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"Rattenkampf" und "Rattenkrieg" in Minden

  • "Rattenkampf" und "Rattenkrieg" in Minden

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am 25. Mai 1929 - vor 75 Jahren - konnte die Polizeiverwaltung der Stadt Minden im Mindener Tageblatt der Öffentlichkeit verkünden, dass "mehrere Hundert tote Ratten gefunden" wurden, nachdem eine entsprechende Bekämpfung der Plage durch Gift notwendig geworden war.

    Aber "die Zahl der durch die Unternehmung tatsächlich vernichteten Nagetiere" betrug, so die Meldung, "ein Vielfaches der gemeldeten Zahl": Schließlich war davon auszugehen, dass "erfahrungsgemäß die vergifteten Ratten vor dem Verenden in ihre Schlupfwinkel zurückkehren", also nicht tot aufgefunden werden konnten.

    War es zu einer Rattenplage gekommen, die von der Stadt und den Bürgern bekämpft werden musste? Oder was sonst war die Ursache für dieses Vorgehen? Schließlich war man seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts sehr bemüht, mehr Hygiene in der Stadt walten zu lassen: Ab 1883 wurden Kanäle durch die Straßen gezogen, um das Abwasser unterirdisch zu entsorgen, anstatt es durch die oberirdischen Rinnsteine der Straßen abfließen zu lassen; Unrat, der bis dahin in geruchsbelästigende, gesundheitsschädigenden Gruben in den Höfen der Wohnhäuser entsorgt wurde, die nur dann, wenn sie überquollen, geleert wurden, wurde seit 1903 durch die Müllabfuhr regelmäßig beseitigt. Und seit einigen Jahren war die Stadt Minden beispielhaft für andere in der Bekämpfung der Ratten, die Infektionen übertragen konnten und in Zeiten knapper Nahrungsmittel die Nahrungsnot noch verschärften.

    Um der Ratten Herr zu werden, wurden in der Stadt Minden sogenannte "Rattenkampftage" oder "Rattenkriegstage" durchgeführt: Durch die Polizeiverordnung vom 28. Dezember 1925 zur Bekämpfung der Rattenplage wurde verfügt, dass regelmäßig auf Anordnung der Polizeiverwaltung in der ganzen Stadt Minden gleichzeitig die Rattenbekämpfung betrieben werden sollte: "Die Eigentümer sämtlicher in der Stadtgemeinde Minden vorhandenen Hausgrundstücke, Lager- und Schuttplätze sowie die Inhaber von Laubengrundstücken oder Schrebergärten oder deren gesetzliche Vertreter, sind verpflichtet an Tagen, die noch bestimmt und bekannt gemacht werden, wirksame Rattenvertilgungsmittel an geeigneten Stellen ihrer Grundstücke auszulegen."

    Nur durch zeitgleiche Auslage von vergifteten Ködern konnte die Plage in den Griff bekommen werden. So sollte der Ausbruch von Seuchen und Infektionen wirksam begegnet werden. Fünf Tage nach der behördlich festgelegten Auslage des Rattengiftes war das Ergebnis der Polizeiverwaltung mitzuteilen. Und die toten Ratten sind spätestens zwei Tage nach dem Auffinden zu vergraben und zu verbrennen. Nutztiere waren während dieser Zeit einzusperren, damit sie sich nicht an für Ratten bestimmten Ködern gütlich tun konnten und so dem Gift erlagen. Auch die nicht von den Ratten sind mit der gebotenen Vorsicht wieder zu entfernen, am besten zu verbrennen, ohne sie mit der bloßen Hand zu berühren.

    Die Polizeiordnung von 1925 zog zahlreiche Angebote von Schädlingsbekämpfungsfirmen zwecks Abnahme ihrer Produkte sowie zahlreiche Bewerbungen von Kammerjägern um Anstellung, die seitens der Stadt Minden nicht angefordert worden waren, nach sich: Beides ist in den Akten der Stadt Minden aus der damaligen Zeit zu finden.

    Bei der Anwerbung von Kammerjägern ließ man besondere Vorsicht walten: "Die Tätigkeit eines Kammerjägers ist im hohen Maße Vertrauenssache, da der Auftraggeber in der Regel nicht in der Lage ist, die Wirksamkeit der ausgelegten Mittel, als auch die Preiswürdigkeit der geleisteten Arbeit nachzuprüfen." Darum sollten vorbestrafte Personen nicht mit dieser Aufgabe betraut werden, und polizeiliche Führungszeugnisse wurden eingefordert.

    Bei der Stadt Minden gingen damals aber auch Anfragen aus anderen Städten ein, wie man die Rattenbekämpfung organisiere? Denn die Stadt Minden galt in der Bekämpfung der Rattenplage als beispielhaft. Und so steht auch im Mindener Tageblatt vom 25. Mai 1929: "Das Ergebnis der diesjährigen Rattenbekämpfung zeigt, daß ihre regelmäßige Wiederholung zur Vernichtung der ekelerregenden Nagetiere aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen ein dringendes Gebot ist."


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