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"hoyken" und "kogel" als Meisterstücke

  • Gildebrief für das Schneideramt vom 16. Juli 1453

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Vor 550 Jahren, am 16. Juli 1453, fertigte der Mindener Rat für das Schneideramt auf dessen Wunsch einen neuen Gildebrief aus, weil sich die Bestimmungen über die Meisterstücke geändert hatten.

    Meister und Ältermann des Schneideramts erschienen zusammen mit ihren Beisitzern vor dem Bürgermeister und den Ratsherren der Stadt Minden im Rathaus, um ihr Anliegen vorzutragen. Vom Rat werden sie als "unße leven medeborghers", als unsere lieben Mitbürger, angeredet: Eine Auszeichnung, die der Rat nicht jedem gewährte. Aber schließlich gehörte das Schneideramt zu den sogenannten großen Ämtern; seine Mitglieder waren ratsfähige Bürger, die den Rat wählen und selbst in den Rat gewählt werden konnten.

    Die Schneider ließen den Rat am 16. Juli 1453 "lesen unde hören enen breff", gaben also den Wortlaut einer alten Urkunde zur Kenntnis, den der Mindener Rat in früheren Zeiten zugunsten der Schneider ausgestellt hatte. Denn die "snydinge", der Zuschnitt des Tuches für das Meisterstück, hatte sich gegenüber den Bestimmungen der älteren Urkunde verändert. So wurde nun die Ausfertigung einer neuen Urkunde notwendig.

    Die neuen Bestimmungen sahen vor, dass ein Schneider, der in die Gilde der Mindener Schneider aufgenommen zu werden begehrte, vor den Augen des Gildemeisters aus neuem Stoff unterschiedliche Kleidungsstücke zuzuschneiden hatte: einen "manne-hoyken, rok und koghelen" (Männermantel, Rock und Kapuze bzw. Mantel mit Kapuze) sowie einen "vrowen-hoycken unde rock myt enem lyffstücke" (Frauenmantel und Rock mit Leibtuch). Schnitt er das Tuch richtig, so konnte er in die Gilde aufgenommen werden und diese Mitgliedschaft auch an seine Nachkommen vererben.

    Durch die Urkunde wurden gleichzeitig die in der Gilde zusammengeschlossenen Schneider privilegiert oder in ihren längst gewohnten Privilegien bestätigt: Niemand außer ihnen durfte in der Stadt Minden Tuche für Kleidung zuschneiden. Wer das aber doch tat, ohne die Gilde zu besitzen, musste dem Rat eine Strafe zahlen.

    Die Strafe, die wegen dieses Vergehens von der Gilde eingezogen wurde, belief sich auf ein Pfund Wachs "to ören lichten": Die Schneidergilde erhielt Bienenwachs, um an ihrem eigenen Altar Lichter brennen zu lassen. Am Altar versammelten sich die Mitglieder der Gilde und ihre Angehörigen, um gemeinsam Messen zu feiern, aber auch, um der Verstorbenen zu gedenken. Die Gilden waren außerdem die Lebens- und Krankenversicherungen des Mittelalters.

    Wurde eines der Mitglieder durch Krankheit arbeitsunfähig, versuchte die Gemeinschaft den Betroffenen materiell zu unterstützen oder mit eigener Arbeitsleistung den Betrieb des Gildebruders aufrecht zu erhalten. Starb ein Mitglied, so wurde es mit Unterstützung der Gemeinschaft begraben. Der Witwe und den Waisen wurde Unterhalt gewährt. Auch wurden Memorien gestiftet, um das Seelenheil der Toten zu fördern und das Gedenken an die Toten wach zu halten. Dasselbe galt für die Angehörigen der Gildemitglieder.

    Wo aber hatte die Schneidergilde ihren Altar? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht: Der Mindener Domherr Heinrich Tribbe, der um 1460, also zur fraglichen Zeit, eine Beschreibung der Stadt und des Stifts Minden verfasste, gibt Auskunft über die Altäre der Ämter und Gilden in den Mindener Kirchen.

    Über den Altar der Schneider aber schweigt er sich aus. Er schreibt, dass die Schneider vier Bahrenlichter, also Lichter für das Aufbahren der verstorbenen Mitglieder, auch eine große Kerze sowie Holz für die Verstorbenen, wohl zum Herstellen von Särgen, hatten. Tribbe schreibt auch, dass alle Brüder und Schwestern der Gemeinschaft zum Gedächtnis der Seelen ihrer Verstorbenen nach Pfingsten und nach dem Fest des heiligen Michael (29. September) zusammenkamen, um die Messe zu feiern. Sie hielten ihre Gottesdienste "ad praedicatores", bei den Predigern, also im Dominikanerkloster St. Pauli. Dort, in der Dominikanerkirche, dürfte der Altar des Mindener Schneideramts gestanden haben.

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