„Das Beste kommt zum Schluss“ - so könnte man die (vorerst) letzte und zehnte Gemeinschaftsproduktion des Richard Wagner Verbandes Minden, des Stadttheaters Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie (NWD) „Die Meistersinger von Nürnberg“ zusammenfassen. Und es war zur Premiere am 13. September „allererste Sahne“, was Regisseur Jakob Peters-Messer mit allen Mitwirkenden auf die Mindener Bühne des Stadttheaters gebracht hat.
Nach viereinhalb Stunden reiner Spielzeit und einem fulminanten Finale mit dem 70-köpfigen Orchester, dem 60-köpfigen Chor „caruso“ und allen Darstellern zusammen auf der Bühne belohnte das Publikum der „Meistersinger“ im Stadttheater Minden am Freitagabend mit stehenden Ovationen und einem sehr langen Applaus. Die Mühen der wochenlangen Proben hatten sich ausgezahlt. Die Erleichterung aller Beteiligten war deutlich zu spüren.
Mit seiner Inszenierung der einzigen komischen Oper von Richard Wagner machte Regisseur Jakob Peters-Messer nicht nur das Unmögliche möglich, sondern setzte einen Meilenstein, der ihm und dem hochkarätig besetzten Ensemble mindestens bundesweite, wahrscheinlich aber sogar internationale Beachtung verschafft hat. Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland und Wagner-Enthusiasten aus der ganzen Welt werden nach Minden kommen. So konnte schon bei der Generalprobe am 8. September ein Vorstandsmitglied des New Yorker Wagner Verbandes begrüßt werden. Die Generalprobe ist traditionsgemäß den Schüler*innen der Region vorbehalten, die sich teils monatelang auf den Besuch vorbereiten. Dieses Jahr waren es 221.
„Eine Eigenproduktion mit insgesamt 190 Mitwirkenden auf und hinter der Bühne – das gab es tatsächlich noch nie in Minden“, hatte Theaterintendantin Andrea Krauledat bei der ersten Durchlauf-Probe der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ festgestellt. Sie prognostizierte vor zwei Wochen: „Ich glaube, es wird großartig“. Es war großartig – vielleicht sogar noch mehr als das, urteilten viele Premierengäste danach. Das Publikum erlebte ein Gesamt-Meisterwerk mit stimmgewaltigen Sängerinnen und Sängern, einer bestens aufgelegten Nordwestdeutschen Philharmonie und technischen Raffinessen.
Die Vorsitzende des Richard Wagner Verbandes Minden e.V., Dr. Jutta Hering-Winckler, ist die Initiatorin der Wagner-Opern in Minden. Sie ist, zusammen mit ihrem erprobten Team, für die Planungen, das Fundraising, die Verpflichtung der Sänger*innen und last, but not least, in enger Zusammenarbeit mit dem Theaterteam für den reibungslosen Ablauf in der Proben- und Aufführungsphase verantwortlich. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn die ersten Takte hier im Theater erklingen; das macht die vielen Mühen vergessen“, beschreibt sie die Gemütslage nach der Premiere. Der guten Zusammenarbeit zwischen Stadttheater, NWD, Frank Beermann und dem Wagner Verbandes sei es zu verdanken, dieses Mammutwerk zu stemmen, so Hering-Winckler. Mit Blick auf die Aufführung aller 10 Hauptwerke Wagners sagt sie: „Ich bin dankbar, dass wir in fast drei Jahrzehnten den Mindener*innen feinsten Musikgenusses in meiner Heimatstadt geben und so vielen Schüler*innen das Werk von Richard Wagner näher bringen konnten."
Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ auf der für eine Oper recht kleinen Bühne des Stadttheaters zu realisieren, galt lange Zeit als nahezu unmöglich. Zu groß ist das Werk, zu umfangreich die Besetzung, zu gewaltig der Orchesterapparat. Und doch genau das ist gelungen. Die Spielfläche wird nicht auf die eigentliche Bühne begrenzt. Auch die Logen im Zuschauerraum und im ersten Rang werden in das Geschehen einbezogen. Dadurch entsteht immer wieder Bewegung im gesamten Theaterraum. Das Publikum sitzt nicht einfach vor einer Bühne und betrachtet Nürnberg aus der Entfernung, es befindet sich gewissermaßen mitten im Geschehen.
Am Ende des zweiten Aktes gar müssen auch Zuschauende aktiv werden und von ihren Klappsitzen aufspringen, wenn Stadtschreiber Sixtus Beckmesser von einer wilden Horde prügelnder Bürger durch den 1. Rang gejagt wird. Auch der Nachwächter bläst sein Horn für die Menschen im Saal unten unsichtbar im ersten Rang. Die einzelnen Szenen und Spieleorte werden durch beeindruckende Projektionen, bei denen der Gaze-Vorhang auf der Bühne – dahinter das Orchester – und die Seitenwände des Theatersaals genutzt werden, verstärkt.
Die Farben wechseln - je nach Szene. Alte Schriften, Kerzenlichter, blätternder Wandputz, Prosatext, angedeutete Häuserzeilen erscheinen auf dem Vorhang und den Wänden. Ein gewisser „Zauber“ kommt auf, als die Portraits von 160 Mindener*innen und Opernfreunden aus der Region nach und nach „in den Saal fliegen“, sich zunächst überlappen und dann ordnen. Mit dabei auch Mindens Bürgermeister Peter Kock, der am Ende in der Mitte vieler anderer Portraits, die das Publikum des Meistersinger-Wettbewerbes darstellen sollen, mittig auf dem Vorhang erscheint. Auch das macht diese Oper für alle Zuschauenden und Zuhörenden zu einem außergewöhnlichen Opernabend.
Rund viereinhalb Stunden dauert Wagners Werk in Minden – mit zwei längeren Pausen von je 45 Minuten sogar rund sechs Stunden. Die Nordwestdeutsche Philharmonie sitzt nicht im Orchestergraben, sondern wird in die ungewöhnliche Bühnenkonstruktion integriert. Dazu kommen 17 Sängerinnen und Sänger sowie der 60-köpfige Chor coruso“ (Erster Deutscher Freier Opernchor e.V.) unter der Leitung von Raymond Hughes. Was auf einer großen Opernbühne schon eine logistische Herausforderung ist, wird in einem vergleichsweise kleinen Stadttheater zu einer besonderen Kraftanstrengung.
Dass daraus kein beengtes Musiktheater entsteht, sondern ein lebendiger, oft überraschend großzügiger Theaterabend, ist vor allem der Regie von Jakob Peters-Messer zu verdanken. Er macht aus der räumlichen Enge eine Stärke. Für ein großes Bühnenbild ist zu wenig Platz. Das Stück kommt mit wenigen Requisiten aus - Bänke, ein Tisch, eine Truhe, zwei Kleiderständer sowie zwei Leitern, die vielfältig eingesetzt werden. Die Bühne ist mit Parkett belegt und als schräge Ebene angelegt, wie sie auch schon im „Ring der Nibelungen“ verwendet wurde
Die Hauptakteure treten im ersten Akt in nur teilweise historische Kleidung auf, manche haben Halskrausen oder tellerförmige Kragen als Accessoire. Die Kostüme sind im ersten Akt schlicht schwarz-weiß und eher an die moderne Zeit angelehnt. Im weiteren Verlauf tragen die Sängerinnen und Sänger dann farbige Versatzstücke aus der Renaissance, wie Jacken, Hauben, Kragen oder Krinolinen. Am Ende legen sie die historische Kleidung wieder ab und hängen diese ordentlich auf den beiden Kleiderständern auf. Verantwortlich dafür zeichnet Kostümbildnerin Angela Schuett.
Nicht Götter und Helden, die der germanischen Mythologie entsprungen sind, spielen in den „Meistersängern“ die Hauptrolle, sondern Menschen, die teilweise sogar real existiert haben, wie der Schuster Hans Sachs (Simon Bailey). Er ist die zentrale Figur. Bass-Bariton Bailey hat den mit Abstand größten und anspruchsvollsten Part zu bewältigen – und trägt diese Last souverän. Er überzeugt mit seiner Stimme, aber auch schauspielerisch. Er muss nicht nur große musikalische Bögen gestalten, sondern sich in einer Vielzahl von Dialog- und Spielszenen behaupten. Das gelingt ihm mit großer Präsenz – oft ernst und nachdenklich, manchmal auch verschmitzt lächelnd.
In einer weiteren Hauptrolle ist Jussi Myllys, der sich erfolgreich im jugendlichen Heldentenorfach etabliert hat, als Walther von Stolzing zu erleben. Er verkörpert den jungen Außenseiter, der mit seinem neuen Ton die eingefahrene Ordnung der Meister herausfordert. Michael Borth - ein von der Kritik gefeierter deutscher Bariton mit langjähriger Erfahrung und einem umfangreichen Repertoire - gibt den Widersacher im finalen Sängerwettstreit, den Stadtschreiber Sixtus Beckmesser. Er bringt - mit großem Talent ausgestattet - eine Figur auf die Bühne, die zwischen Komik, Eitelkeit und Verzweiflung angesiedelt ist.
Die weibliche Hauptrolle ist mit Emma McNairy als Eva (Tochter des Goldschmieds) perfekt besetzt. Die international erfahrene Sängerin aus den USA tritt stimmgewaltig auf und beeindruckt ebenfalls durch ihr schauspielerisches Talent. Ihre Eva ist keine bloße Figur am Rand der großen Männerwelt der Meistersinger, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die ihre eigenen Vorstellungen vom Leben und von der Liebe hat. Kathrin Göring als ihre Amme Magdalene, Christoph Seidl als Vater und Goldschmied Veit Pogner sowie Johannes Schwarz als Bäckermeister Fritz Kothner sind ihre kongeniale Partner.
Eine ebenso große Herausforderung ist die musikalische Seite. Frank Beermann steht am Pult der Nordwestdeutschen Philharmonie und führt das Orchester durch die gewaltige Partitur. Die NWD meistert die viereinhalb Stunden mit großer Professionalität und Klangfülle. Wagners Musik verlangt den Musikerinnen und Musikern einiges ab: Auf kammermusikalisch anmutende Passagen folgen gewaltige Steigerungen, lyrische Momente wechseln mit festlicher Klangpracht. Besonders im dritten Akt wächst die Musik immer stärker auf den großen Schlusschor zu. Ein wuchtiges Finale.
Diese „Meistersinger“ sind deshalb nicht einfach eine weitere Wagner-Aufführung. Sie sind der Abschluss eines außergewöhnlichen Kapitels der Mindener Theatergeschichte. Mit der Produktion ist der sogenannte Bayreuther Kanon komplett: Seit 2002 wurden in Minden Wagners zentrale Werke in Gemeinschaftsproduktionen des Stadttheaters, des Richard Wagner Verbandes und der Nordwestdeutschen Philharmonie auf die Bühne gebracht. Dass nun ausgerechnet die „Meistersinger“ den Schlusspunkt bilden, hat etwas Folgerichtiges. Denn die Oper selbst handelt von Tradition und Erneuerung, von der Weitergabe von Wissen und zugleich vom Mut, Neues zuzulassen. In Minden wird daraus beinahe ein Spiegelbild der eigenen Theatergeschichte.
Diese „Meistersinger“ sind groß gedacht, klangvoll umgesetzt und vor allem eines – ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie auch außerhalb der großen Opernhäuser großes Musiktheater geschaffen werden kann.
Die Handlung
Die Geschichte spielt im Nürnberg der Meistersinger-Zünfte und verbindet eine Liebesgeschichte mit einem Sängerwettstreit, einer gehörigen Portion Komik und einem grundsätzlichen Konflikt zwischen überlieferten Regeln und künstlerischer Freiheit. Der junge Ritter Walther von Stolzing kommt nach Nürnberg und verliebt sich in Eva, die Tochter des Goldschmieds. Doch Eva soll den Sieger des großen Sängerwettstreits heiraten. Um überhaupt an diesem Wettbewerb teilnehmen zu können, muss Walther also zunächst als Meistersinger anerkannt werden.
Genau daran scheitert er zunächst. Denn die Meistersinger haben strenge Regeln, nach denen ein Lied zu komponieren und vorzutragen ist. Walther hält sich nicht daran. Für ihn zählt die Inspiration, für die Meister zunächst das überlieferte Handwerk. Besonders verbissen verteidigt der Stadtschreiber Sixtus Beckmesser die alten Regeln. Ausgerechnet er möchte Eva ebenfalls heiraten. Zwischen ihm und Walther entwickelt sich deshalb nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein persönlicher Konkurrenzkampf.
Hans Sachs erkennt dagegen, dass in Walthers ungewöhnlicher Art des Singens etwas Neues und Wertvolles steckt. Gleichzeitig muss er mit seinen eigenen Gefühlen umgehen: Auch er empfindet Zuneigung zu Eva. Schließlich stellt Sachs jedoch seine eigenen Wünsche zurück und hilft Walther, seinen Weg zu finden. Nach zahlreichen Verwicklungen, Missverständnissen und einer der turbulentesten Szenen des Werkes – der nächtlichen Prügelszene – kommt es im dritten Akt zum Sängerwettstreit. Walther trägt sein Lied vor und gewinnt. Seine Kunst erweist sich als etwas Neues, das die alten Regeln nicht einfach abschafft, sondern sie auf eine andere Weise lebendig werden lässt.
Wagner-Opern in Minden
Am 28. September 2002 feierte die Produktionsgemeinschaft von Richard Wagner Verband Minden, Stadttheater Minden und Nordwestdeutscher Philharmonie unter Leitung von Frank Beermann mit der überregional beachteten Premiere von „Der fliegende Holländer“ einen ersten großen Erfolg. Es folgten „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“, von 2015 bis 2019 der komplette „Ring“ und 2023 schließlich noch „Parsifal“. Die Stadt Minden erarbeitete sich beim Publikum und der überregionalen Fachpresse eine besondere Anerkennung als „Bayreuth des Nordens“.
Dass diese Produktionsgemeinschaft ein Vierteljahrhundert überdauern und im Jahr 2026 die noch verbliebene der zehn großen Opern Richard Wagners, „Die Meistersinger von Nürnberg“, auf die Bühne des Stadttheaters bringen würde, war bei der Holländer-Premiere vor 24 Jahren noch nicht abzusehen und begründet sich wesentlich durch die vielfältige und aktive, aber natürlich auch erhebliche finanzielle Unterstützung der Produktionen durch die Mindener Bürgerschaft und Wirtschaft.
Weitere Vorstellungen gibt es am 18., 20. 25. und 27. September, um 17 beziehungsweise 16 Uhr. Dafür können noch wenige Restkarten ferworben werden.
Ausführliche Informationen zur Produktion gibt es auf der Internetseite des Richard Wagner Verbandes Minden Die Meistersinger in Minden (Protected link to meistersinger-in-minden.de).
