Minden erleben

Missbrauch der Macht auf Zeit?

  • Die Mindener Schicht von 1405 / 08

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Ungefähr 100 Jahre, nachdem das Ratswahlstatut von 1301 niedergeschrieben worden ist, kommt es in Minden zu einem Aufruhr, zur Schicht: Am Pfingstfest des Jahres 1405 beginnt ein Verfassungskonflikt, der die Stadt mehr als drei lange Jahre erschüttern wird. Der Konflikt entzündet sich am Verfahren der Ratswahl.

    Bestimmten Gruppen der Mindener Bürgerschaft war zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Beteiligung an der Ratswahl als Recht verbrieft worden. Dieses Recht wurde 1405 aber offensichtlich nicht mehr beachtet. Darüber kommt es im Rat, in der städtischen Führungsgruppe, zum Streit. Einige Ratsherren, die sich gegen die Gewährung dieses Rechts aussprechen, werden mit Frauen und Kindern aus der Stadt vertrieben. Die übrigen Ratsherren bleiben in Minden und schreiben am 14. August 1405 an den Dortmunder Rat. Sie bitten um Schlichtung des Konflikts. Der Dortmunder Rat war für die Stadt Minden die Appellationsinstanz in allen rechtlichen Fragen, die nicht einhellig in Minden selbst geregelt werden konnten.


    Schrift der Schicht 

    In diesem Schreiben, der Schrift der Schicht, werden die Punkte, über die Uneinigkeit herrscht, aufgezählt. Die in Minden verbliebenen Ratsherren lassen den Dortmunder Rat wissen, dass es in ihrer Stadt ein Gremium von 40 Männern gibt, das zweimal jährlich den Rat wählt. Über dieses Recht ist dem Gremium vor etwa 100 Jahren, eine Urkunde ausgestellt worden: Gemeint ist offensichtlich das Ratswahlstatut von 1301. Das Gremium setze sich demnach aus 22 Kaufmännern sowie aus sechs Bäckern, sechs Knochenhauern und sechs Schuhmachern als den Vertretern der großen Ämter zusammen. Aus den kleinen, weniger bedeutenden Ämtern der Krämer, Kürschner, Schröder, Schmiede, Höker und Wollweber, aber auch aus den drei Vorstädten – der Fischerstadt, der Marienvorstadt und der Simeonsvorstadt – habe sich nun Widerstand dagegen erhoben, dass die Bürgerschaft aus dem Ratswahlverfahren ausgegrenzt werde: Die Kaufleute und die großen Ämter sollen sich mehr Rechte angemaßt haben, als ihnen zugekommen seien. Die Meinheit, also die Bürgergemeinde, klagt, ihren Einfluss auf die Ratswahl verloren zu haben.


    Einschaltung des Bischofs 

    Kurze Zeit später, im August 1405, wenden sich drei aus Minden vertriebene Ratsherren, Rabodo Steneke, Rickmar van Bucken und Reinold van Lerbeke, an den Rat der Stadt Dortmund. Weil sie zu Recht vermuten, dass die übrigen Mindener Ratsherren den Dortmunder Rat längst um Schlichtung angerufen haben, bitten sie darum, angehört zu werden, bevor ein Urteilsspruch in dieser schwierigen verfassungsrechtlichen Frage gefällt wird. Der in Minden verbliebenen Ratspartei ist es wichtig, sich des bischöflichen Beistands zu versichern: Bischof Otto IV. von Rietberg (1403–1406) bestätigt am 8. Oktober 1405 in einer an den Dortmunder Rat gerichteten Schrift, dass die Darstellung der Schicht durch den in Minden verbliebenen Teil des Rates der Wahrheit entspricht. In einem Streit um die Ratswahlordnung, die 1301 selbstbewusst und ohne Einmischung des Bischofs aufgesetzt wurde, wendet sich der Rat nun um Unterstützung seiner Belange ausgerechnet an den bischöflichen Stadtherrn.


    Vierziger als Wahlmänner 

    Demnach erfolgt die Wahl in drei aufeinanderfolgenden, vom zugelassenen Personenkreis her gesehen, immer exklusiver werdenden Wahlgängen. Zuerst wählen die durch Weisheit, Reichtum und Sozialprestige aus der Bürgerschaft herausragenden Mindener Bürger aus der berufsständisch organisierten Bürgerschaft – aus den Kaufmännern und den anderen drei Ämtern der Bäcker, Schuhmacher und Fleischer – aus ihrer Mitte 40 geeignete Männer, die sie für die Weiseren unter sich halten. Dann bestimmen diese 40 geeigneten Männer jährlich, wenn die neuen Ratsherren zu wählen sind, zwölf Männer aus ihrer Mitte. Diese zwölf Männer sind die eigentlichen Wähler der neuen Ratsherren: Sie leisten vor der Neuwahl des Rates einen Eid, mit dem sie bekräftigen, dass sie nur für das Ratsamt geeignete – also für die Belange der Bürgerschaft nützliche – Ratsherren wählen wollen. Erst dann soll die eigentliche Wahl des Rates stattfinden, auf die nicht näher eingegangen wird. Die Auswahl der geeigneten Ratswähler scheint den Zeitgenossen Garantie genug zu sein für die Wahl geeigneter Ratsherren. Gewählt werden kann jeder Mann, der das Bürgerrecht der Stadt Minden besitzt. Damit wird der Kreis der ratsfähigen, zum Ratsamt zugelassenen Männer überraschend wieder geöffnet: Nachdem der Kreis, aus dem die Ratswähler genommen werden, immer exklusiver geworden ist, erstaunt diese Bestimmung der Wahlordnung.
    Minden versucht auch, andere Städte für die eigene Sicht der Dinge zu gewinnen. Die in Minden gebliebenen Ratsherren schreiben an die Ratsherren bedeutender Hansestädte wie Dortmund, Münster, Osnabrück, Soest, Herford, Lemgo in Westfalen, aber auch Hameln, Braunschweig, Hildesheim, Lübeck, Lüneburg und Bremen.


    Schicht als Staatsaffäre 

    Nur wenig später, am 19. November 1405, ist der Mindener Streit zur Staatsaffäre gediehen: König Ruprecht I. (1400–1410) mischt sich von Heidelberg aus in die Angelegenheit ein: Der Dortmunder Rat soll, weil Minden von alters her sein Recht von dort geholt habe, das Urteil in dieser Sache sprechen. Dortmund ermahnt nun die Mindener Parteien, sich gütlich zu einigen, und bittet um einen erneuten Bericht der Mindener über die Vorfälle zu Pfingsten 1405.
    Am 14. Mai 1407 – fast zwei Jahre nach Beginn der Auseinandersetzungen – schaltet König Ruprecht sich erneut ein: Weil die Mindener trotz Ladung nicht vor seinem Hofgericht erschienen sind, werden alle männlichen Einwohner Mindens, die älter als 14 Jahre alt sind, in die Reichsacht erklärt. Aber auch diese Maßnahme fruchtet nicht.


    Hanse als Schiedsrichter 

    Als weitere Vermittlungsinstanz wird der Hansetag zu Lübeck, das Gremium der Vertreter der am hansischen Handel beteiligten Städte, tätig. Die Städte Lübeck, Hamburg und Lüneburg nehmen sich als Schiedsrichter am 11. August 1407 der Sache an: Sie setzen einen Termin für die Annahme eines ihrerseits ergangenen Schiedsspruchs und drohen für den Fall der Widerhandlung mit der Verhansung, mit dem Ausschluss der Stadt Minden aus dem Recht des hansischen Kaufmanns. Die Verhansung war das stärkste Machtinstrument der Hanse zur Durchsetzung ihrer Interessen: Sie war ein Aufruf zum Wirtschaftsboykott.
    Erst 1408 ist die Mindener Schicht beendet: Am 29. Oktober hebt König Ruprecht die über die Stadt verhängte Acht auf, weil Einigung erzielt worden ist. Einen Tag später tut er einige Mindener Bürger, die sich seinem Urteil nicht beugen wollen, in die Aberacht. 

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