Minden erleben

Schiffsmühlen schon vor 675 Jahren in Betrieb

  • Rat verpachtet Plätze an der Weserbrücke vor Minden

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Bereits vor 675 Jahren waren Schiffsmühlen auf der Weser vor Minden in Betrieb. Denn am 28. August 1328 verpachtete der Rat drei Plätze für an der Weserbrücke verankerte Schiffsmühlen an Mindener Bürger. Bereits zum 15. Juni 1326 werden Schiffsmühlen erstmals erwähnt.

    Das Anrecht auf Flüsse war ursprünglich ein Königsrecht, ein Regal. Später wurde es vom König geistlichen und weltlichen Fürsten gegen Zahlung entsprechender Summen Geldes oder beispielsweise als Dank für die Heeresfolge im Krieg überlassen. So besaß auch der Mindener Bischof das Recht auf die Weser innerhalb seines Territoriums. Anfang des 14. Jahrhunderts dann übertrug der Bischof der Stadt Minden einen Flussbereich nahe der Weserbrücke vor der Fischerstadt zu freiem Eigentum.

    Bereits zum 15. Juni 1326 wird im Stadtbuch, in das seit 1318 alle wichtigen Aufzeichnungen städtischer Rechtsangelegenheiten wie Bürger-aufnahmen, Grundstücksverkäufe oder Bestellungen von Testamentsvollstreckern notiert wurden, die Verpachtung von sechs Schiffsmühlenplätzen auf Lebenszeit der Pächter in niederdeutscher Sprache eingetragen: So geht beispielsweise ein Mühlenplatz an eine neunköpfige Familie, ein anderer an zwei Familien mit drei bzw. zwei Kindern.

    Von den Fischen, die sie "mit zesnen, mit corven, mit hamen" - also mit Sensen, Körben und Netzen - fangen, sind zwei Teile dem Rat zu geben, den dritten Teil dürfen sie behalten. Nicht nur alle Fanggeräte, sondern auch die Schlagde, an der die Mühlen vertäut sind, müssen sie selbst anschaffen und auf eigene Kosten in Ordnung halten.

    Sollten jedoch die Mühlen aufgrund von Hochwasser zerstört werden, ist der Rat verpflichtet, diese wieder instand zu setzen. Von den sechs Schiffsmüllern kann jährlich wechselnd einer vom Rat bestellt werden, der einen Eid schwören muss, dass alle Schiffsmüller die vereinbarte Menge Fische beim Rat abliefern. Sollten die Schiffsmüller das Recht an den Mühlen während der vereinbarten Nutzungszeit, also während ihrer aller Lebenszeit, veräußern wollen, so hat der Rat gegenüber anderen Interessenten das Vorkaufsrecht.

    Am 28. August 1328 dann, zwei Jahre später, fertigte der Rat drei Urkunden in lateinischer Sprache aus: Zwei der drei Vertragspartner wurden bereits zwei Jahre zuvor, 1326, als Pächter eingesetzt. Ihnen allen wird nun "locum unius molendini in Wiszera ponti appendendi", also der Platz für eine an der Weserbrücke vertäute Mühle, verpachtet. Die Verpachtung wurde auch dieses Mal auf Lebenszeit abgeschlossen.

    Die jährliche Pacht betrug eine Mark und wurde zum Fest des Erzengels Michael am 29. September fällig. Außerdem waren zwei Drittel der ins Netz gegangenen Fische dem Rat abzugeben; das übrige Drittel verblieb den Schiffsmüllern zum Verkauf und zum eigenen Verzehr. Während des Mittelalters lagen an der Weserbrücke in der Regel wohl zwölf Mühlen, und zwar in zwei Reihen zu je sechs Schiffen.

    Während 1326 die Eintragung dieses Rechtsgeschäfts ins Stadtbuch in mittelniederdeutscher Sprache erfolgte, wurde zwei Jahre später für die Ausfertigung der Urkunden die lateinische Sprache bemüht: Ein interessanter Fall, der Aufschluss über die Gepflogenheiten im damaligen Sprachgebrauch gibt.

    Aufgrund der zeitlichen Nähe der Verpachtungen zueinander und aufgrund der Ähnlichkeit des getätigten Rechtsgeschäfts ist die Vermutung auszuschließen, dass in dieser Zeit die Art des Rechtsgeschäfts die Wahl der Sprache beeinflusst habe.

    Ein Blick auf andere, vom Rat ausgestellte Urkunden offenbart, dass erst ab 1341 vermehrt Urkunden in deutscher Sprache aufgesetzt werden. Zum 19. Februar 1326 ist die erste Urkunde in deutscher Sprache überliefert: Sie ist nicht mit dem Siegel der Stadt versehen und stellt nur eine Übersetzung der ebenfalls überlieferten Urkunde in lateinischer Sprache desselben Datums dar. Das Amtsbuch, in dem die Verpachtungen des Jahres 1326 in deutscher Sprache notiert sind, wird hingegen 1318 ganz selbstverständlich in niederdeutscher Sprache eröffnet: "In dit boch scal men scriven ...".

    Offensichtlich konnte für das Stadtbuch, das nur zum internen Gebrauch von Rat und Verwaltung bestimmt war, die Volkssprache benutzt werden. Hingegen schien für die Urkunden, die für die Schiffsmüller aufgesetzt, also zum externen Gebrauch benötigt wurden, die lateinische Sprache als Sprache der Gebildeten angemessener.

    Aber der lateinische Pachtvertrag für die Schiffsmüller von 1328 ist bereits durchsetzt mit deutschsprachigen Elementen, besonders dann, wenn Fachbegriffe aus der Fischerei benötigt werden. Genannt wird dann zunächst das lateinische Wort; diesem schließt sich dann nach den Worten "vulgariter et theuthonice" - gemeinsprachlich und deutsch - das selbe Wort in deutscher Sprache an.

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