1979 übergab der ehemalige Oberstudiendirektor des Ratsgymnasiums Minden Günther Willer (1933–2001) das Objekt in die Sammlung des Mindener Museums. Zur Kaiserzeit (1871-1918) sind Schülermützen fester Bestandteil der Schul- und Alltagskleidung. Sie dienen auch als Erkennungs- und Überwachungsmerkmal über den Unterricht hinaus. Getragen werden sie bis in die 1930er Jahre. Sie unterscheiden sich je nach Region, Schule und Klassenstufe in Farbe und Ausgestaltung. Die Klassenstufen unterteilt man damals mit lateinischen Zahlwörtern.
Die Mindener Schirmmütze besteht aus blauem Samt mit einem schwarz lackierten Schirm aus Presspappe. An verschiedenen Bereichen ist die Mütze zudem mit Messingumsponnenen Garn verziert. Dieses erscheint heute durch Oxidation stumpf. Damals wird es golden gewirkt haben. Der Mützenrand trägt auf rotem Grund zwei messingdurchwirkte Bänder. Die Mütze lässt sich aufgrund ihrer Kennzeichen, der Kombination von Farbe und Material dem Jahrgang einer bestimmten Schule und der Anzahl der Bänder einer Stufe zuordnen. Ein Band steht für die Unterstufe, zwei Bänder stehen für die Oberstufe. Die Mütze lässt sich somit der „Ober-Prima“, dem Abiturjahrgang des „Altsprachlichen Gymnasiums“ (seit 1530, dem heutigen Ratsgymnasium) zuordnen. „Altsprachlich“ bedeutet, dass die Sprachen Latein und Griechisch dort gelehrt wurden.
Die Schülermütze ist beschädigt. Die Beschädigung wurde sorgsam mit messingumspannten Garn gesäumt. Umrahmt ist sie zusätzlich von aufgesticktem Eichenlaub. Dieser Schaden ist besonders interessant. Das Loch erinnert an ein Ritual, das im 18. Jahrhundert in Studentenvereinigungen entsteht. Begleitet von einem Lied zu Ehren des „Landesvaters“ werden die Mützen der Studenten mit einer Waffe durchstochen. Seine Blüte hat das Ritual im 19. Jahrhundert. Das „Vaterlandsstechen“ bedeutet hier eine Huldigung an das Vaterland, die Hochschule oder auch die Studentenverbindung. Das rituelle „Durchstechen“ der Mütze steht stellvertretend für die Bereitschaft, sein Leben dem Vaterland zu opfern. Der Brauch hat ebenfalls eine soziale Dimension. Nach dem gemeinschaftlichen Erlebnis gehen die Studenten zum Du und zum freundschaftlichen Umgang über.
Schülerverbindungen eiferten diesen Bräuchen oft nach. Ob auch Mindener Schüler das „Vaterlandsstechen“ praktizierten ist offen. Berichte aus Minden dazu haben sich nicht erhalten. Die Ursache für das Loch in der Schülermütze wird daher weiter unklar bleiben.
