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Einblicke in die Mindener Stadtkasse des 16. Jahrhunderts

  • Ältestes Schossregister vom 29. September 1528

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Am Michaelistag des Jahres 1528, also am 29. September vor 475 Jahren, befanden sich die "schotheren", die Schossherren, auf ihrem Umgang durch die Stadt Minden: Sie trieben den Schoss, die von den Bürgern der Stadt Minden in das Stadtsäckel zu zahlende direkte Steuer, ein. Und sie notierten in schmalen, hochformatigen Heften die Erträge ihrer Arbeit.

    Bereits gut 200 Jahre zuvor, 1322, wird das Amt des Kämmerers erstmals erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt gab es mindestens zwei Kämmerer aus dem Kreis der Ratsherren, die sich kollegial um die Einnahmen und Ausgaben der Stadt Minden kümmerten und sich gegenseitig in ihrem Tun zum Wohl der Stadt kontrollierten. Erst die 1538 nach der Reformation eingeführte Ratswahlordnung schrieb auf lange Zeit fest, dass es nur noch einen einzigen Kämmerer geben sollte.

    Mit den Kämmerern arbeiteten zwei Rentherren eng zusammen: Sie waren für die Eintreibung der Gelder, die der Stadt aus Rentenbriefen und aus Pachtverhältnissen von städtischen Häusern und Grundstücken zuflossen, verantwortlich. Die Zahl der Rentherren schwankte zwischen zwei und vier: Offiziell waren immer zwei Ratsherren als Rentherren tätig. Bei Bedarf, besonders anlässlich der jährlich wiederkehrenden Zahlungstermine zu Michaelis und zu Ostern, kamen bis zu zwei weitere Ratsherren hinzu. So wurde die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt. Gleichzeitig war auch eine gegenseitige Kontrolle möglich.

    Die Eintreibung des Schosses aber war noch aufwändiger: Denn alle Bürgerhaushalte mussten auf einem genau festgelegten Umgang durch die Stadt aufgesucht werden. Zur Sammlung dieser direkten Steuer, die von allen, die das Mindener Bürgerrecht genossen, zu zahlen war, wurden insgesamt meist zwölf Schossherren eingesetzt. Außer den Rentherren wurden weitere Ratsherren und außerdem sechs Vertreter der Meinheit, der Bürgerschaft, herangezogen.

    So hatte auch die Bürgerschaft eine direkte Möglichkeit zur Kontrolle der Steuereinnahmen: Städtischen Konflikten, die sich oftmals an Fragen der städtischen Finanzen entzündeten, wurde durch die direkte Beteiligung zahlreicher Bürger vorgebeugt.

    Für die Schosserhebung war die Stadt in mehrere Viertel eingeteilt. Das ist noch heute an den erhaltenen Schossregistern zu erkennen: Für jedes Stadtviertel wurde ein eigenes Heft angelegt, das die zuständigen Schossherren auf ihrem Weg mit sich führten: Sie notierten die Namen der Bürger entlang der einzelnen Straßenzüge, allerdings ohne dass die Straßen oder gar Hausnummern genannt würden.

    Über Erfolg oder Misserfolg beim Einsammeln des Geldes geben die Bemerkungen "tom ersten male", "tom andern male" und "tom derden male" Aufschluss, die zeigen, wie oft die Schossherren erscheinen mussten, bevor sie endlich die Steuergelder in Händen hielten. Die eingesammelten Geldsummen werden nur selten genannt: Die Höhe des Schosses wurde nicht von der Stadt festgesetzt, sondern jeder Bürger zahlte nicht nur nach eigenem Vermögen, sondern auch nach eigenem Wunsch. Ein System, das uns heute merkwürdig anmutet, weil es zu viele ‚Steuerschlupflöcher' zu bieten scheint.

    In einer Zeit aber, als das erwirtschaftete Vermögen als Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft aller Bürger verstanden wurde und das Ansehen des einzelnen Bürgers sich auch an dem für die Gemeinschaft eingebrachten Vermögen messen lassen musste, war es selbstverständlich, dass eine gewisse Großzügigkeit herrschte.

    Das älteste Schossregister der Stadt Minden von 1528 ist leider nur unvollständig überliefert. Erhalten sind vier Hefte: erstens für das Hohnstraßenviertel (mit St. Johannis und St. Ma-rien); zweitens für das Kuhtorviertel (Weberberg, Äbtissinnenhof, Greisenbruch, Kamp, Friesenstraße, Brüderstraße, Weberstraße, Ritterstraße, Videbullenstraße, Umrad, Holzstraße und Weingarten), das seinen Namen nach dem später in Königstor umbenannten Kuhtor hatte; drittens für das Scharnviertel mit den Fischerhäusern (Fischerstadt); und viertens für das Marktviertel (mit St. Simeonis).

    Ein Vergleich mit dem ersten vollständig erhaltenen Schossregister vom Herbst 1557 macht offensichtlich, welche Steuerzahler nicht in den Heften von 1528 auftauchen: Eingangs des Schossregisters von 1557 sind - außerhalb der Ordnung nach Stadtvierteln und Straßenzügen - die Bürgermeister und Ratsherren zusammen mit dem Kaufmannsamt sowie die Ämter der Bäcker, Schuhmacher, Knochenhauer, Kürschner, Krämer, Schmiede, Schneider und Höker genannt.

    Im Schossregister von 1557 aber tauchen die Marienvorstadt und die Simeonvorstadt, die 1528 genannt werden, nicht mehr auf: Beide Vorstädte wurden kurz zuvor, am 1. Mai 1553, aufgrund der Belagerung durch Herzog Heinrich d.J. von Braunschweig-Wolfenbüttel, aufgegeben und abgerissen, die dort lebenden Bewohner hinter die sicheren Mauern der Stadt umgesiedelt.

    Und grundsätzlich werden unzählige Menschen, die in der Stadt lebten, nicht in den Schossregistern aufgelistet. Zum einen wird immer nur der Haushaltsvorstand genannt, nie aber dessen Ehefrau, die Kinder und Enkel, auch Mägde und Knechte, die in seinem Haus leben. Zum anderen waren viele Bewohner der Stadt nicht steuerpflichtig: Alle Kleriker - Domherren, Kollegiatherren, Mönche, Nonnen, Priester -, alle Adligen und auch alle Einwohner, die nicht am Bürgerrecht teil hatten, waren exemt. Das sind die Gründe dafür, warum es niemals genau möglich ist, die Bevölkerungszahl einer mittelalterlichen Stadt exakt anzugeben; die Bevölkerungszahl kann immer nur grob geschätzt werden.

    Die Einnahmen aus Renten, Pachten und Mieten wurden sofort für kurzfristige Ausgaben aufgewendet, die Schossgelder aber für langfristige Ausgaben eingesetzt. Für die Ausgaben waren sowohl die Kämmerer als auch die Rentherren zuständig. Die Kämmerer führten Buch über die allgemeinen Ausgaben der Stadt, beispielsweise über Löhne für Dienstboten, Kosten zum Bau der Stadtmauer oder über die Anschaffung von Pergament, und legten darüber jährlich Rechenschaft ab; die Rentherren führten ebenfalls Buch über die von ihnen getätigten Ausgaben, zu denen sie aufgrund von Rentengeschäften, Pacht- und Mietverhältnissen verpflichtet waren.

    Die Kämmerei nahm aber auch bei vermögenden Bürgern Anleihen auf, wenn für eine besonders kostspielige Sache wie den Mauerbau zum Schutz der Bürger Geld fehlte.


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