Minden erleben

Marie Wernicke

  • Eine Gesindevermieterin aus Minden auf Abwegen

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am 4. Juni 1902 - vor 100 Jahren - bittet Caroline Marie Wernicke geb. Riensch aus Minden bei der Polizeiverwaltung Minden schriftlich um die Genehmigung, ein "Vermiethungs- und Stellen-Bureau" einrichten zu dürfen.

    Am Rand des Schreibens von Marie Wernicke findet sich ein Vermerk der Polizeiverwaltung, datiert vom 10. Juni: "Thatsachen nach § 34 der Gewerbe-Ordnung, welche die Versagung der Erlaubniß rechtfertigen könnten, liegen gegen die Antragstellerin nicht vor." Also wird am Tag darauf die offizielle Genehmigung zur Errichtung eines Büros für Gesindevermietung erteilt. Einige Tage später, am 17. Juni, wird dann der Erlaubnisschein zum Betrieb des Gewerbes an Marie Wernicke ausgehändigt. Sie kann nun das angemeldete Gewerbe in ihrer Wohnung in der ersten Etage des Hauses Königstr. 22 ausüben.

    Marie Riensch wurde am 9. März 1872 als Tochter eines Mindener Schuhmachermeisters geboren, ist mit dem Maurer Julius Wernicke verheiratet und hat zwei Kinder. Das ist dem Fragebogen, der ihre Personalien erfasst, ebenso zu entnehmen wie die Eintragung "kein Vermögen". Es ist davon auszugehen, dass Marie Wernicke gezwungen war, das Einkommen zum Lebensunterhalt der Familie mit aufzubringen.

    Als Gesindevermieterin hatte Marie Wernicke eine "Taxe" aufzustellen: Darin sind die Kosten aufgelistet, die von Herrschaften oder von Gesinde für eine erfolgreiche Stellenvermittlung zu zahlen sind. Ihr Vermittlungsangebot umfasst Köchinnen, Hausmädchen, Kindermädchen, Ammen und Kellner, auch Hausknechte, Kutscher und Ackerknechte.

    Mit der Ausübung ihres Gewerbes sind aber nicht alle Kunden zufrieden. So erscheint am 20. November 1903 Lina Schwiegmann, wohnhaft Weingarten 52, vor der Polizeiverwaltung, um eine Anzeige zu machen: "Ich hatte die Gesindevermieterin Wernicke, hier Hufschmiede wohnhaft, vor einiger Zeit beauftragt, für mich eine Stelle als Aushülfe- oder Aufwartefrau zu vermitteln. Gestern bot mir dieselbe die Stelle einer Aufwartefrau bei einer Kontrolldirne im Bartlingshof an, wo ich schlafen und die ganze Nacht aufbleiben mußte. Ich glaube, daß es gegen die Pflichten einer Gesindevermieterin verstößt, wenn eine solche für Kontrollmäd-chen Aufwartefrauen vermittelt."

    Die Reaktion der Verwaltung auf die Vorwürfe ist routinemäßig: Innerhalb von zwei Tagen soll "bei der Wernicke" überprüft werden, "ob sie den Auftrag von der betreffenden Prostituierten in ihr Geschäftsbuch B eingetragen hat", so die Notiz vom 21. November. Am 25. November gibt es dann einen Eintrag in die Akte, dass der "Auftrag der Prostituierten Jacobs" nicht ins Geschäftsbuch eingetragen wurde.

    Darauf wird die Gesindevermieterin auf den 5. Dezember nachmittags vor die Polizeiverwaltung geladen. Sie erscheint und sagt aus, den Auftrag der Prostiuierten Jacobs ebensowenig wie einen Auftrag der Schwiegmann angenommen zu haben. Sie habe der Schwiegmann aber, weil diese sie "fortgesetzt" belästigt habe, diese ihr aber "für eine Stelle nicht geeignet" erschienen sei, gesagt, "daß sie zur Jacobs gehen möge, dieselbe suche eine Aufwartefrau." Einen Auftrag der Jacobs habe sie sofort zurückgewiesen.
    Auch Frau Schwiegmann als Beschwerdeführerin wird vorgeladen, erscheint aber trotz mehrfacher Aufforderung nicht. Stattdessen wird die Prostituierte Christine Jacob, Königswall 81, von der Polizeiverwaltung befragt. Sie sagt laut Protokoll vom 12. Dezember aus: "Vor einiger Zeit sprach ich abends, als ich meine Fensterläden selbst schloß, mit einer Frau, auf deren Person ich mich nicht entsinnen kann, darüber, daß ich mir meine sämtlichen Arbeiten selbst machen müsse. Ich bat die Frau, doch einmal irgend eine Vermieterin zu fragen, ob dieselbe für mich eine Aufwartefrau besorgen könne. Die Frau sagte dieses auch zu, doch weiß ich nicht, ob dieselbe bei einer Gesindevermieterin gewesen ist. Die Frau Wernicke ist mir unbekannt."

    Schließlich sagt Frau Schwiegmann am 21. Dezember doch noch aus: "Am 19. vorigen Monats des Abends gegen 10 Uhr etwa kam Frau Wernicke zu mir in meine Wohnung, damals Weingarten 53, und sagte zu mir, sie hatte etwas Passendes für mich, ich möchte mich dort an dem Abend noch vorstellen. Ich holte mir dann den Hausschlüssel und als ich die Werni-cke dann fragte was das für eine Stelle wär flüsterte sie mir ins Ohr, es sei eine Stelle als Aufwärterin in der Bartlinghofstraße bei einem Controlmädchen."

    Wie diese Sache ausging, ist den Akten der Polizeiverwaltung Minden nicht zu entnehmen. Aber in den Jahren 1907 bis 1909 häufen sich dann die Unregelmäßigkeiten: Marie Wernicke führte ihre Geschäftsbücher unvollständig, den von ihr vermittelten Personen waren die Arbeits-, Dienst- und Krankenkassenbücher nicht ausgehändigt worden: Marie Wernicke hatte diese gegen Recht und Gesetz einbehalten, um Kontrolle über die von ihr vermittelten Dienstboten, auszuüben: Offenbar fürchtete sie, dass diese mit ihren Papieren in den Händen sich nach anderen Stellungen umsehen würden und die Herrschaften dann das gezahlte Vermittlungshonorar zurückfordern könnten.

    Ein Personalbogen der Marie Wernicke vom 19. September 1912 schließlich gibt Auskunft darüber, dass sie mittlerweile vorbestraft war: 1904 war sie vom Amtsgericht Bielefeld zu fünf Mark Geldstrafe oder einem Tag Haft, 1910 vom Amtsgericht Minden zu 3 Mark Geldstrafe oder einem Tag Haft verurteilt worden. Ihr Gewerbe aber übte sie weiter aus. In den Adressbüchern der Stadt Minden von 1910, 1912 und 1914 wird sie als an der Deichhofstraße 12 wohnhaft genannt und als Stellenvermittlerin bezeichnet.


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