Minden erleben

Macht in unruhiger Zeit (1521-1535)

  • Umstürze der Ratsverfassung in der Reformationszeit

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Der Ratsherr und Kämmerer der Stadt Minden, Heinrich Piel, wird um 1570 als Geschichtsschreiber tätig. Nach der Reformation berichtet er, wie es vor und während der Reformation gewesen ist. Heinrich Piel will, dass die Geschichte Mindens in katholischer und vorreformatorischer Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

    Die Chronik gibt Auskunft über die wechselvolle Geschichte der Mindener Ratswahl in der Reformationszeit: Heinrich Piel ist als Ratsherr und Kämmerer mit der Ratsverfassung vertraut. Und er ist Zeit- und Augenzeuge der reformatorischen Ereignisse.


    Aufruhr 1521 

    Am 6. September 1521 kommt es in Minden zu einem Aufruhr. Der Rat hat, ohne die Vierziger zu befragen, einen Beschluss über die Verteidigung der Stadt gefasst. Damit hat er das Recht der Vierziger auf Mitbestimmung in einem höchst sensiblen Punkt missachtet. Denn nur zwei Jahre zuvor war die Stadt von ihrem Stadtherrn, Bischof Franz von Braunschweig-Wolfenbüttel, in die Hildesheimer Stiftsfehde verwickelt und deshalb belagert worden. Der Bischof verlangte zwecks besserer Verteidigung der Stadt, dass die Vorstädte – Fischerstadt, Marien- und Simeonsvorstadt – abgerissen würden. Das führte zu starkem Widerstand in der Stadt: Die Stadt setzte ihren Stadtherrn kurzerhand vor die Tore der Stadt und erlangte bald darauf einen Vergleich mit den Belagerern. Am Ende dieses Konflikts erreichen die Aufrührer, der Vierzigermeister und der Amtsmeister der Knochenhauer mit ihrem Anhang, dass die 16 Mitglieder des Kaufmannsamtes, die in den Vierzigern vertreten sind, nicht mehr wie bisher sechs, sondern nur noch vier der zwölf Ratswähler stellen dürfen. Die Handwerksämter erlangen größeren Einfluss auf die Ratswahl.


    Bischof schürt Konflikt 

    Der Konflikt schwelt noch bis zum Frühjahr 1522 fort. Und der Bischof ist daran interessiert, ihn nicht verglühen zu lassen. Nach Piel hat der Bischof "in diesem spiele einen sonderlichen gefallen gehabt und wol heimlichen dazu gepractiseret". Er habe sich bemüht, die Ratsherrschaft zu destabilisieren. Als er "mit dem rade und vurnemen burgern auf des rades keller fastelabend" feiern will, sind einige Ratsherren nicht bereit, zusammen mit dem Bischof im Ratskeller zu trinken, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Deshalb lässt der Bischof sie auf einem "aeskaren", einem Wagen zum Fortschaffen toter Tiere, herbeiholen und setzt sie dem Gespött der Bürgerschaft aus.


    Aufruhr 1529 

    1529 kommt es zu neuen Auseinandersetzungen um das Stadtregiment. Bereits in der Mitte der zwanziger Jahre hat Albert Niese, Prediger an der Marienkirche, als erster Priester in Minden evangelisch gepredigt, ohne dass es zu Ausschreitungen gekommen ist. Heinrich Traphagen, Mönch des Benediktinerklosters St. Mauritz und Prediger an der Pfarrkirche St. Simeon, lässt dann am 26. September 1529 "etzliche wurter auf dem predigestule fligen", aus denen seine lutherische Gesinnung zu erkennen ist. Er wird vom Abt des Klosters St. Mauritz "gefenglich in die prisanen" gesetzt. Offensichtlich aber hat die neue Lehre in Minden bereits eine große Anhängerschaft gefunden. Denn Heinrich Traphagen wird in der Nacht zum 24. November – knapp zwei Monate nach Beginn seiner Verwahrung im Gefängnis – befreit und am folgenden Tag sofort wieder "auf den predigestuel" gebracht. Die an dieser Aktion beteiligten Bürger bilden einen Ausschuss von 36 Männern. Der Ausschuss wird vom Rat verboten, das Verbot aber nicht beachtet.


    Regiment der Sechsunddreißiger 

    Zu Weihnachten 1529 wird dann auch in der Martinikirche ein lutherischer Prediger auf die Kanzel geführt: Nikolaus Krage. Am 31. Dezember kommt es schließlich "zu einem großen alarme auf dem Rathause": Die Sechsunddreißiger wollen die Mindener Geistlichkeit überzeugen, sich der neuen Religion anzuschließen. Diese aber ziehen es vor, die Stadt zu verlassen. Nur die Dominikaner halten sich danach noch in der Stadt auf. Ihre Rechte werden am 27. Januar 1530 drastisch eingeschränkt, ihre Besitzungen größtenteils eingezogen. Der Rat mischt sich in die Verhandlungen nicht ein, der Ausschuss der 36 Männer hat diesen aus dem Regiment verdrängt. Am 13. Februar 1530 wird dann die von Nikolaus Krage verfasste Kirchenordnung für die Stadt Minden von der Kanzel der Martinikirche verkündet.


    Ratswahl durch Sechsunddreißiger 

    1531, nach Einführung der Reformation, kommt es zu einem doppelten Regiment: Rat und Vierziger gibt es zwar, aber sie mischen sich in die Geschäfte der Stadt nicht ein; die Sechsunddreißiger sind an der Macht. 1532 übernehmen die Sechsunddreißiger zudem die Funktion der Vierziger als Gremium der Ratswähler. Das Verfahren der Ratswahl bewegt sich dennoch in den gewohnten Bahnen; einzig die Tatsache, dass ein anderes, von der Bürgerschaft aber anerkanntes Gremium die Ratswähler stellt. Doch es kommt zum Tumult. Die sechs alten, noch von den Vierzigern gewählten Ratsherren, wollen mit den sechs neuen, von den Sechsunddreißigern gewählten Ratsherren nicht gemeinsam im Ratsstuhl sitzen. Und die neuen Ratsherren wollen aus den alten Ratsherren keinen Bürgermeister wählen.


    Abweichen von der Tradition 

    Erst danach wird von dem althergebrachten Ratswahlverfahren abgewichen. Die alten Ratsherren werden des Amtes enthoben und ein zweiter Wahlgang unmittelbar angeschlossen, um weitere sechs Ratsherren zu wählen. Damit wird die Zwölferzahl des Rates, auch seine Handlungsfähigkeit wieder hergestellt. An den nächsten Ratswahlterminen sind es die Sechsunddreißiger, die als Ratswählergremium auftreten. Erst im Winter 1535 sind es wieder die Vierziger, die diese Aufgabe übernehmen: Die im Sommer 1534 zuletzt von den Sechsunddreißigern gewählten Ratsherren bleiben nun aber im Amt.

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