Minden erleben

Schifffahrt auf der Weser bei Minden

  • Privileg Kaiser Karls V. vom 4. Januar 1552

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit kam es wiederholt zu Zwistigkeiten zwischen den Städten Bremen und Minden: Die Städte waren harte Konkurrenten im Kampf um die wirtschaftliche "Hoheit" auf der Weser. Vor 450 Jahren sollte ein Privileg Kaiser Karls V. vom 4. Januar 1552 zugunsten der Stadt Minden endlich Klarheit schaffen. Es ist im Kommunalarchiv Minden überliefert.

    Der Streit zwischen Bremen und Minden war nicht neu: Beide Städte stritten immer wieder um das Recht der freien, ungehinderten und abgabenfreien Schifffahrt auf der Weser. Sowohl Bremen als auch Minden wollten - ohne Abgaben leisten zu müssen - Waren auf der Weser transportieren. Denn Abgaben schmälerten den Gewinn der Kaufleute aus der eigenen Stadt, reduzierten somit die für die Stadtkasse zu erwartenden Steuerzahlungen.

    Gleichzeitig wollten sowohl Bremen als auch Minden selbst das Stapelrecht an der Weser ausüben, was bedeutete, dass Kaufleute, die vor Bremen oder Minden auf der Weser Waren transportierten, verpflichtet waren, diese Waren an einen bestimmten Ort, z.B. an die Schlachte in Bremen oder an die Schlagde in Minden oder aber auf den Markt, zu bringen und dort für eine bestimmte Zeit zum Verkauf anzubieten. Das Stapelrecht wurde vom König verliehen und berechtigte bestimmte Städte, die vorbei fahrenden Kaufleute zu zwingen, beispielsweise in Bremen oder Minden anzuhalten, um dort die geladenen Waren feil zu bieten. Auch dann, wenn diese an einem anderen Ort eine Kundschaft gefunden hätten, die einen höheren Preis zu zahlen bereit gewesen wäre. Außerdem schlugen die Unterbrechungen der Fahrt negativ zu Buche. Das reduzierte den kaufmännischen Gewinn.

    Deswegen versuchten die an Flüssen gelegenen mittelalterlichen Städte einerseits die freie Schifffahrt auf den Flüssen, andererseits die Stapelgerechtigkeit an den Flüssen vom König zu erlangen: So hofften sie von fremden Kaufleuten Abgaben, die sich als klingende Münze in der Stadtkasse wiederfanden, eintreiben zu können und gleichzeitig die Freiheit ihrer Kaufleute vom Stapelzwang anderer Städte zu erreichen. Ein Interessenkonflikt, der zu vielerlei Zwistigkeiten und Streitereien unter den Städten Anlass bot.

    Die Stadt Minden nahm spätestens seit der Mitte des 15. Jahrhunderts das Stapelrecht für besondere Waren, nämlich Getreide, Bau- und Flößholz, wahr, ohne dass ein Privileg darüber überliefert wäre; 1530 erhielt sie dann ein Privileg Herzog Heinrichs d.J. von Braunschweig-Lüneburg, demzufolge ein Verkaufszwang auf durchgeführtem Brennholz lag. Brennholz wurde für das Brauen von Bier benötigt; über Getreide, das nicht nur zum Backen von Brot, sondern auch zum Brauen von Bier, einem Grundnahrungsmittel der damaligen Zeit, lag ein Privileg bereits vor.

    Bremen hingegen erhielt 1541 ein Privileg von Kaiser Karl V., das den Stapelzwang für Getreide, Mehl, Wein und Bier, nicht aber für Holz gewährte. Was die Produktion des Grund-nahrungsmittels Bier anlangte, stand Bremen also schlechter da als Minden.

    1548 wandte sich Minden dann an den Kaiser, um das Stapelrecht und das Recht zur Erhebung des Weserzolls zu erhalten, um mit diesen Einnahmen die Weserbrücke baulich unterhalten zu können. Ersteres wurde gewährt, letzteres nicht. 1551 versuchte die Stadt Minden dann sehr forsch, das Stapelrecht durchzusetzen: Die Weser wurde durch Baum oder Kette gesperrt, so dass ein ungehindertes, heimliches Vorbeifahren von Schiffen auf dem Fluss, ohne sich dem Stapelrecht gebeugt zu haben, nicht möglich war. Diese eigenwillige Interpretation des Stapelrechts ging dem Mindener Bischof Franz jedoch zu weit: Er sah dadurch seine bischöflichen Hoheitsrechte verletzt und beschwerte sich bei der Stadt Minden.

    Am 4. Januar 1552 schließlich erlässt Kaiser Karl V. zu Innsbruck ein Privileg für die Stadt Minden, dass alle Mindener Bürger "hinfuro zu ewigen zeitten unwiderruefflich auf dem Wasser, die Weser genant, auf unnd ab unnd fur die Stat Bremen unnd sonnst allenthalben irer Notturfft unnd Gelegenhait nach unnd wie inen das jederzeit am fueglichsten unnd nutzlichsten sein wirdet, frey unverhindert schiffen, auch allerlay Kaufmanschafft vnnd Hanndtierung treiben unnd uben sollen unnd mogen, one gemelter Stat Bremen Irrung, Einrede oder Verhinderung".

    Damit war ein kaiserliches Machtwort gesprochen, demzufolge Minden ungehindert Handel auf der Weser treiben konnte, und zwar ohne dass Bremen sich dem wiedersetzen durfte. Und der Kaiser macht seine Entscheidung in dieser Sache nachdrücklich, indem er alle dieser Entscheidung widersprechenden Privilegien, die seine Vorgänger erlassen haben oder seine Nachfolger erlassen werden, für ungültig erklärt:

    "Ob aber gemelte Stat Bremen von uns oder unnsern Vorfarn am Reiche, Romischen Kaisern unnd Konigen, hierwider gefreyet were oder noch wurde, so setzen und wollen wir doch, das solche Freyheit hiewieder kain Stat noch Macht haben noch verstanden werden, sondern ganntz crafftloß unnd von Unwirden sein und gedachten Burgermaistern, Rath und Gemaind der Stat Minden und iren Nachkomen an dieser unser Freyhait und Begnadung gar kainen Schaden pringen oder gepern solle."

    Abschließend werden alle Privilegien, die diesem für Minden günstigen Privileg entgegen stehen, zurück genommen. Wermutstropfen dieses Privilegs für die Mindener blieb, dass der Kaiser weiterhin auf der Entrichtung der Weserzölle bestand, dieses von der Stadt begehrte Recht dieser nun gerade nicht überließ.

    Der Streit um das Recht der freien Schifffahrt auf der Weser und um das Recht des Stapelzwangs an der Weser aber schwelte zwischen Bremen und Minden dennoch fort: Die Weser war nicht nur ein Fluss, der Städte verband, sondern auch ein Fluss, der Städte entzweite.

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