Minden erleben

Macht durch Schiedsspruch von außen

  • Urbanus Rhegius und die Ratswahlordnung von 1539

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Nur wenige Jahre, nachdem die Einführung der Reformation in Minden zu Erschütterungen der Ratsverfassung geführt hat, kommt es zu einem erneuten Konflikt: Die Stadt schafft es nicht, eine Einigung herbeizuführen. Sie ruft den Schmalkaldischen Bund als Schiedsrichter an, und Doktor Urbanus Rhegius, Rat Herzog Ernsts von Braunschweig-Lüneburg, wird in dieser Sache tätig.

    Schon zwischen 1531 und 1535 leuchtet in der Argumentation der Ratsherren, die von den Vierzigern gewählt worden sind, ein konfliktträchtiges Moment auf: Sie wollen den Ratsstuhl nicht gemeinsam mit den durch den Bürgerausschuss der Sechsunddreißiger gewählten Ratsherren besetzen. Denn die Sechsunddreißiger haben laut Stadtkämmerer Heinrich Piel Ratsherren "aus den schuboden, den backofen und dergleichen" gewählt. Dabei handelt es sich um grundsätzlich ratsfähige Bürger, die sowohl das aktive und das passive Recht der Ratswahl in Minden haben. Die abfällige Bemerkung Piels hat eine andere Stoßrichtung: Er zitiert ein Statut, das der Mindener Rat um 1360 ins Stadtbuch hat eintragen lassen. Demnach darf kein Ratsherr mit Handwerkern, die ihr Handwerksamt ausüben, im Rat sitzen. Handwerker, die in den Rat gewählt werden, dürfen – wenn sie die Wahl annehmen – für die Dauer ihrer Amtszeit im Rat ihren Lebensunterhalt nicht als Handwerker verdienen. Sie müssen für die Dauer dieser Zeit Mitglieder des Kaufmannsamts werden und dafür ein Beitrittsgeld in Höhe von 20 Goldgulden zahlen.


    Reichsacht droht 

    Die Uneinigkeit in der Stadt ist zu dieser Zeit besonders gefährlich. Denn die Stadt befindet sich 1539 in einer prekären Lage. Am 27. März 1536 hat das Reichskammergericht die Stadt dazu verurteilt, längst ergangenen Mandaten nachzukommen: Der Mindener Klerus hat wegen der Rückgabe der durch den Bürgerausschuss der Sechsunddreißiger unrechtmäßig eingezogenen Güter geklagt und Recht bekommen. Werden die Güter nicht zurückgegeben, droht der Stadt die Reichsacht. So tritt die Stadt Minden im August 1536 vorsichtshalber dem Schmalkaldischen Bund bei, der am 27. Februar 1531 als Vereinigung protestantischer Fürsten und Städte zu Schmalkalden gegründet worden ist. Dessen Ziel ist es, evangelische Städte und Territorien militärisch zu verteidigen, sollten sie wegen ihres Glaubensbekenntnisses angegriffen werden. Am 9. Oktober 1538 wird die Stadt Minden schließlich in die Reichsacht erklärt. Angesichts dieser unsicheren Situation bemühen sich die widerstreitenden Ratsparteien in Minden um eine Schlichtung des Konflikts von außen. Sie schreiben an Urbanus Rhegius, Rat am Hof Herzog Ernsts von Braunschweig-Wolfenbüttel, er möge einen Schiedsspruch herbeiführen. Dieser Schiedsspruch soll – so lautet die Selbstverpflichtung der streitenden Parteien – unwidersprochen hingenommen und umgesetzt werden. Am 3. Oktober 1538 schreibt Urbanus Rhegius an die Stadt, er werde die Problematik "in furstlichen Rhatt tragen", damit sie dort verhandelt werde.


    Schiedsspruch aus der Ferne 

    Am 22. Januar 1539 ist es endlich soweit: Der Schiedsspruch ist gefällt und wird der Stadt Minden zugesandt. Zu Bürgermeistern und Ratsherren sind zukünftig nur "frome, godtsfürtige, vorstendige, wahrhafftige, ehrliche Leute" zu wählen, also solche, "die unser wahren christlichen Religion und Glaubendes Bekandtnuß zugetahen" sind. Auch einfache Männer aus den Handwerksämtern sind zu Ratsherren zu wählen, weil "offtmahls einem Ampt- oder Handtwercksman von Gott solche Gnade, Vorstandt, Erfahrung und Gaben gegeben", dass er für das Ratsamt tauglicher sei als einer, "so sich seiner Renten, Kauffmannßschafft oder anders" erhält. Nicht ökonomische und soziale Stellung, allein die Befähigung zum Amt soll einen Ratsherrn auszeichnen. Die Stoßrichtung des Schiedsspruchs gegen die Vorherrschaft der Kaufmannsgilde bei der Ratswahl ist offensichtlich. Und weitere Hindernisse für Handwerker, die in den Rat gewählt werden, sind zu beseitigen: Es darf nicht verlangt werden, dass Handwerker ihr "von jugendt auf sawerlich gelernet" Amt aufgeben, denn sie müssen ihre Familien ernähren. Die Gefahr sei groß, dass ein Handwerker, obwohl er bestens geeignet sei, das Ratsamt ausschlagen werde: Er nutze damit zwar seiner Familie, schade letztendlich aber der Stadt. Der Handwerker darf nicht gezwungen werden, sich zwischen Ratsamt und einem Leben "am Bettelstabe" zu entscheiden. Ebenso darf kein Geld für den Eintritt ins Kaufmannsamt verlangt werden, denn die Bürde, das Ratsamt unentgeltlich zu erfüllen, sei groß genug, dürfe nicht noch unmäßig vergrößert werden.


    Annahme des Schiedsspruchs 

    Die Stadt nimmt den Schiedsspruch von außen an: Am 10. Februar 1539 wird das ins Mindener Stadtbuch eingetragen. Vierzigermeister und Vierziger, Kaufmann, Amtsmeister und Ämter, Meinheit, alle Vorstädte und Einwohner der Stadt Minden haben zugestimmt. Und es gibt eine weitere Änderung: Der Rat wird forthin nur noch einmal jährlich – statt bisher zweimal jährlich – , am Montag nach dem 6. Januar, gewählt. Aber die Tradition der vorreformatorischen Ratswahl scheint noch durch. Denn die Wahl der zwölf Ratsherren wird in zwei aufeinanderfolgenden Wahlgängen vorgenommen: In jedem Wahlgang werden sechs Ratsherren gekürt.


    Reform der Ratsverfassung 

    Die Abschaffung des Zwangs, als Ratsherr der Kaufmannsgilde zugehören zu müssen, bedeutet das Durchbrechen einer durch besondere Bestimmungen und Auflagen mühsam aufrecht erhaltenen Exklusivität des Ratsherrenstandes: Die Ratswahlordnung von 1539 dokumentiert die nach der Reformation in Minden durchgesetzte Reform der Stadtführung. Die Abschaffung der zwei Ratswahltermine im Winter und im Sommer bricht mit der bewährten Kontinuität der Verwaltungs- und Geschäftsführung durch den Rat. Beide Veränderungen setzen einen Schlusspunkt unter die mittelalterliche Mindener Ratsverfassung. Aber das entscheidende Element der mittelalterlichen Ratsverfassung, die Selbstbestimmung der Stadt, existiert weiter.

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