Minden erleben

Abriss oder Wiederaufbau?

  • Zur Wiedereinweihung des Mindener Rat-hauses am 24. September 1955

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am 24. September 1955, vor 50 Jahren, wurde das wieder errichtete Mindener Rathaus eingeweiht. Zehn Jahre zuvor, am 28. März 1945, war es bis auf den im 13. Jahrhundert erbauten Laubengang am Markt kurz vor Ende des Krieges durch Bomben zerstört worden. Die Rathauslaube war zunächst nur notdürftig gegen Wettereinflüsse geschützt worden.

    In einer Verwaltungsbesprechung vom 11. Oktober 1947 hatte man sich zwar für den Erhalt der Ruine und die Wiederherstellung des Rathauses ausgesprochen; genauso beschlos-sen das am 27. Oktober 1947 auch die städtischen Ausschüsse. Dennoch kam es immer wieder zu Diskussionen, wie mit der Mindener Rathausruine, dem nach der kriegsbedingten Zerstörung des Dortmunder Rathauses ältesten, erhaltenen Teil eines Rathauses in Deutschland, verfahren werden sollte.

    Im Frühjahr 1949 legte Prof. Werner March ein erstes Konzept für den Wiederaufbau vor. Werner March war ein von den National-sozialisten hoch dekorierter Architekt: 1894 geboren, wird er am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Nur einen Monat später werden seine Pläne für den Bau des Berliner Olympiastadions, in dem 1936 die Olympischen Spiele stattfinden sollten, genehmigt. Dafür wird ihm am 4. August 1936 auf Vorschlag des Reichsinnenministers von Adolf Hitler der Professorentitel verliehen.

    1936 wird er Leiter des Instituts für Übungsstättenbau an der Deutschen Reichs-akademie für Leibesübung. Von 1940 bis 1944 ist er - allerdings mit Unterbrechungen wegen zahlreicher Verpflichtungen als Architekt - freiwillig an der Front.


    Architekt March legte Konzept vor

    Nach seiner Entnazifizierung lässt March sich in Minden nieder. Hier wird er nicht nur für den Wiederaufbau des Rathauses herangezogen, sondern wird auch mit dem Wiederaufbau des Domes, dem Bau des Michaelshauses am Dom, des Marienstifts und der Vorhalle der Martinikirche sowie mit der Gestaltung des Westwerks an der Mauritiuskirche beauftragt. Er ist auch für den Aufbau der Berliner Gedächtniskirche verantwortlich.

    Doch auch nach der Vorlage von Marchs Konzept verstummten die in puncto Rathaus einander widersprechenden Stimmen nicht. Das nahm der damalige Archivleiter, Dr. Martin Krieg, zum Anlass, am 16. September 1949 in einem Artikel in der Freien Presse deutlich Stellung zu beziehen: Er äußerte seine Verwunderung darüber, "daß heute der Gedanke auftaucht, die alte, erfreulicherweise erhalten gebliebene Rathauslaube aus den Anfängen der Stadt Minden im 13. Jahrhundert, abzureißen oder zu versetzen. Wenn man sie abreißt, entsteht ein großes Loch und der Markt verliert sein Gesicht als Platz.

    Ein moderner Allerweltsbau, der gar nicht in die Umgebung passen würde, könnte sie nie ersetzen und wäre städtebaulich reizlos. Man spricht wohl davon, den Laubenbau Stein für Stein abzutragen und zehn Meter zurück wieder im alten Stil aufzubauen. Das wäre aber nicht der alte Bau, sondern eine Imitation, die heute allgemein abgelehnt wird. Vor allen Dingen würde der Abbruch der gewaltigen Mauerteile und Fundamente und ihr Wiederaufbau an anderer Stelle mehr als ein neuer Oberbau über den erhaltenen Teilen kosten! [...]

    Man sollte sich einmal klar machen: Die Flammen haben den ältesten und wertvollsten Teil des Rathauses verschont. Das älteste und eigenartigste weltliche Stadtdenkmal Nordwest-deutschlands ist erhalten geblieben. [...] Man sollte deshalb alles tun, um die Ruine in einen Zustand zu versetzen, daß die schöne Laube nicht weiter zerfällt. Und dann sollte man zu gegebener Zeit wieder darauf und dahinter aufbauen".


    Wie kann man nur an Abbruch denken?

    Die Befürworter des Abrisses hatten andere Argumente, die auch heute noch höchst modern klingen: In der Innenstadt müsse Platz geschaffen werden für den Kraftwagenverkehr. Aber bereits damals gingen andere Städte den Weg, ihre Altstädte aufgrund der engen Straßen und Gassen zu Fußgängerzonen umzuge-stalten. Und nach wie vor war die Finanzierung dieser städtebaulichen Maßnahme völlig unklar.

    Am 21. Juli 1950 berichtet dann die Freie Presse, dass die Mindener Diskussion kürzlich auf einer Tagung in Münster zur Sprache gekommen sei. Dort sei die Frage laut geworden: "Wie kann man nur an einen Abbruch denken?" Daraufhin kam es in der Stadtverwaltung Minden zu beträchtlicher Aufregung. Und schließlich bat das Presseamt der Stadt die FP, in einem Artikel mitzuteilen, "daß die ‚Wie-kann-man-nur-Ansicht' ein Privatissimum vom Archivrat [Dr. Martin Krieg] ist."

    Dr. Martin Krieg, der sich sehr für den Erhalt und Wiederaufbau des Rathauses einsetzte, wurde also öffentlich zurück gepfiffen, offenbar weil er seine Befugnisse überschritten oder aber seine private Meinung dienstlich zum Ausdruck gebracht hatte. Und so kulminiert der FP-Artikel in der Forderung nach einer "Volksbefragung", denn "Volkes Wort ist Gottes Wort - auch in der Mindener Rathausfrage".

    Schließlich lagen 1951 die Pläne des Architekten Werner March vor. Und bereits am 1. September 1951 wurde dann - jetzt nun geradezu hektisch und überstürzt, sogar ohne Baugenehmigung - mit dem Abtragen der Obergeschossreste auf der Laube begonnen. Erst im Dezember 1951 wurde eine vorläufige Bauerlaubnis erteilt, und im Januar 1952 stimmte der Regierungspräsident dem gesamten Baukonzept zu.

    Spannungen in der Planung 

    So schwierig die Entscheidungsfindung in der Frage zum Wiederaufbau des Rathauses war, so steinig gestaltete sich auch die Ausführung der Pläne. Denn der Architekt Werner March versuchte seine Vorstellungen oft gegen den Wunsch der Stadtverwaltung und der Denkmalpflege durchzusetzen. Auch kam es zwischen March einerseits, der den Bau ausführenden Firma Mülmstedt & Rodenberg und dem den Bau leitenden Architekten Moelle andererseits immer wieder zu Spannungen. Als March schließlich offiziell von den Planungen ausgeschlossen wurde, hielt er trotzdem Kontakt zu den am Bau beteiligten Firmen und veranlasste so zum Teil Kosten treibende Planänderungen. Im Herbst 1954 kamen die Bauarbeiten sogar ganz um Erliegen, weil kein Geld mehr da war. So gründete sich ein "Verein zum Wiederaufbau des Rathauses e.V.", der Geldspenden sammelte. Am 15. Dezember 1954 rief der Verein im Mindener Tageblatt zu einer "Rathauslotterie" auf, die vom 25. Februar bis 7. April 1955 das benötigte Geld einspielen sollte. Hatte das Richtfest bereits am 23. Januar 1954 stattgefunden, so konnte die Einweihung des Rathauses erst anderthalb Jahre später, am 24. September 1955, gefeiert werden.

    Fotos gesucht

    Trotz intensiver Recherchen hat sich in den Bildsammlungen des Kommunalarchivs Minden und des Mindener Museums kein eindeutig der Rathauseinweihung am 24. September 1955 zuzuordnendes Bild finden lassen.
    Haben Sie Fotos von der Rathausweihung? Dann setzen Sie sich bitte mit dem Kommunalarchiv Minden, Tonhallenstr. 7, Minden, Fon 0571 / 97220-0 in Verbindung.

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