In der Sammlung des Mindener Museums werden rund 60.000 Objekte bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen oder Leihgaben an andere Museen lagern 95% der Sammlung verborgen im Magazin. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor. Alle zwei Monate wird außerdem ein „Objekt im Fokus“ im Foyer des Museums ausgestellt und dort seine Geschichte erzählt.
Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist ein Schulterbesatz für eine Militäruniform aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieser stammt von einem Mindener Major des preußischen Infanterie-Regiments Nr. 15. Das Objekt kam 1961 als Schenkung der Enkelin in die Sammlung des Mindener Museums.
Unter Schulterbesatz versteht man praktische oder schmückende Elemente an Uniformen oder ziviler Mode, die an der Schulter getragen werden. Diese Form wird Epauletten genannt. Ihren Ursprung haben sie in einem Tuch- oder Lederstreifen, der auf der linken Seite nahe dem Kragen geknöpft wurde. Er verhinderte das Abrutschen des Schulterriemens (Bandelier), an dem verschiedene Ausrüstungsgegenstände befestigt waren. Mit der Zeit entwickelte sich aus dieser funktionalen Schulterklappe ein Rangabzeichen.
Seit dem 18. Jahrhundert setzten sich Epauletten bei den meisten europäischen Heeren durch. In Preußen wurden sie 1816 für alle Offiziersdienstgrade eingeführt. Unsere Epauletten sind mit Wolltuch unterlegt und an den Außenseiten mit Metallelementen aus einer Messing-Kupferlegierung eingefasst. Die rundliche Form wird als Halbmond bezeichnet und wurde in dieser, größeren Ausführung seit 1830 getragen. Die Farbe des Metalls entsprach dabei den Knöpfen der Uniformjacke. Am Rand der Einfassung befinden sich herabhängende Fransen aus Silberdraht (Kantillen).
Der Draht wurde hierfür um eine dünne Nadel gewickelt und mit Hilfe eines Spulrades schraubenartig aufgewunden. Anschließend wurde er bei gewünschter Länge abgezogen. Diese Techniken fanden vor allem im Posamentierhandwerk oder in der Goldstickerei Anwendung.
Kantillen waren preußischen Stabsoffizieren (Major, Oberstleutnant, Oberst) vorbehalten. Bei den nächst höheren Dienstgraden, den Generälen, fielen die Fransen dicker und starrer aus. Niedere Offiziere wie Leutnants und Hauptleute trugen keinen Behang. Mit der Einführung von flachen Feldachselstücken 1866 wurden Epauletten ab 1888 nur noch zu Paraden oder besonderen Festlichkeiten getragen.
Anhand der Ausführung der Epauletten lassen sich der Dienstrang sowie die Zugehörigkeiten zum militärischen Großverband (Armeekorps) und Regiment erkennen. Hellblaues Tuch steht hier für das VII. Armeekorps mit Sitz in Münster. Ohne Abzeichen-Stern entsprechen die Epauletten dem Rang eines Majors. Die Nummer 15 steht für das Infanterie-Regiment Prinz Friedrich der Niederlande (2. Westfälisches) Nr. 15.
Das Regiment wurde 1813 während der „Befreiungskriege“ (1813-15) gegen Napoleon (1769-1821) gebildet. 1816 wurde es von Ostpreußen nach Westfalen verlegt. Einzelne Bataillone waren dabei in Herford, Bielefeld und Münster stationiert. Ab 1820 war Minden Sitz des Regiments. Benannt ist das Regiment nach dem Prinzen der Niederlande, Wilhelm Friedrich Karl von Oranien-Nassau (1797-1881). Dieser war von 1816 bis zu seinem Tod Regimentschef.
Die Epauletten wurden ursprünglich von dem Mindener Hermann Otto Bünte (1813-67) getragen. Dieser trat 1831 in das Regiment ein und wurde 1837 zum Sekondeleutnant, dem zu diesem Zeitpunkt untersten Offiziersrang, ernannt. 1849 nahm Bünte an einem Feldzug in Dänemark während des Schleswig-Holsteinischen Krieges (1848-51) teil. 1854 wurde er zum Hauptmann und 1860 zum Major befördert. Mit diesem Rang wurde er 1865 aus dem Dienst entlassen. Er starb 1867 in Minden.
Die Epauletten verweisen auf unsere aktuelle Sonderausstellung „Auf den zweiten Blick – Mindens Stadt und Militär im 19. Jahrhundert in Fotografien“, die ab dem 09. Mai im Mindener Museum zu sehen ist. Das Museum zeigt 22 historische Fotografien, die zwischen 1860 und 1914 entstanden sind. Die Bilder werden genau „unter die Lupe“ genommen und aktuellen Ansichten gegenübergestellt. Begleitobjekte aus der Sammlung des Museums ergänzen die Schau.
