verwendet.

      Das „Objekt im Fokus“ ist eine solche aus Holz gedrechselte, zweiteilige Hohlform. Die Form, die ehemals in Hille verwendet wurde, stammt aus der Fa. Otto Holzapfel in Bünde. Die Firma existierte bis in die 1970er Jahre und war auf die Herstellung von Wickelformen spezialisiert.

      Nach dem Pressen kam die Zigarre zum sogenannten Roller. Er umrollte den Wickel spiralförmig mit dem zuvor ausgewählten Deckblatt. Dieser Arbeitsschritt erforderte viel Geschick und Fingerspitzengefühl. Die fertigen Zigarren wurden getrocknet, sorgfältig sortiert und dann verpackt. Eine Banderole aus Papier gab den Herstellungsort und die Zigarrenmarke an.

      Heute hat die starke Verbreitung von Zigaretten die Zigarre größtenteils verdrängt. Die Einsicht, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet, hat ebenfalls zu einem Rückgang dieses Genussmittels geführt. In speziellen Zigarrenclubs wird das Rauchen jedoch noch aufwendig zelebriert.

       

    • Juli & August 2015: Botanisiertrommel, um 1900

      Das Objekt im Fokus in den Monaten Juli und August ist eine Botanisiertrommel. Zumeist wurde dieses länglich zylindrische Blechgefäß zum Transport von in der Natur entnommenen, Pflanzen genutzt. Gesammelt wurden diese als Beleg zur wissenschaftlichen Erstbeschreibung und Bestimmung.

      Vor Ort wurden die Pflanzen möglichst vollständig mit Blüte und Wurzel aus der Erde ausgegraben. Bei größeren Gewächsen bewahrte man nur die zur Bestimmung benötigten Pflanzenteile wie Spross, Blatt, Blüte und Frucht auf. Um solche Pflanzenbelege haltbar zu machen, presste man sie zwischen Löschpapier unter Gewichten oder in einer Pflanzenpresse. Im getrockneten Zustand wurden die Pflanzenteile dann auf einem Papier befestigt und Fundort, -tag und - wenn bekannt - mit dem vollständigen wissenschaftlichen Namen beschriftet.

      Die Bezeichnung „Herbarium“ für eine solche Pflanzensammlung leitet sich vom lateinischen Wort „herba“= Kraut ab. Der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707-1778) markiert mit seinem Werk „Species plantarum“ (1753) den Beginn der modernen Pflanzensystematik. Er veränderte auch das Anlegen von Herbarien, da er als erster seine Pflanzenbelege auf losen Blättern und nicht wie seine Vorgänger in gebundenen Büchern aufbewahrte. Dies bot den Vorteil, neue Entdeckungen an die richtige Stelle innerhalb einer Pflanzenfamilie sortieren zu können.

      Die Anfertigung eines Herbariums war im 18. und 19. Jh. fester Bestandteil der Ausbildung zum Apotheker und noch heute werden sie in vielen der Biologie verwandten Studienrichtungen erstellt. Neben den wissenschaftlichen Sammlungen wurden und werden auch immer wieder Herbarien von Privatleuten angelegt. Anstoß ist meist das Interesse, die heimische Flora näher kennenzulernen. Häufig werden Kinder in der Schule an das Anlegen von Herbarien herangeführt. Zum Ende des 19. Jh. gab es im Handel ganze „Ausstattungen für den kleinen Sammler“ mit Botanisiertrommel, Spaten, Lupe, Präparier-Messer und Sammelbuch zu erwerben.

      Das Sammeln der Pflanzen unterliegt jedoch festen Regeln: Geschützte und gefährdete Arten dürfen nicht gesammelt werden. Von 20 an einem Ort vorkommenden Pflanzen einer Art darf nur eine entnommen werden. Auch von einem größeren Gewächs, wie einem Busch, darf nur jeder 20. Teil abgeschnitten werden. Durch diese Vorsichtsmaßnahmen soll der Wachstumsort einer Sorte nicht bedroht werden.

      Aus den Aufzeichnungen des Mindener Museums geht hervor, dass die hier gezeigte Botanisiertrommel auch beim Sammeln von Schmetterlingen als Transportgefäß genutzt wurde. Gefangen wurden Schmetterlinge mit Keschern. Der Schmetterling wurde dann mit chemischen Mitteln betäubt und getötet, um später auf eine Nadel präpariert in einem Glaskasten ausgestellt zu werden. Neben den wissenschaftlichen gab es zahlreiche private Schmetterlings-sammlungen, die aus ästhetischem Interesse angelegt wurden. Heute sind viele Schmetterlingsarten gesetzlich geschützt und das Sammeln von Schmetterlingen ist nur noch für wissenschaftliche Zwecke mit Ausnahmegenehmigung erlaubt.

    • Mai & Juni 2015: Trachtenhalskette, um 1900


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist eine zur Lindhorster Tracht gehörende Halskette. Die Kette besteht aus acht großen facettiert geschliffenen Bernsteinen und ist mit einem versilberten Schloss verschlossen. Halsketten dieser Art wurden vom Bürgertum und von wohlhabenden Bauern für die Hochzeitstracht gekauft. Im Schaumburger und Mindener Land sind sie weit verbreitet, aber auch im Ravensbergischen und Osnabrückischen Raum bekannt.

      Die bäuerliche Tracht entstand im 19. Jahrhundert und kennzeichnete besonders die Trägerin nach Lebensalter, Familienstand, sozialer Stellung und Regionalzugehörigkeit. Im Fürstentum Schaumburg-Lippe entstanden aus den einst einheitlichen Trachten die unterschiedlichen Trachten um Frille, Holtrup, Bückeburg und Lindhorst.

      Zur Hochzeit wurde die Abendmahlstracht für die Freudenzeit sowohl von der Braut und den Brautjungfern als auch von verheirateten Frauen angezogen. Die Lindhorster Tracht zeichnete sich besonders durch das „Krallenband“, einen Bänderschmuck, aus. Dieser wurde hinten an der Bernsteinkette befestigt und hing über den Rücken bis zur Taille herunter. Als Hochzeitsgeschenk erhielt die Braut vom Bräutigam die Bernsteinkette mit dem kunstvoll verzierten Schloss. Auf dem Schloss wurden zumeist die Initialen des Brautpaars verewigt. Das Geschenk wurde als Familienerbstück auch von unverheirateten Brautjungfern getragen.

      Die auffallend großen Bernsteine die für die Kette Verwendung fanden, wurden schon seit der Antike zur  Herstellung von Schmuck benutzt und seit dem frühen Mittelalter verstärkt für Halsketten verwendet. Da Bernstein magische Kräfte und heilende Wirkung nachgesagt wurde, trugen mache Frauen die Ketten als Amulett. Bernstein ist ein versteinertes Harz und hat neben seiner elektromagnetische Eigenschaften, auch die Fähigkeit zu brennen. Daher leitet sich sein Name vom niederdeutsch „Börnstein“ (Brennstein) ab. Im Plattdeutsch heißt Bernstein „Flüötekrallen“, die Bezeichnung kann als „Flutkorallen“ gedeutet werden, da man den Bernstein an der Küste des Meeres fand. In einigen Trachtenregionen ist die Bezeichnung „Krallen“ (Perlen) für die Bernsteinketten üblich. Der für die Perlen verwendete Bernstein wurde über weite Strecken gehandelt und kam vermehrt aus den an die Ostsee grenzenden Gebieten des heutigen Polen.

      Verschlossen ist die Bernsteinkette des Mindener Museums mit einem rechteckigen, versilberten sogenannten Kastenschloss. Das reich verzierte Schloss zeigt ein Herz umgeben von zwei Tauben und pflanzlichen Rankenornamenten, darunter die Initialen des Brautpaars. Neben dem Herzen als Symbol der Liebe, galten auch Tauben seit der Antike als monogam lebende Tiere und wurden in der Emblematik des 16. Jahrhunderts zum Sinnbild ewiger Liebe und Treue. Der Rahmen des Kastenschloss wurde zusätzlich mit roten und grünen Glassteinen besetzt. Links und rechts vom Kastenschloss befindet sich je ein viereckiges Seitenstück aus Stoff, im  Plattdeutschen „Töste“ genannt. Es ist mit farbigem Seidengarn und Perlen bestickt und zeigt eine Blume. Dieses gehört wie Herz, Stern und Granatapfel zu den traditionellen Lindhorster Motiven.  

    • März & April 2015: Eierfärbepapier, um 1950

      Das Objekt im Fokus in den Monaten März und April ist das verkaufsfertig verpackte Produkt „Buntgemustertes Papier für Ostereier“. Es stammt aus dem Inventar der Ladenausstattung aus Ilserheide, die zurzeit in der Ausstellung „Shopping-eine Zeitreise“ zu sehen ist. Das vermutlich in den 1950er Jahren entstandene Produkt ist eine zeitsparende Methode des traditionellen Ostereierfärbens im Abziehbildverfahren.

      Das Ei ist schon in vorchristlicher Zeit ein Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit. Im Christentum wird dann aus dem scheinbar leblosen Ei, aus dem Leben entspringt, ein Symbol für die Wiederauferstehung Jesu Christi.

      In der Fastenzeit vor Ostern sammelten sich, aufgrund des Verbots des Verzehrs von Fleisch und Eierspeisen, eine große Anzahl Eier an. Es war Brauch diese für die Auszahlung des fälligen Pachtzinses zu nutzen. Im Zuge der Reformation im 16. und 17. Jh. wandelte sich diese Sitte in die Tradition, Eier zu Ostern zu verschenken. Da die Eier für nahestehende Personen wie Paten oder Freunde bestimmt waren, nahm man sich viel Zeit zum Bemalen und Verzieren der Eier. Die Verzierungstechniken die vereinzelt noch heute ausgeführt werden, reichen von kunstvollen Bemalungen, Ausspartechniken mit Wachs und dem Aufkleben von Applikationen aus Stoff oder Naturmaterialien.

      Das Abziehbildverfahren, das beim „Buntgemustertes Papier für Ostereier“ zum Einsatz kommt, ist in Europa seit dem 18. Jahrhundert vor allem in der Keramikindustrie bekannt. Das Prinzip des Abziehbildes ist es, ein meist durch einen Druck erzeugtes Bild mithilfe eines Papierbogens auf eine neue Fläche zu bringen und dort vom Papier zu lösen. Um dies zu erreichen, muss das Motiv zwischen zwei Bindemittelschichten gedruckt sein, die durch ein Lösemittel in Ihrer Klebkraft reanimiert werden können. Das Motiv wird seitenverkehrt und bei einem Mehrfarbendruck in umgekehrter Farbreihenfolge auf die Bindemittelschicht gedruckt.

      Die auf die Verpackung gedruckte „Gebrauchsanweisung für Eierfärbepapiere“ beschreibt den Vorgang genau. Das Papier muss mit der bedruckten, glänzenden Seite auf ein gekochtes und abgetrocknetes Ei gelegt und in einem dünnen Damenstrumpf fixiert werden. Das Ei muss so verpackt dann einige Sekunden in einem halben Liter heißen Wasser zum An- und Ablösen des Abziehbilds liegen. Ein Schuss Essig wird zum Wasser dazugegeben, damit die Säure den Kalk der glattwandigen Eierschale angreift. An der so aufgerauten Oberfläche kann die Bindemittelschicht des Abziehbildes besser haften. Der Strumpf und das Papier müssen noch im leicht feuchten Zustand vorsichtig vom Ei entfernt werden. Nach dem Trocknen des Abziehbilds auf dem Ei, kann das Ei abschließend zur Erhöhung der Farbkraft und des Glanzes mit Öl abgerieben werde.

      Schon seit dem 17. Jh. rankt sich die Phantasie um regional ganz unterschiedliche Tiergestalten, die die außergewöhnlich gestalteten Eier zu den Menschen bringen. In Westfalen war es der Fuchs, der die sogenannten „Voßeier“ brachte. Er wurde jedoch zu Beginn des 20. Jh. durch die Verbreitung des Hasen in Bildergeschichten und Werbung verdrängt.

    • Januar & Februar 2015: Bettwärmer, 1. Hälfte 19. Jh.

      Das Objekt im Fokus in den Monaten Januar und Februar ist ein Bettwärmer aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bettwärmer aus Metall, wie die aus Minden stammende Bettpfanne, wurden seit dem 17. Jahrhundert  hergestellt. Der charakteristische lange Stiel ist bereits abgebrochen und verloren gegangen, bevor die Bettpfanne in die Sammlung des Mindener Museums kam.

      In Zeiten, in denen es für die Mehrheit der Bevölkerung kaum möglich war, mehr als einen Raum zu beheizen, waren zusätzliche Wärmequellen notwendig. Insbesondere die Betten waren abends klamm und kalt. Um Wärme auch dorthin zu befördern, entwickelte man verschiedene Methoden. Eine der ältesten war das Erwärmen eines Steins in den noch glühenden Kohlen. Der erwärmte Stein wurde dann in ein Tuch eingeschlagen und ins Bett gelegt. Auch Vorläufer unserer heutigen Wärmflasche, Zinn- oder Kupferbehälter gefüllt heißem Wasser, waren im Einsatz. Am wirkungsvollsten erwies sich aber die Benutzung der Bettpfanne.

      Die Pfanne wurde mit glühender Holzkohle oder glühendem Torf gefüllt. Um diese Wärmequelle sicher transportieren zu können, wurde die Pfanne mit einem Deckel verschlossen. Dieser Deckel musste jedoch mit Luftlöchern versehen sein, damit eine ausreichende Sauerstoffzufuhr den Brennvorgang im Inneren der Pfanne nicht abbrechen ließ. Dieser Umstand barg die Gefahr des Funkenflugs in sich, daher musste mit äußerster Geschicklichkeit und Vorsicht vorgegangen werden. Die Pfanne wurde an einem langen Stiel zwischen Matratze und Bettzeug geführt und dort stetig hin und her bewegt. Eine ungefährlichere Version war die mit heißem Sand gefüllte Bettpfanne. Diese kühlte jedoch vergleichsweise schnell aus.

      Neben dem praktischen Nutzen war die Bettpfanne aber auch ein Statussymbol. Da der Rohstoff Kupfer nur relativ selten in reiner Form in der Natur vorkommt, konnten sich nur wohlhabende Familien den Erwerb einer daraus hergestellten Gerätschaft leisten. Kupfervorkommen in Deutschland gibt es im Erzgebirge, im Harz und im Mansfelder Gebiet. Durch Verschmelzung mit Zinn wird Messing daraus gewonnen. Die Produktion von Kupfer- und Messingwaren siedelte sich meist in der Nähe der Rohstofflager an. Frühe Zentren waren daher Goslar (11.-14. Jh.) und Braunschweig (nach 1300). Seit dem 15. Jh. waren insbesondere Aachen und Nürnberg für Ihre Produktion berühmt.

      Der reine Materialwert erhöhte sich noch durch die aufwendige, handwerkliche Bearbeitung der Pfannen. Das runde Becken der Pfanne wurde von dem sogenannten „Beckenschläger“, mit dem Holzhammer kalt aus dem Metall getrieben. Der durchbrochene Deckel der Pfanne wurde oft mit einem figürlichen oder ornamentalen Motiv verziert. Auf den Deckel der Mindener Bettpfanne wurde ein von Blumen umgebener Vogel graviert und punziert. Bei letzterer Technik wird mit einem kleinen Stahlstempel ein einfaches Motiv, hier kleine Kreise, in das Metall geschlagen. Um die kostbare Bettpfanne gut sichtbar zu Schau zu stellen wurde sie, wie man es auf einigen zeitgenössischen Bildern sehen kann, im Wohnraum an einer am Ende des Stiels angebrachten Öse aufgehängt.

    • Dezember & November 2014: Schlittschuhe, um 1900

      Das „Objekt im Fokus“ in den Monaten November und Dezember ist ein Paar Schlittschuhe, das um 1900 von einer Frau aus dem Stadtteil Rodenbeck getragen wurde.

      Schlittschuhlaufen oder „Schrittschuhlaufen“, wie es damals auch genannt wurde, etablierte sich in Deutschland erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Auslöser für die Popularität der damals eher unbekannten Freizeitbeschäftigung waren die Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724- 1803) und sein Freund Johann Wolfgang von Goethe (1749- 1832). Die Schriftsteller priesen das Gleiten auf dem Eis in ihren Gedichten als ein großes Vergnügen und gewannen so viele Nachahmer.

      Die Grundform des Schlittschuhs, wie wir ihn heute kennen, wurde in Holland erfunden. Dort war das Schlittschuhlaufen seit dem 16. Jahrhundert aufgrund der vielen Wasserwege ein weit verbreitetes Fortbewegungsmittel. Die Holländer entwickelten aus einer waagerecht unter den Fuß gebundenen Metallschiene die senkrecht aufstehende Kufe. Diese ermöglichte erstmals das Fortbewegen auf dem Eis ohne die Hilfe von Stöckern. Vorläufer der Metallschiene war der Knochenschlittschuh. Dieser war in ganz Europa verbreitet. Die ältesten gesicherten archäologischen Funde von Knochenschlittschuhen stammen aus der Zeit um 3000 v. Chr.. In Norwegen und Island benutzte man diese „Schlitterhilfe“ noch bis in das 19. Jahrhundert. In Mitteleuropa verwendete man in erster Linie den Schweinefußknochen, der dadurch bis heute den Namen „Eisbein“ trägt.

      Mitte des 19. Jahrhunderts gab es dann verschiedene Innovationen in der Form des Schlittschuhs. Diese führten dazu, dass sich im 20. Jahrhundert ein Schlittschuh mit einer fest mit dem Schuh verbundenen Kufe entwickelte. Der im Mindener Museum verwahrte Schlittschuh ist ein Vorläufer dieses Modells. Er wurde über dem normalen Schuh getragen. Seine Sohle besteht aus Holz und ist fest mit der schwungvoll geformten, eisernen Kufe verbunden. Der Vorderfuß wurde fest zwischen zwei Lederbahnen verschnürt und der Absatz in einem eisernen Fersenhalter mit einem Dorn befestigt. Ein weiterer langer Lederriemen wurde zum besseren Halt um den Knöchel gewunden.

      Anfang des 19. Jahrhunderts kam das Schlittschuhlaufen so stark in Mode, dass darüber Bücher veröffentlicht wurden: „Das Schlittschuh=Laufen- Ein Taschenbuch für Freunde dieses edlen Vergnügens“( A. Maier, 1814) und „Der Eislauf oder das Schrittschuhfahren- Ein Taschenbuch für Jung und Alt“(Hrsg. C. S. Zindel, 1825). Die Bücher enthielten konkrete Anleitungen zu Übungen auf dem Eis und schwärmerische Abhandlungen über das Vergnügen des Schlittschuhfahrens. Es wurden jedoch auch kritische Stimmen publiziert, die sich an den „müßigen Städter“ richteten: „der aus eitler Langeweile sich der Gefahr aussetzt im Eise einzubrechen“ („Dinglers polytechnisches journal“, 1807). Dass auch die Mindener schon früh Interesse an einer Eisbahn hatten, belegen um 1900 entstandene Postkarten, die den zugefrorenen Schwanenteich am Weserglacis zeigen.

    • September & Oktober 2014: Strickflott, um 1930

      Das Objekt im Fokus in den Monaten September und Oktober ist das Kinderhandarbeitsspiel „Strickflott“ der Firma J. W. Spear und Söhne. Das Spiel, das etwa um 1930 entstanden sein muss, wurde dem Mindener Museum 1989 von einer Mindenerin geschenkt.

      Angepriesen wird das „Strickflott“ auf der Originalverpackung als „das neueste und vollkommenste Strickgerät“. Tatsächlich ist das „Strickflott“ eine Weiterentwicklung der bekannten „Strickliesel“. Diese wird 1926 ebenfalls von der Firma J.W. Spear auf den Markt gebracht. Entwickelt hat sich die „Strickliesel“ aus älteren Vorbildern wie einer Strickgabel, mit der schon die Wikinger Bänder anfertigten. Das Strickflott gleicht vom Prinzip aber auch einer sehr kurzen Handstrickmaschine, wie sie von Erwachsenen genutzt wurde. Das „Strickflott“ sollte junge Mädchen spielerisch an die nutzbringende Tätigkeit des Strickens heranführen. Das bunt gedruckte Begleitheft bot Inspiration zur Herstellung von Schals und Puppenkleidung.

      Hinter dem scheinbar heiteren Geschäft des Kinderspielzeugverkaufs verbirgt sich jedoch auch die tragische Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Spear. Gründer der Firma war der 1832 geborene Jacob Wolf Spear. Er anglisierte seinen Namen Spier während eines zehnjährigen Aufenthalts in Amerika. Der findige Geschäftsmann wurde nach seiner
      Rückkehr nach Deutschland Mitinhaber einer Fabrik für Holzspielzeug in Sonneberg. 1878 ging er mit seiner Familie nach England. Nur ein Jahr später gründete er ein Import- und Exportgeschäft für Kurzwaren mit Hauptsitz in Fürth in Bayern. Seine Söhne leiteten die Zweigstelle in England. In Fürth baute er eine Fabrik für die „Verarbeitung von gedruckten, bestrichenen und sonstigen Papieren und Pappen zu Spielen, Strickmustervorlagen, Bilderalben, kleinen Bilderbüchern und einigen Gebrauchsunterlagen wie Tellerunterlagen“ auf. Zwei Fabrikbrände und zum Teil antisemitisch motivierte Anfeindungen erschwerten Jacob Wolf Spear das Leben. 1893 beging er Selbstmord. Seine jüngeren Söhne führten das Unternehmen weiter und verlegten 1898 den Firmensitz nach Nürnberg-Doos. Dort expandierte die Firma J.W. Spear & Söhne. 1926 vertrieb sie über 1000 Artikel. 1933 verdunkelte jedoch die Machtübernahme der Nationalsozialisten die Zukunft der Firma. Teile der Familie wanderten frühzeitig nach England aus, wo seit 1914 wieder eine Zweigniederlassung der Firma bestand. 1938 wurde das Firmengelände durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und dem Fotounternehmer Hanns Porst übergeben. Der Nürnberger Betriebsleiter Hermann Spear und 10 weitere Familienmitglieder wurden in Konzentrationslager verschleppt und getötet.
      1948 erhielt die Familie im Zuge des gesetzlichen Entschädigungsverfahrens ihren weitgehend zerstörten Besitz in Nürnberg zurück. Die Witwe des ermordeten Hermann Spear betrieb aktiv den Wiederaufbau der Firma. Hauptsitz blieb jedoch England. In den 1950er Jahren wurde die Firma J.W. Spear und Söhne durch den weltweiten Verkauf des Scrabble Spieles bekannt und florierte bis zur Übernahme durch die Spielzeugfirma Mattel in den 1990er Jahren.

    • Juli & August 2014: Sonnenbrillen, nach 1950

      Das Objekt im Fokus in den Monaten Juli und August ist ein Konvolut von Sonnenbrillen mit charakteristischen schmetterlingsförmigen Gestellen der 1950er und 60er Jahre. Die verkaufsfertig verpackten Sonnenbrillen kamen 1983 im Rahmen des Ankaufs einer kleinen Ladenausstattung aus Petershagen in die Sammlung des Mindener Museums.

      In Deutschland begann nach Ende des zweiten Weltkriegs in den 1950er Jahren ein rascher Wiederaufschwung der Wirtschaft. Die durch das Wirtschaftswachstum bedingten höheren Löhne ermöglichten der Bevölkerung eine Verbesserung des Lebensstandards. Die Besatzungsmacht Amerika und die Einfuhr neuer Konsumgüter aus Frankreich und Italien öffneten die Bundesrepublik Deutschland zudem für völlig neue Modetrends.

      Dieser Umstand beeinflusste auch die bis dahin als hässlich empfundenen Brillengestelle. Clevere Werbeslogans wie „Besser sehen-besser aussehen“ hatten das Ziel, die Brille zu einem kosmetischen Artikel und modischen Attribut zu machen. Eine Image-Verbesserung sollte auch durch die Werbung mit den Stars der damaligen Zeit, wie Sophia Loren, Gina Lollobrigida oder Curd Jürgens herbeigeführt werden.

      Die Sonnenbrille hatte es bei den Konsumenten etwas einfacher. Durch die beginnende Reisewelle in den 1950er Jahren in das Sehnsuchtsland Italien wurde die Sonnenbrille zu einem Symbol für Sommer, Sonne und Urlaub. Man trug sie auch zu Hause in Deutschland gerne.

      Da sich nicht jeder eine qualitativ hochwertige Sonnenschutzbrille vom Optiker leisten konnte, kamen vermehrt auch einfach produzierte Sonnenbrillen auf den Markt. Diese günstigen Sonnenbrillen wurden in regulären Geschäften, wie z. B. dem Petershager Laden, angeboten. Dort wurden Sie für 2,- Mark pro Stück verkauft.

      Möglich wurde die erschwingliche Produktion von Brillen durch neue Entwicklungen im Bereich der Polymerchemie, die eine kostengünstige Herstellung von Kunststoffen ermöglichten. Fortschritte in den Berechnungsmöglichkeiten und den Herstellungsverfahren von Brillengläsern gestatteten auch die  Anfertigung von neuen und größeren Brillenformen. Somit war der Weg für die Gestaltung von extravaganten Brillenformen wie der Schmetterlingsbrille geebnet.

      Extreme Formen, wie mit Strass besetzte Schmetterlingsbrillen oder Jalousiebrillen, wurden jedoch im Alltag nur von sehr wenigen Modemutigen getragen. Sie dienten in erster Linie der Zurschaustellung der Innovationen des Optikerfachhandels in den neuen, farbig gedruckten Illustrierten oder den Auslagen der Geschäfte.

    • Mai & Juni 2014: Haarbild, spätes 19. Jh.


      Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist ein sogenanntes Haarbild. Dieses für unser heutiges Empfinden ungewöhnliche Objekt wurde dem Mindener Museum 1998 vererbt. Einer Aufschrift auf der Rückseite kann man entnehmen, dass die ursprüngliche Besitzerin 1859 in Hannover geboren wurde und in Minden lebte, bis sie 1940 verstarb.

      Plastische Haararbeiten, wie das Mindener Haarbild, waren im 19. Jahrhundert besonders in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr beliebt.                                   

      Sie entstammen der jahrhundertealten Sitte, Haare von geliebten Menschen zu Ihrem Andenken aufzubewahren. Das älteste Beispiel für eine zum Andenken aufbewahrte Haarsträhne wurde im Grab des Tutanchamun (1345-1335 v. Chr.) gefunden. Es handelt sich bei dieser Strähne um die Haare seiner Großmutter Königin Teje (1398-1338 v. Chr.). Bekannt ist auch die Haarlocke der Lucrezia Borgia (1480-1519), die in der Ambrosiana Bibliothek in Mailand zu ihrer Erinnerung aufbewahrt wird. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind einige kostbare Schmuckstücke aus Adelskreisen mit Haareinlage überliefert worden. Ende des 18. Jahrhunderts häuften sich erstmals die Beispiele von Haarschmuckstücken, die als romantische Liebes- oder Freundschaftsgaben auch verschenkt werden. Im 19. Jahrhundert wurde es dann geradezu zu einer Modeerscheinung sich mit Schmuckstücken aus Haaren zu umgeben. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden auch die plastischen Haarbilder.

      Anlass zur Fertigung der aufwendigen Haarbilder boten freudige Familienfeste, wie ein Jubiläum, eine Hochzeit, eine Taufe oder die Erinnerung an einen geliebten, verstorbenen Menschen. Da Männerhaar oft nicht in ausreichender Menge für ein Haarbild zur Verfügung stand, wurden diese in erster Linie Frauen oder Kindern gewidmet. Hergestellt wurden die Haararbeiten entweder in Heimarbeit oder sie wurden bei einem spezialisierten Friseur oder Perückenmacher in Auftrag gegeben. Um das Haar in Form zu bringen, wurde es verklebt, gestickt oder mit Draht fixiert. Bei letzterer Technik wurde das in Schlingen um den Draht gewundene Haar abschließend gekocht und an der Luft getrocknet, um so die Form zu fixieren.

      Um die Kostbarkeit des „Haarkunstwerks“ noch zu unterstreichen, wurde der Rahmen des Mindener Haarbouquets mit kunstvoll geprägten Messingblechen und textilen Borten verziert. Vor Staub und Beschädigung sollte die Verglasung des Rahmens schützen.

      Blumen waren ein außerordentlich verbreitetes und beliebtes Motiv für ein Haarbild. Im 19. Jahrhundert wurde jeder Blumensorte eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben. Diese Bedeutung wurde in zahlreichen Glossarien, wie z. B. in dem Buch „Allgemeine Blumensprache neuester Deutung“, Hrsg.: Reidhard´s Buchhandlung von 1837, erläutert. Durch das Zusammenstellen von  verschiedenen Blumen konnten somit individuelle Botschaften vermittelt werden. Leider lassen sich die aus Haar nachgebildeten Blumen heute nicht mehr mit Bestimmtheit identifizieren, so dass ihre verschlüsselten Botschaften verloren gegangen sind.

      Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor das Haarbild mit der fortschreitenden Entwicklung der Fotographie an Bedeutung als individuelles Erinnerungsobjekt.

    • März & April 2014: Schreibgarnitur, nach 1923

      Aus Anlass unseres Museumspädagogischen Angebots „Scriptorium- Das Mindener Museum wird zur Schreibstube“, zeigen wir in den Monaten März und April eine Schreibgarnitur. Leider ist nicht mehr rekonstruierbar, wann das Objekt in das Mindener Museum gekommen ist. Die Schreibgarnitur wurde als Teil der ehemaligen Dauerausstellung des Mindener Museums im sogenannten „Biedermeierzimmer“ präsentiert, das 1970 eingerichtet wurde. Man nahm an, dass es sich bei der handgearbeiteten Garnitur um ein Stück aus der Zeit zwischen 1815 und 1830 handeln würde. Ein auf der Unterseite der Schreibgarnitur angebrachtes Etikett gibt jedoch den Hinweis darauf, dass die Schreibgarnitur rund 100 Jahre später in der Firma Carlos Zipperer Sobrinho in Brasilien entstanden sein muss.

      Der Besitzer der Firma Carlos Zipperer Sobrinho war ein Nachkomme der ersten deutschen Einwanderer aus dem Böhmerwald, die 1873 per Schiff in die brasilianische Provinz San Caterina auswanderten. Initiiert wurde die Einwanderung durch den damaligen Kaiser Dom Pedro II., einen Nachkommen des portugiesischen Königshauses. Er teilte jeder Familie 50 ha Land zu und hoffte dadurch, die bisher wenig erschlossenen Gebiete Brasiliens zu kultivieren. 70 Männer aus Böhmen folgten dieser Einladung und ließen sich mit Ihren Frauen und Kindern auf etwa 900 Metern Höhe am Fluß Sấo Bento del Sul nieder. Unter Ihnen befand sich auch der Großvater von Carlos Zipperer Sobrinho. Anton Zipperer war gelernter Zimmermann, der sich im Alter von 60 Jahren entschlossen hatte mit seinen sechs Kindern nach Brasilien überzusiedeln. Sein erster Sohn Josef Zipperer veröffentlichte 1913 ein Buch über die Anfangsjahre der Besiedlung mit dem Titel „Aus der Vergangenheit Sấo Bento, Brasilien“.

      Carlos Zipperer Sobrinho gründete 1923 einen kleinen Betrieb mit der Idee, aus den Abfallprodukten der Holzindustrie Kunsthandwerk herzustellen. Aufgrund der technisch und personell begrenzten Ressourcen vor Ort, importierte er Bücher aus Deutschland um neue Herstellungsweisen zu lernen. Er bildete seine Angestellten in neuen Techniken aus und reiste, um seine Produkte auch in anderen Provinzen Brasiliens verkaufen zu können. Seine Kleinmöbel und das Kunsthandwerk wurden insbesondere von Touristen sehr geschätzt. Der wachsende Erfolg ermöglichte ihm ab 1950 in die USA, Deutschland, England und Japan zu exportieren. Da die verbreitete Verwendung von Kunststoff in den 1960er Jahren die Herstellung von touristischem Kunsthandwerk aus Holz unrentabel machte, stellte die Firma auf die Möbelproduktion um. Seiner Zeit voraus, führte er 1979 die Verwendung von Holz aus aufgeforsteten Wäldern ein. Carlos Zipperer Sobrinho starb im Alter von 78 Jahren und hinterließ seiner Familie eine Firma, die auch heute noch zu den größten Möbelexporteuren Brasiliens zählt.

      Ob es sich bei dem Objekt in der Sammlung des Mindener Museums um ein frühes Reisesouvenir oder einen Exportartikel handelt ist leider ungeklärt. Umso spannender ist jedoch die Herkunft des Objektes, die erst heute mit Hilfe der Recherchemöglichkeiten des Internets erschlossen werden konnte.

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