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Privilegierung der Mindener Buchbinder

  • Privilegierung der Mindener Buchbinder

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Vor 350 Jahren, am "achtundzwantzigsten November anno eintausendsechshundert-dreiundfünfzig" privilegieren Bürgermeister und Rat der Stadt Minden "Zunfft und Handtwerck" der hier ansässigen Buchbinder.

    Bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts werden einige wichtige Aufträge zum Druck von Büchern aus Minden vergeben: So 1491 für ein Brevier und 1513 für ein Missale nach Nürnberg, 1516 für ein Brevier nach Mainz und 1522 für eine Agende nach Leipzig. Die aus der vorreformatorischen Zeit für Minden erhaltenen gedruckten Bücher sind sämtlich zum Gebrauch in Kirche, Kloster und Stift bestimmt. Von dort kamen auch die Aufträge.

    Erst für die von Nikolaus Krage verfasste Mindener Kirchenordnung wird die Stadt Minden als Auftraggeber in Sachen Buchdruck tätig: Sie vergibt 1530 den Auftrag nach Lübeck zu Johan Balhorn d.Ä. Denn noch immer gibt es in Minden keinen Buchdrucker, der Bücher von hoher Qualität und in großer Quantität drucken kann, wie es für diesen Zweck erforderlich ist.

    Wenngleich es in Minden am Anfang des 16. Jahrhunderts noch keinen Buchdrucker gab, so gab es längst Buchbindereien, allerdings auch diese in kirchlicher Hand: Der Dom, das Kloster St. Mauritz und Simeon, das Kollegiatstift St. Martini und wohl auch das Dominikanerkloster St. Pauli hatten nicht nur eigene Schreib-, sondern auch Buchbinde-Werkstätten. Sie waren jedoch nur für den eigenen Bedarf tätig.

    1537 dann, kurz nach der Reformation, gibt es in Minden auch einen Buchbinder aus der Bürgerschaft, der seine Dienste öffentlich angeboten haben dürfte: Im Huderegister wird erstmals ein "Bokbinder", der an der Opfer-straße lebt und arbeitet, genannt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es fortlaufend immer wieder auch namentliche Nennungen von Mindener Buchbindern.

    Aber erst 1653 wenden sich "unsere Bürger und Buchbinder" Meister Nicklaß Hane, Kordt Tiedt, Moritz Tiedt, Johan Ernst Heydorn, Johan Weber und Magnus Elig an Bürgermeister und Rat der Stadt Minden mit der Bitte, ihnen die Rechtsstellung einer Zunft zu verleihen und diese mit einer festen Ordnung, einem Zunftbrief, zu versehen.

    Warum sahen die Buchbinder plötzlich die Notwendigkeit, sich an die Obrigkeit zu wenden? Der Zunftbrief vom 28. November 1653, der nur als Abschrift aus dem 18. Jahrhundert erhalten ist, spricht davon, dass ihnen "frembde Buchführer [Buchhändler] und Buchbinder, so nicht allein in sondern auch außerhalb den freyen Jahrmarckten mit Verkauffung eingebundenen und ungebundenen Büchern" tätig wären, "ihre Nahrung schwächeten".

    Die damaligen Buchbinder hatten Sorge um ihren Lebensunterhalt, den sie dadurch, dass Nicht-Mindener in Minden nicht nur während der Messe ihre Bücher verkauften oder ihre Dienste als Buchbinder anboten, geschmälert sahen. Um dem einen Riegel vorzuschieben und nur Mindener Bürger zu berechtigen, gehen sie sogar noch einen Schritt weiter: Denn ab sofort darf "kein Frembder oder Einheimischer, der kein Mitgliedt dieser Zunfft ist und das Handtwerck ehrlich und redlich gelernet hat", mit gebundenen und ungebundenen Büchern handeln.

    Den Mindener Buchbindern wird also nicht nur zugestanden, die alleinige Lizenz zum Buchbinden, sondern auch zum Buchhandel zu haben. Auch der privilegierte Personenkreis wird stark eingeschränkt: Nicht nur Fremde, sondern auch Einheimische, die nicht über das Zunftrecht der Mindener Buchbinder verfügen, werden von diesem Handwerk und Handel ausgeschlossen.

    Der Zunftbrief der Buchbinder soll aber auch "Mißordenungen unter ihrem Handtwerck" verhüten helfen: Daher wird "ihr Handtwerck von der Stadtobrigkeit auf eine Zunfft gewidtmet und mit gewisser Ordnung und Gesetz versehen". Und so findet sich in diesem Zunftbrief eine Ausbildungsordnung. Dabei wird grundsätzlich danach unterschieden, ob ein Lehrling nicht aus Minden stammt oder ob er der Sohn eines Meisters dieser Mindener Zunft ist. Jeder Lehrling von außerhalb muss einen "ehrlichen Geburtsbrieff" vorbringen, der ausweist, dass er ehelich geboren ist. Er gibt sich dann für vier Jahre "in die Lehr" bei nur "eynem Meister". Ein Wechsel des Meisters, also des Ausbildungsplatzes, ist ausgeschlossen.Nach vier Lehrjahren wird der Lehrling "losgesprochen" und muss dann, wenn er sich als Meister in Minden niederzulassen gedenkt, drei Jahre "an fremde Örter wandern", um im überregionalen Austausch mit Handwerkern neue Techniken und gewisse Kunstfertigkeiten zu erlernen. Anschließend muss er für zwei Jahre "in eines Mindischen Meisters Werckstätte umb den gebührlichen und billigmeßigen Lohn arbeiten". Neun Jahre mussten also normalerweise bis zum Anfertigen des Meisterstücks vergehen.


    Es gab aber auch Ausnahmen von dieser Regel. So musste der Sohn eines Meisters vier Jahre in die Lehre, aber nur zwei Jahre wandern und nur ein Jahr in einer Mindener Meisterwerkstatt arbeiten: Er brauchte dann grundsätzlich nur sieben Jahre bis zum Meistertitel.

    Heiratete ein Geselle, der bereits seine Wanderschaft hinter sich gebracht hatte, die Witwe eines Buchbinders, so wurden ihm die eigentlich obligatorischen zwei Jahre Arbeit in der Werkstatt erlassen. Sein Meisterstück musste aber auch er anfertigen. Unter diesen Umständen brauchte er sieben Jahre, bis er Meister wurde.

    Heiratete ein Geselle aber die Tochter eines Meisters, so musste er noch ein Jahr in der Werkstatt arbeiten, bevor er sein Meisterstück anfertigen durfte. Zwischen dem ersten Tag der Lehre und dem letzten Tag vor der Erlangung des Meistertitels lagen dann acht Jahre.

    Die Verkürzung der Lehr- und Wanderzeit für den eigenen Nachwuchs und für die eingeheirateten Meister diente sicherlich auch dazu, diesen Meistern bessere Startchancen ins Berufsleben zu gewähren. Sie diente in einer Zeit, als die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen wesentlich geringer war als heute, vorrangig dazu, den Betrieb der Meisterwerkstatt für Kinder und Kindeskinder zu sichern.


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