Minden erleben

Mobilität in Minden vor 75 Jahren

  • Droschkenpolizeiverordnung vom 19. Dezember 1928

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am 19. Dezember 1928, vor 75 Jahren, verabschiedete die Stadt Minden eine Drosch-ken-Polizei-Verordnung, nach der sich künftig alle Droschkenunternehmer und -fahrer zu richten hatten.

    Das erste Droschken-Unternehmen in Minden wurde 1901 von Oskar Reiche aus Berlin aufgebaut. Nur wenige Jahre nach erfolgreichem und nicht zu beanstandendem Betrieb verkaufte er das Unternehmen, um anderenorts weitere Droschken-Unternehmen zu gründen. Die Polizei-Verordnung von 1928 formulierte schärfer als die vorangegangenen, dass die Zustimmung des Magistrats und die Genehmigung der Polizeiverwaltung zum Betrieb von Droschken davon abhängig ist, "daß die in Betrieb zu nehmenden Fahrzeuge, die Wagenführer und deren Kleidung, wie auch die Pferde und Geschirre den Vorschriften dieser Polizei-Verordnung entsprechen."

    Regelmäßig soll die Polizeiverwaltung die Fahrzeuge, die Pferde und die Kutscher kontrollieren: Der Vorläufer des TÜV in Minden war geboren. Die Revisionen der Droschken-Depots waren aber in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg offenbar recht lasch, so dass es erst des Leserbriefes in einer britischen Zeitschrift bedurfte, der an die Stadtverwaltung Minden gespielt wurde, um auf die Mängel in Minden aufmerksam zu werden: Demzufolge waren die Pferde unter- oder fehlernährt, die Wagen nicht sauber oder reparaturbedürftig und die Kutscher versahen ihren Dienst in abgerissener Kleidung.

    So regelt dann die neue Polizeiverordnung en detail den Droschken-Verkehr. Den Droschken-Unternehmern gewährt die Stadt Minden einen Zuschuss zum Betrieb. Die Unternehmer sind gehalten, nur solche Kutscher zu beschäftigen, die im Besitz des auf ihren Namen lautenden und mit der Nummer des betreffenden Fahrzeuges versehenen polizeilichen Fahr-scheines sind.

    Die Fahrscheine dürfen ausschließlich an Personen ausgegeben werden, die in Minden wohnen, "mindestens 20 Jahre alt, nüchtern, zuverlässig, reinlich, körperlich kräftig und frei von ansteckenden Krankheiten und in die Augen fallenden Gebrechen sind" sowie "nach dem Ergebnis einer polizeilichen Prüfung in der zuverlässigen Führung des Fahrzeuges geübt, ortskundig und mit dem Inhalt dieser Polizei-Verordnung bekannt sind."

    Ein Zuwiderhandeln zieht den Entzug der Beförderungsberechtigung nach sich. Der Kutscher muss nicht nur die vorgeschriebene "stets sauber und schadlos zu haltende Dienstkleidung" tragen, sondern hat auch ein "Exemplar dieser Polizei-Verordnung, seinen Fahrschein und eine mit den Normaluhren übereinstimmende Taschenuhr bei sich zu führen". Die Polizei-Ordnung ist in gebundener Form in einem Täschchen an der Vorderwand des Wagens sichtbar zu befestigen.

    Die Droschken dürfen nur an den von der Polizeibehörde bestimmten Halteplätzen auffahren. Sofern es mit dem öffentlichen Verkehr, der Ruhe und der Ordnung vereinbar ist, kann auch gestattet werden, an Orten, "an denen Schaustellen, Konzerte, Bälle, Versammlungen und dergleichen stattfinden", anzuhalten.

    Wo genau sich die Halteplätze befanden, ist aus den Akten leider nicht mehr zu rekonstruieren: Für den Bahnhof und den Markt aber ist gesichert, dass es hier Halteplätze gegeben hat. In diesen Zeiten, als es weder Telefon noch Funk, also keine Rufbereitschaft gab, wurde 1908 im Rathaus eine Annahmestelle für Droschkenbestellungen eingerichtet.

    Der Fahrer ist zum Wohle des Kunden "verpflichtet, bei allen Fahrten den kürzesten fahrbaren Weg einzu-schlagen": Dass das eigens erwähnt wird, scheint auf häufiger vorgekommenen Missbrauch der mangelnden Ortskenntnis von Kunden zurückzuführen zu sein.

    Außerdem ist der Fahrer verpflichtet, jede Fahrt "ohne Unterbrechung und im Trabe" auszuführen: "Ohne Anweisung des Fahrgastes" darf der Fahrer, "wenn nicht besondere, außerhalb seiner Person und seines Fahrzeuges liegende Gründe gegeben sind, weder Schritt fahren, noch anhalten", mithin den Preis für die Fahrt nicht mutwillig erhöhen. Und "bei eintretender Dunkelheit" hat der Kutscher "die verstellbare Laterne anzuzünden und so zu stellen, daß die Zeigerstelle genügend beleuchtet wird." Auch das eine Vorschrift im Sinne des Verbraucherschutzes.

    Es gab aber nicht nur den Schutz des Verbrauchers, sondern auch den Schutz des Kutschers und seiner Droschke. Denn "betrunkene, sich unanständig betragende, laut lärmende, sowie solche Personen, deren Kleidung oder sonstiges Verhalten eine Verunreinigung des Wagens befürchten läßt", braucht er nicht aufzunehmen.

    Und wirklich alles wird geregelt: "Die Droschken müssen von gefälliger Form, dauerhaft und bequem gebaut, innen und außen stets rein, gut ausgeschlagen und lackiert, mit gepolsterten Sitzen und mit zwei gebrauchsfähigen Laternen versehen sein. Jede Droschke muß mit einem vollständigen, richtig gehenden Preisanzeiger nebst verstellbarer zur Beleuchtung der Zeigerscheibe dienenden Laterne" sowie mit einem Blechschild mit der Aufschrift "Bestellt" und mit einer Fahne "Frei" ausgestattet sein. Die Nummer des Wagens "ist an den beiden Seiten und an der Rückwand des Wagenkastens in 6 cm hohen Ziffern von schwarzer Oelfarbe auf weißem Grunde und außerdem in gleich hohen Ziffern auf den nach außen gerichteten Glasscheiben der beiden Laternen in schwarzer Oelfarbe anzubringen."

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