Minden erleben

Macht auf kürzere Zeit

  • Der Mindener Rat um 1460 in den Augen eines Domherrn

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Um 1460 taucht ein sehr gut informierter Zeitgenosse den Gänsekiel ins Tintenfass: Er will über die Verhältnisse in der Stadt und im Stift Minden berichten. Der Domherr bringt das zu diesem Zeitpunkt höchst komplexe Ratswahlverfahren sehr genau, aber in schauderhaft geschriebenem Latein zu Papier.

    Der Domherr Heinrich Tribbe beschreibt die Stadt Minden, indem er seine Leserschar wie ein Stadtführer auf einen Spaziergang durch die Stadt mitnimmt. Und wenn Heinrich Tribbe auf diesem Weg an einem bestimmten Gebäude vorbeikommt, erläutert er, warum es gebaut wurde und wozu es genutzt wird. Angesichts des Rathauses am Markt erzählt er daher etwas über Gestaltung und Ausstattung des Rathauses, über den Rat und die Ratswahl.


    Ratswahlgremium der Vierziger 

    Der Ausschuss der Vierziger ist zu dieser Zeit nach wie vor das Gremium, das zweimal jährlich den Rat wählt und aus dessen Reihen die Ratsherren gewählt werden. Der Ausschuss ist nun aber anders besetzt: in ihm sitzen erstens 16 Kaufleute; zweitens 16 Vertreter der vier großen (Bäcker, Schuster, Fleischer, Schneider) und der vier kleinen (Kürschner, Krämer, Schmiede, Höker) Ämter – und zwar jeweils Amtsmeister und Ältermann; drittens Vertreter der drei Vorstädte (Fischerstadt, Marienvorstadt, Simeonsvorstadt) – nämlich jeweils Bürgermeister und Kämmerer; und viertens zwei Mitglieder der Gemeinheit. Im Wahlmännergremium der Vierziger sind um die Mitte des 15. Jahrhunderts alle Gruppen der Mindener Bürgerschaft vertreten, die sich 1405 / 08 während des Verfassungskonflikts, der Schicht, über ihren Ausschluss aus diesem Gremium beklagt haben. Sie haben sich in der Schicht das Recht der Beteiligung an der Ratswahl erkämpft und es nicht wieder verloren. Und sie haben die absolute Mehrheit der Kaufleute im Ratswahlgremium zurückgedrängt: Es sind nicht mehr 22, sondern nur noch 16. Allerdings wird das Vierzigergremium nicht mehr gewählt, sondern seine Mitglieder sind größtenteils aufgrund eines anderen von ihnen ausgeübten Amtes – als Amtsmeister, Ältermann, Bürgermeister oder Kämmerer – geborene Mitglieder der Vierziger. Damit ist der Kreis derjenigen, die das aktive und passive Wahlrecht besitzen, also den Rat wählen und selbst in den Rat gewählt werden können, drastisch eingeschränkt.


    Ratswahl im Sommer und im Winter 

    Der Rat wird zweimal im Jahr gewählt. Vor den Ratswahlen treffen sich die Vierziger, nämlich am Montag nach dem 6. Januar und am Montag nach dem 24. Juni, um 12 Vierziger auszuwählen. Diese 12 Vierziger nehmen dann am Mittwoch danach die eigentliche Ratswahl vor. Der vornehmste Kaufmann in dieser Runde schlägt die Kandidaten für das Ratsamt vor. Bei Stimmenmehrheit für einen Vorschlag gilt der Kandidat als gewählt, bei Stimmenmehrheit dagegen als abgelehnt. Bei Stimmengleichheit gibt die Stimme des vornehmsten Kaufmanns in der Wählerrunde den Ausschlag. Werden nacheinander zwei Kandidaten verworfen, kommt es beim dritten Vorschlag zu einem anderen Entscheidungsverfahren. Bei Stimmengleichheit hat dann nicht mehr der vornehmste Kaufmann die ausschlaggebende Stimme, sondern es wird gewürfelt: Die höhere Augenzahl entscheidet.


    Kontinuität der Geschäftsführung 

    Der Rat wird durch die Wahlgänge im Winter und im Sommer aber nicht komplett ausgetauscht. Von 12 Ratsherren – das ist die für das mittelalterliche Minden typische Zahl der Ratsherren – scheiden nur sechs aus dem Amt: Die übrigen sechs bleiben im Amt. Also müssen nur sechs Ratsherren neu gewählt werden. Nach den Terminen, zu denen sie gewählt werden, heißen die Ratsherren auch Sommer- oder Winterherren. Dadurch, dass nicht alle Ratsherren anlässlich einer Wahl komplett ausgetauscht werden, werden die Kontinuität der Herrschaft und der Geschäftsführung des Rates gewahrt.


    Wahl des Bürgermeisters 

    Heinrich Tribbe ist es, der als erster und einziger über das Verfahren zur Wahl des Mindener Bürgermeisters berichtet. Bereits 1303 tritt ein Bürgermeister erstmals auf. Der Bürgermeister wird am Mittwoch nach der Wahl der neuen Ratsherren – also eine Woche später als sie – gewählt. Es sind die sechs neuen Ratsherren, die die Wahl durchführen. Zum Bürgermeister gewählt werden kann aber nur einer der sechs alten Ratsherren, die nicht aus dem Amt geschieden sind. So wird auch im Amt des Bürgermeisters die Kontinuität der Geschäftsführung deutlich: Erst nachdem er ein halbes Jahr als Ratsherr amtiert und währenddessen die Entwicklung der Ratspolitik intensiv verfolgt hat, wird er für fähig erachtet, dieses Amt verantwortlich übernehmen zu können.
    Nach Ablauf eines ganzen Jahres könnten alle Ratsherren komplett ausgetauscht sein. Aber von der Möglichkeit der Wiederwahl bestimmter, mächtiger und reicher Ratsherren wurde oft Gebrauch gemacht. Die Macht wurde nach wie vor auf Zeit verliehen. Doch mehr und mehr schlich sich ein Verfahren ein, durch das zwar keine Macht auf Lebenszeit, aber doch immer wieder ganz bestimmten Personen Macht verliehen wurde.

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