Minden erleben

Fassadenkletterer sorgt für Unruhe


  • Werbegag des Zirkus Sarrasani anno 1927 in Minden

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am 2. September 1927 - heute vor 75 Jahren - regnete es vom Turm des Hauses Raab (Kleiner Domhof 2/4) Werbezettel auf den Marktplatz: Ein Mann in weißer Hose und mit grünem Hemd war zwischen den Häusern Krahe (Markt 5) und Pfingst (Markt 3) und weiter bis zur Wetterfahne am Kleinen Domhof 2/4 "mit affenartiger Geschwindigkeit" an den Fassaden hoch geklettert. An der Wetterfahnenstange hisste er die Fahne des Zirkus Sarrasani. Ein Werbegag, der den Kletterkünstler in Polizeigewahrsam brachte und den Zirkus 150 Mark Strafe kostete.

    Was war geschehen? Nach einer großes Aufsehen erregenden Tournee durch Amerika be-fand sich der Zirkus Sarrasani wieder auf Reisen durch Deutschland. Von Bielefeld, seiner letzten Station, kam der "einzige europäische Zirkus von Weltbedeutung" - so die Werbung Sarrasanis in der damaligen Tagespresse - zum Gastspiel nach Minden: Vom 6. bis zum 11. September 1927 schlug der Zirkus sein "Riesenzelt" mit "einzigartiger Riesenmanege", das 10 000 Zuschauer fasste, am Königsplatz in Minden auf.

    Anstatt aber wie üblich mit Elefanten und anderen exotischen Tieren durch die Straßen der Stadt zu ziehen, um so auf die Vorstellungen des Zirkus aufmerksam zu machen, hatte Zirkusdirektor Stosch-Sarrasani einen anderen, einen menschlichen Werbegag geplant: Der Artist ..., von der Presse später "Klettermaxe" genannt, erklomm am 2. September 1927 das Haus Markt 3. Sein Auftrag: Hissen der Flagge des Zirkus Sarrasani und Abwurf von Werbezetteln. Und das alles, ohne um die polizeiliche Erlaubnis nachgesucht zu haben ...

    Am selben Tag hatte zuvor Erich Benecke aus Düsseldorf, der Geschäftsführer des Zirkus, mündlich um die polizeiliche Erlaubnis zur Errichtung und Inbetriebnahme des Zirkus in Min-den ersucht. Er war deswegen bei der Polizeiverwaltung vorstellig geworden, hatte aber of-fensichtlich ganz ‚vergessen', auch die Erlaubnis zur Fassadenkletterei einzuholen: Dass für dieses außergewöhnliche Vorhaben eine Genehmigung erteilt worden wäre, ist ohnehin mehr als fraglich...

    Nach der ungewöhnlichen Reklameaktion nahm die Polizei den Zirkusartisten vorläufig in Gewahrsam und schrieb am nächsten Tag an den Zirkusbesitzer, Herrn Stosch-Sarrasani: "Ein Artist Ihres Zirkus hat gestern nachmittag dadurch groben Unfug verübt und eine erheb-liche Störung des Verkehrs und der Ordnung auf dem hiesigen Marktplatz hervorgerufen, daß er den Turm von dem Hause Kl. Domhof 2/4 erklettert, an dem Turm ohne polizeiliche Erlaubnis eine Fahne mit der Inschrift "Sarrasani" befestigt und durch das Abwerfen einer großen Menge von Reklamematerial den Marktplatz erheblich verunreinigt hat. Wir haben heute die Bestrafung des Täters veranlaßt und machen Sie gleichzeitig darauf aufmerksam, daß wir einer etwaigen Wiederholung solcher Vorkommnisse mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten werden."

    Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die Entfernung der Fahne vom Dach des Kaufhauses Pfingst mindestens 24 Stunden vorher anzuzeigen wäre. Für den Fall der Nichtbefolgung dieser Maßgabe wurden 150 Mark Strafe, ersatzweise eine zehntägige Haftstrafe angedroht.

    Ein Zeitungsreporter, der zufällig Zeuge der Kletteraktion wurde, sah die Angelegenheit gelassener, lieferte sie ihm doch Stoff für einen Zeitungsartikel: "Ich muß lachen: Der Mann da in weißer Hose und grüner Bluse steigt so sicher am Haus in die Höhe wie - in der Inflation der Dollarkurs an der Börsentafel. Die Menschen begreifen's nicht und staunen - wie seiner Zeit über den steigenden Dollar. Ob der Vergleich weiter passen wird? Richtig! Der höchste Stand ist erreicht, beim Klettermaxe auf dem Hausgiebel, für mich beim Dollar. Und nun regnet es wie damals wirklich auch Papier übers Volk, Zettel in zerflatternden Bündeln, nach denen alles sich drückt und drängt. Nur - auf den Zetteln von gestern steht etwas anderes, steht ein Name, der nicht Inflations-, sondern Dauerwert, Hochvaluta bedeutet: "Sarrasani". Sarrasani kommt nach Minden! Der Zauber ist geklärt. Klettermaxe mit seiner Fassadenwanderung ist Reklameschlager. Er sorgt für Aufregung und Spannung in der Bevölkerung für Sarrasanis kommendes Gastspiel. Und da, hoch oben auf der höchsten Giebelspitze bringt er auch schon seines Meisters Besuchszeichen an, die flatternde Reklamefahne und den aus anderen Städten bekannten Klettermaxe-Strohhut."

    So überraschend die Kletteraktion begonnen hatte, so schnell war der Spuk wieder vorüber. Trotzdem gibt es im Kommunalarchiv Minden eine Folge von vier Fotografien, die den Aufstieg des Artisten am 2. September 1927 zu dokumentieren scheint: Die genaue Betrachtung der Bilder aber verrät, dass der Fotograf gepfuscht hat, und zwar sehr auffällig. Die Fotos müssen zu einem späteren Zeitpunkt als beim Aufstieg des Klettermaxe entstanden sein.

    Denn auf dem ersten Bild, wo der Artist sich angeblich gerade erst im Aufstieg befindet, wenden sich die Zuschauer bereits vom Spektakel ab: Sie wenden sich also ab, als die Kletteraktion glücklich zu Ende geht. Der Fotograf hat also den Abstieg des Artisten dokumentiert und beim Aufkleben auf Karton die Fotos absichtlich in die gegenläufige Reihenfolge gebracht, um den Aufstieg des Artisten vorzutäuschen. Außerdem kann es sich nicht um den Abstieg des Klettermaxe am 2. September 1927 handeln, wie die Beschriftung auf der Rückseite des Kartons vorgibt. Denn auf dem Marktplatz, auf den es erst kurz zuvor Werbezettel geregnet haben müsste, ist nicht ein einziger Werbezettel zu entdecken: So schnell ist keine Stadtreinigung der Welt.

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