Minden erleben

Aufgabe von Vorstädten

  • Marien- und Simeons-Vorstadt am 1. Mai 1553 wegen Belagerung durch den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel neu angesiedelt

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Vor 450 Jahren, am 1. Mai 1553, verließen die Bürgerschaft und die Einwohnerschaft Mindens die Vorstädte St. Marien und St. Simeon: Sie wurden auf Anordnung des Rates in die ummauerte Stadt gebracht und dort neu angesiedelt. Wie war es dazu gekommen?

    Im 13. Jahrhundert gab es unmittelbar außerhalb der Stadtmauer größere Siedlungsbereiche: Sie waren nicht in den Ring der Stadtbefestigung einbezogen worden, denn so konnte eine möglichst zweckmäßige Verteidigungslinie um die Stadt gezogen werden. Während des späten Mittelalters kam es dann zunehmend zu einer "Entleerung der Feldflur und damit zum charakteristischen Gegensatz zwischen bevölkerter Stadt und unbesiedelter, menschenleerer Flur", so Fred Kaspar.

    Das war der allgegenwärtigen Gefährdung der Stadt durch Angreifer von außen geschuldet, die sich in den vor der Stadt liegenden Siedlungen hätten festsetzen, von dort aus die Stadt hätten belagern und einnehmen können. Denn im 15. Jahrhundert waren Feuerschusswaffen aufgekommen, die immer größere Reichweiten erzielen konnten. So wurde bereits im 15. Jahrhundert die Kapelle des in die Stadt verlegten Mauritiusklosters auf dem Werder niedergerissen, 1529 dann die Ägidienkirche im Brühl, die Annenkapelle vor dem Simeonstor und die Marienkapelle vor der Weserbrücke.

    Was aber war der konkrete Anlass dafür, dass 1553 die Vorstädte St. Marien und St. Simeon endgültig aufgegeben wurden? Am 10. Februar 1530 wurde Franz II. von Waldeck durch das Domkapitel zum Bischof von Minden gewählt und am 18. Januar 1531 vom Papst in Rom bestätigt.

    Nur drei Tage nach seiner Wahl, am 13. Februar 1530, verlas Nikolaus Krage auf Geheiß des Rates die erste westfälische Kirchenordnung von der Kanzel der Martinikirche. Wegen der Macht- und Religionsverhältnisse in der Stadt und im Bistum konnte Franz II. nicht einmal in der bischöflichen Residenz Petershagen Fuß fassen, geschweige denn Einfluss auf die Stadt Minden nehmen: Schließlich schlug ihm als einem Vertreter des katholischen Glaubens in der gerade erst reformierten Stadt Minden Misstrauen entgegen.

    Gut anderthalb Jahre später, am 16. August 1532, wurde er vom Papst zudem als Bischof von Münster und Osnabrück bestätigt. Franz II. hatte also gleichzeitig drei Bistümer zu regieren und zu verwalten, und das in religiös und politisch nicht gerade einfachen Zeiten. Am 23. April 1553 musste Franz II. schließlich auf das Bistum Minden resignieren.

    Zu diesem Schritt hatte ihn Herzog Heinrich d.J. von Braunschweig-Wolfenbüttel gezwungen, der seinen jüngsten Sohn Julius auf dem Mindener Bischofsthron sitzen sehen wollte, um ihn lebenslang versorgt zu wissen. Um diesem Begehren Nachdruck zu verleihen, griff er mit seinen Truppen zuerst die Bischofsresidenz Petershagen und dann die Bischofsstadt Minden an.

    An einem der letzten Apriltage 1553, am 29. oder am 30. April, "zogen die fiende mit alle ihrer macht in das stifte", so der Augenzeuge Heinrich Piel. Die Feinde "berenten die stadt und belegerten sie", und zwar an der Simeonsvorstadt und an der Marienvorstadt, also an den Schwachpunkten der städtischen Verteidigung. Der Angriff kam höchst ungelegen, denn damals "waren die walle und mauren an vielen enden niedergefallen".

    Am 1. Mai 1553 schossen die Feinde bereits frühmorgens "etzliche feurbelle", also Kanonen, in die Stadt, so dass in den drei Vorstädten "alarm geschlagen und blasen" wurde. Gleichzeitig blies der Türmer Alarm, "die klochen wurden zu storm geschlagen". Die Angreifer versuchten, bei den Vorstädten St. Simeon und St. Marien mit Leitern über die Stadtmauern zu klettern: Sie konnten aber von der Bürgerschaft mittels der auf der Befestigung aufgestellten Geschütze zurückgeworfen werden. In der Fischerstadt wurde heftiger und erfolgreicher Widerstand geleistet, weil hier die Ummauerung besseren Schutz bot. Von dort wurde auf die Feinde "geworfen mit steinen, palen und was man in solcher ile zur Hand bekomen muchte."

    Nicht nur Männer standen zur Stadtverteidigung bereit. Heinrich Piel weiß zu berichten: Überall sah man "jungferen und megete", die "in ballien und zubern beer auf die welle" trugen, auch "fleisch, butteren und brot", um die Versorgung der Männer zu gewährleisten. Sie waren aber auch "in allen gazen", also in den Straßen, "in arbeide": Sie "schlugen von den tunnen (Tonnen) und kopen (Fässern) die bende (Bänder) ab", umwickelten sie mit "heden" (Werg) und erhitzten "große kopferen kessel auf den straßen mit feur", gaben dahinein "teer und pech", tauchten "krenße" (Kränze) hinein und trugen diese dann auf langen Stangen auf die Verteidigungswälle, von wo diese dann auf die Feinde geworfen wurden. Andere Frauen "hacketen die steinwege" vor den Wällen auf und "drugen die steine auf die welle in große haufen": Dort dienten diese dann ebenfalls als Wurfmaterial zur Abwehr der Feinde.

    Bei diesem Angriff auf die Stadt wurde, so das Fazit des Augenzeugen Heinrich Piel, "fest schermutzelt, etzliche vorwundet und dot geplieben". Die Bürgerschaft kam mit einem blauen Auge davon, weil rechtzeitig alle Bürger aus den Vorstädten in die schützenden Stadtmauern geholt worden waren. Und weil die Vorstädte mit Ausnahme der Fischerstadt sich als besonders schlecht zu verteidigen erwiesen hatten, wurden sie schließlich bald abgerissen, um Feinden weniger Angriffsmöglichkeiten zu bieten. Die Menschen aus den Vorstädten wurden in die Stadt umgesiedelt: Dort gab es noch wüste, unbebaute Stätten, aber auch gerade erst frei gewordene Stätten, weil nur kurze Zeit zuvor eine Seuche viele Menschen das Leben gekostet hatte.

    Weder darüber, wie die beiden Vorstädte ausgesehen haben, noch über die Menschen, die dort gelebt haben, ist etwas bekannt: Denn die ältesten, wirklichkeitsgetreuen Zeichnungen der Stadt sind deutlich jünger; und das älteste Schossregister, das Auskunft über die Steuerzahlungen der Haus und Grund besitzenden Bürger und Bürgerinnen gibt, stammt erst aus dem Jahr 1557, aus der Zeit nach dem Abriss der beiden Vorstädte.

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