Mindener Museum

„Frischhaltungsglas Heinzelmännchen“ im Fach „Aktuelles!“


Ein Fach mit wechselnden Objekten widmet sich besonderen Themen und aktuellen Fragestellungen.

Das Frischhaltungsglas stammt aus dem Mindener Geschäft von Siegfried Pfingst, einem jüdischen Händler aus Bischofsburg in Ostpreußen. Er leitete ab 1911 zunächst als Pächter im Markt 3 eine Handlung für Porzellan. 1921 erwarb er das Haus und erweiterte den Laden (Markt 3-5), der von da an unter dem Namen „Geschäft für Haushaltungsgegenstände und Luxuswaren“ lief.

Der Bezug zu Siegfried Pfingst lässt sich über die Einprägung auf dem Glasdeckel erfassen. Dort stehen sowohl sein Name als auch der Verweis auf „Minden in Westfalen“. Einmachgläser wurden genutzt, um Lebensmittel möglichst lange haltbar zu machen. Dies wurde durch Einkochen von Lebensmitteln erzielt, sodass man auch noch lange etwas von seinen vergänglichen Lebensmitteln, wie z.B. Gemüse, hatte.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme begann am 1. April 1933 im gesamten Reich ein Boykott jüdischer Geschäfte. Dazu gehörte auch das Geschäft von Siegfried Pfingst. Zu Beginn kauften jedoch noch viele Menschen weiter dort ein. Demonstrativ erwarben sie große, zum Teil sogar leere Kartons und trugen sie an den aufgestellten SA-Leuten am Eingang des Geschäfts vorbei. Allerdings ließ dieser Mut im Zuge von Gleichschaltung und erster Terrormaßnahmen immer weiter nach.

Aufgrund der Boykotte verkaufte Siegfried Pfingst 1934 das Geschäft an den Mindener Heinrich Becker. Er selbst zog mit seiner Frau und seinem Sohn nach Berlin. Sie hofften, sich den antisemitischen Anfeindungen durch die Anonymität der Großstadt entziehen zu können.

Die Geschäftsaufgabe und die äußeren Umstände führten bei Siegfried Pfingst allerdings zu schweren Depressionen. Er kam in Berlin in eine Nervenheilanstalt, wo er 1936 starb und auf einem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt wurde.

Seinem Sohn Gerhard gelang es, im April 1938 nach Kenia auszuwandern. Von dort konnte er über das jüdische Komitee in Nairobi ein Visum für seine Mutter beantragen. Diese emigrierte im August 1939, eine Woche vor Kriegsausbruch, ebenfalls nach Kenia.

Siegfrieds Bruder, Alfred Pfingst, der ab 1931 ein Einheitspreisgeschäft in der Bäckerstraße 74-76 leitete, wurde 1944 zusammen mit seiner Frau in Auschwitz ermordet. Ihre Kinder konnten nach England fliehen. Das Einmachglas mit dem Namen von Siegfried Pfingst erinnert an die zahllosen tragischen Schicksale jüdischer Familien in Deutschland zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

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