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Mindener Polizeiordnung vom 5. Januar 1754

  • "... damit der Stadt es niemahlen an Brodt und Bier ermangeln moege"

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Vor 250 Jahren, am 5. Januar 1754, wurde im Namen König Friedrichs II. von Preußen eine "Policey-Ordnung" für die Stadt Minden, erlassen, "Wornach sich ein jeder Eigentlich zu achten hat".

    Was ist eine "Policey-Ordnung"? Laut Zedlers Universal-Lexikon von 1741 verstanden die Zeitgenossen darunter alle die Gesetze, "die auf den Wohlstand einer gantzen Republick oder gemeinen Wesens gehen, damit die Unterthanen und Einwohner eines Landes oder [einer] Stadt in Ruhe und Friede, und bey gutem Auskommen verbleiben koennen".

    In diesem Sinne ist eine gute "Policey" der Garant für eine florierende Wirtschaft und für die öffentliche Ordnung: Policey-Ordnungen nor-mierten das öffentliche Leben, die Justiz und die Verwaltung. In Policey-Ordnungen regelte die Obrigkeit die unterschiedlichsten Aspekten des täglichen Lebens ihrer Untertanen, beispiels-weise Straßenreinigung, Verschwendungs-sucht, Maß und Gewicht, Nahrungs- und Genussmittel. Es gab sogar besondere Markt-, Bier-, Feuer- oder Armenordnungen.

    Mit welchen Regeln aber wollte die Mindener Policey-Ordnung von 1754 zur Wohlfahrt der Stadt Minden beitragen? Der Tenor ist eindeutig: Sie soll die Qualität von Nahrungs- und Genussmitteln überwachen helfen und auch den Konsum derselben kontrollieren. Bisweilen erhebt sich aus der Policey-Ordnung geradezu der mahnende Zeigefinger, wenn es um unmäßigen und unschicklichen Genuss von Alkohol geht.

    So war es den "Gast-Wirthen" verboten, "an Sonn- und Festtagen unter denen Predigten einheimische Gäste" zu bewirten. Erst "zwischen und nach der letzten Predigt" war "solches erlaubet". Schließlich sollte der Alkoholgenuss nicht den sonntäglichen Frieden stören oder die Untertanen gar des Kirchgangs abspenstig machen. An Kranke - so die Ausnahme - durfte auch während der Gottesdienste in Wirtschaften ausgeschenkt werden: Wohl, weil sie bisweilen besonderer geistiger Getränke zu ihrer Genesung bedurften.

    Die Grenzen zwischen dem Gastwirt als demjenigen, der alkoholische Getränke für den Genuss ausschenkt, und dem "Apothequer", der im selben Atemzug genannt wird, waren damals noch fließend: Letzterer darf sogar während der Predigten "Medicin", beispielsweise alkoho-lische Kräuterauszüge, verkaufen. Auch heute gelten bestimmte alkoholische Getränke - man denke nur an Magen- oder Kräuterbitter - den einen als Medizin, den anderen als Genussmittel ...

    Ganz klar aber sind in den Augen der Zeitgenossen die Grenzen überschritten, wenn die Untertanen "sich in denen Brandteweins-Zechen besoffen attrapiren lassen". Dann muss der Policey-Meister eine Strafe einziehen: von den Branntweintrinkern einen Reichstaler; von den Wirten, die deren Trunksucht zulassen, zwei Reichstaler; und von denen, die sich nach "uebermaeßigem Brandtwein-Sauffen zur allgemeinen Aergerniß auf denen Gassen tum-meln, ja wol gar im Kothe und Unflath sich herum waeltzen", drei Reichstaler. Sollten diese Branntweintrinker die Strafe nicht zahlen können, sind sie mit "Gefaengniß-Straffe zu belegen".

    Dass "Excesse" in Schenken vorkamen, war auch den Verfassern der Policey-Ordnung von 1754 nicht fremd: "Schelten und Schlagen" unter Alkoholeinfluss musste daher umgehend "zu Richterlicher Cognition" gebracht werden, um die Übeltäter ihrer Strafe, die dann leicht mehr als eine einfache Geldstrafe sein konnte, zuzuführen. Wurden "Excesse" verschwiegen, drohten auch dem Wirt Strafgelder. 

    Bei den genannten Verboten ging es keineswegs nur darum, den sonntäglichen Frieden aufrecht zu erhalten: Sie hatten handfestere Ursachen. Denn auch das "Spielen mit Carten und Wuerffeln, oder andern Instrumentis" wurde verboten. Und wer gar "Beruff, Nahrung und Gewerbe" versäumte, Geld verspielte oder gar "hazardirte", war mit einer Strafe zu belegen. Letztendlich ging es darum, dem ungezügelten Verlust von Vermögen - sei es groß, sei es klein - zu steuern. Es war der Versuch, die Untertanen und ihre Familien in der Stadt Minden nicht zum Fall für die Armenpflege zu machen. Denn das schlug schließlich auf das Stadtsäckel und damit auf das Konto aller Steuern zahlenden Untertanen.
    Ähnlich in der Stoßrichtung ist die Bestimmung, dass "so wenig fremde, als einheimische Bettler, ueberhaupt nicht geduldet werden": Wirte dürfen "Vagabonden, worunter auch muthwilliges und junges Bettel-Volck begriffen", nicht einlassen, falls doch, so sind diese durch den Policey-Meister "sogleich ins Zucht-Haus zu schicken", wo ihnen dann "Knotpeitschen" zu verabreichen sind. Raue Methoden, um das Allgemeinwohl zu befördern.

    Ausfluss dieser Bestimmung ist dann auch die fremdenpolizeiliche Erfassung aller Durchreisenden, die noch heute in Hotels gepflegt wird: Allabendlich müssen die Gastwirte dem Policey-Meister von "allen und jeden bey ihnen einkehrenden fremden Passagiren einen schrifftlichen Rapport" einschicken. Aber auch um die "Commoditaet der Fremden" war man besorgt, denn die Gastgeber wurden auf "propreté", Sauberkeit der Unterkunft, verpflichtet.

    Von diesem Gedankengang aus macht die Policey-Ordnung dann eine ungewöhnliche Kehrtwende hin zu einer Feuerordnung: Geregelt wird, dass in Ställen und Scheunen, in denen die Gäste von auswärts ihre Pferde und Kutschen, aber auch ihr Gesinde zur Nacht unterbrachten, kein offenes Licht und Feuer benutzt werden durfte. Der Wirt musste dort "allezeit einen Kumpf, Tubber oder Eymer mit Wasser" vorrätig halten, um im Notfall Feuer löschen zu können.

    Nach allem, was im Gastgewerbe regelungsbedürftig zu sein scheint, kommt die Policey-Ordnung wieder auf die Untertanen vor Ort und ihre Nahrung zurück. Der Policey-Meister hat darauf zu achten, "daß die Baecker nach dem ausgerechneten principio accurat backen, auch tuechtig wohl ausgebackenes Brodt lieffern". Bei Verstößen, z.B. wenn unter das "Grobe- und Schwartz-Brodt" Kleie oder unter das Weizenmehl Gerstenmehl gemischt würde, das Gewicht der Brote nicht stimmen oder das Brot nicht durchgebacken sein sollte, drohten Strafen.

    Der Policey-Meister soll zur Verhütung derartiger Vorfälle "Woechentlich Visitation unvermuthet anstellen"; er ist also auch in der Lebensmittelüberwachung tätig. Aber nicht nur die Qualität der Waren, auch die Auswahl an Gebackenem wird geregelt: Zu überlegen sei, "ob nicht sonsten noch bequeme und angenehme Sorten von allerhand Weitzen Brodt, als eine Art Hollaendische Zwieback, Pfaltzige Pretzeln, oder Kringeln und Kuchen" täglich angeboten werden können zwecks "Augmentirung der Back-Nahrung dieser Stadt".

    Nach dem Brot nimmt die Policey-Ordnung ein weiteres Grundnahrungsmittel der damaligen Zeit, das Bier, ins Visier: Es darf nur "jedes mahlen gutes wohlschmeckendes und reines, so wohl Weiß- als Braun-Bier, so die gehoerigen grade haelt", gebraut werden. Auch bei den Brauern ist der Policey-Meister gehalten, "fleißige Visitationes" anzustellen: Zu überprüfen ist, "wie weit und ob" die Bäcker und Brauer ihre Produkte "mit genugsamen Mehl, Maltz und Korn versehen, damit der Stadt es niemahlen an Brodt und Bier ermangeln moege".


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