Minden erleben

"Man nehme ..."

  • Henriette Davidis schrieb 1853 in Minden an ihrem Kochbuch

    Von Dr. Monika M. Schulte

    "Man nehme ...": Nur zwei Worte, aber eine Verheißung für alle, die gerne backen, kochen und essen! Geprägt hat diese Worte, die heute fast jedes Rezept einleiten, Henriette Davidis (1801-1876), Tochter eines protestantischen Pfarrers aus Wengern an der Ruhr. 1853, vor 150 Jahren, schrieb sie an ihrem Kochbuch, und zwar in Minden.

    Am 17. Juni 1853 zieht Henriette Davidis, so eine kurze Notiz in einer städtischen Akte, von Hahlen nach Minden. Ihr Aufenthalt in Minden wurde polizeilich genauestens verfolgt. Nachdem das Amt Hartum, zu dem Hahlen gehörte, für die Schriftstellerin eine "Ueberweisung" nach Minden ausgestellt hatte, wurde erwartet, dass sie bei der Polizei-inspektion wegen "ihrer vorschriftsmäßigen Niederlassung gefälligst" vorstellig würde. Bis zum 27. Juli kam sie dieser Aufforderung offensichtlich nicht nach: Man konnte aber ausfindig machen, dass sie krankheitshalber zu einer Badekur nach Nammen gereist wäre. Von dort zurück in Minden, bat sie am 25. Oktober 1853 in einem Schreiben den Bürgermeister, ihr "eine Aufenthaltskarte auf ein halbes Jahr" auszustellen, was dann wohl auch geschah.

    In Minden lebt sie im Haus des Tabakfabrikanten Friedrich A. Weddigen an der Ecke Brüderstraße 26 / Königswall 51 (1979 abgebrochen). Ihr "Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche", das 1844 erstmals erschien, ist bis heute ein Bestseller. 1853 bereitete sie von Minden aus die sechste Auflage, die 1854 in einem Bielefelder Verlag erscheinen soll, zum Druck vor. Die Arbeiten an der Neuauflage sind bald abgeschlossen, wie die Datierung des Vorworts mit "Minden, im September 1853" verrät.

    Im Haus ihres Gastgebers war Henriette Davidis vermutlich nicht nur mit der Redaktion des Kochbuchs beschäftigt, sondern auch mit der Erziehung der acht fünf- bis 18jährigen Kinder des Ehepaars Weddigen betraut. Als gelernte Erzieherin und Verfasserin zahlreicher Ratgeber, die ein umfassendes Erziehungs- und Bildungsprogramm für Mädchen und Frauen des Bürgertums in der damaligen Zeit entfalten, dürfte sie sich für diese Aufgabe glänzend empfohlen haben.

    Ihr Kochbuch enthält "einen Küchenzettel nach den Jahreszeiten geordnet", denn um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde gekocht und gegessen, was aus heimischen Seen und Flüssen gefischt, in Ställen der Umgebung gefüttert und im eigenen Garten gezogen worden war: Zitronen und Orangen waren aufgrund des langen Transports per Schiff teuer und rar, Erdbeeren kamen - anders als heute, wo sie gekühlt unterwegs sind und schon im Januar und Februar zum Verkauf angeboten werden - allenfalls im Frühsommer als Dessert auf den Tisch.

    Ohne schnelle Überseeverbindungen per Flugzeug, ohne Tiefkühlmöglichkeiten und ohne Konserven-büchsen sah der Speisezettel damals anders aus: Exotische Früchte fehlten auch auf dem Esstisch des gehobenen Bürgertums fast ganz; Fisch, Fleisch und Obst konnten nur durch Einkochen, Trocknen oder Einsalzen haltbar gemacht werden.

    Der Titel des Kochbuchs von Henriette Davidis verheißt dennoch Köstlichkeiten: Gelehrt wird die "Bereitung von verschiedenartigen Speisen, kalter und warmer Getränke, Gelees, von Gefrornem, Backwerken, so wie zum Einmachen und Trocknen von Früchten." Und sie gibt gleich im Anhang die Anweisung, wie "Arrangements zu kleinen und größeren Gesellschaften, zu Frühstücks, Mittags- und Abendessen, Kaffee's und Thee's" zu gestalten sind. Vermutlich wird, da es sich um "selbstgeprüfte Rezepte" handelt, oft ein verlockender Duft aus der Küche ins Esszimmer ihrer Mindener Gastgeber geweht sein.

    Und vielleicht hat sich darunter auch das Rezept für einen sehr gehaltvollen Schokoladenkuchen befunden, das in einer Zeit, als Schokolade und Mandeln keineswegs zu den alltäglichen Produkten gehörten, längst nicht in allen Mindener Bürgerhäusern ausprobiert wurde:
    "Man nehme: 14 Eier, 250 Gr. durchsiebten Zucker, 250 Gr. geriebene Mandeln, 200 Gr. auf einem Reibeisen feingeriebene und durchsiebte süße Vanilleschokolade, 4 Gr. feinen Zimt und dazu 1 Teelöffel voll Backpulver. 12 Eidotter und 2 ganze Eier werden mit Zucker, Mandeln, Schokolade mittels eines Schaumbesens eine viertel Stunde stark geschlagen, oder eine halbe Stunde gerührt, dann wird das zu Schaum geschlagene Weiße der Eier durchgemischt, Backpulver schnell durchgerührt und der Teig in eine bereitstehende zugerichtete Form gefüllt. Der Kuchen wird bei geringer Hitze 1 Stunde gebacken. Es darf auf keinen Fall daran gestoßen werden."

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