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Stockholm - Minden - Rom

  • Königin Christina von Schweden logierte 1654 inkognito in der Königstraße

    Von Dr. Monika M. Schulte

    Kurz nach ihrem Verzicht auf den schwedischen Thron reist Königin Christina von Stockholm nach Rom. Unterwegs übernachtet sie am 19. Juli 1654 inkognito in Minden.

    Am 8. Dezember 1626 wird Christina im königlichen Schloss von Stockholm als drittes, jedoch einzig überlebendes Kind des schwedischen Königs Gustav II. Adolf und seiner Gemahlin Maria Eleonora von Brandenburg geboren. Ihr Vater, der keinen männlichen Erben mehr erhofft, regelt die Erbfolge des schwedischen Throns neu: 1627 wird die weibliche Erbfolge gesichert. Seine Tochter wird so bereits in zartestem Alter zur Königin bestimmt.

    Und er tut gut daran, so früh sein Reich zu ordnen. Denn draußen tobt seit Jahren der Krieg, der als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichtsbücher eingehen wird. In den auch Schweden nicht ganz unbedeutend verwickelt ist. Und der König ist selbstverständlich im Kriegsgetümmel dabei: Am 16. November 1632 fällt er in der Schlacht bei Lützen: Für seine Tochter Christina, gerade sechs Jahre alt, ist damit der Weg auf den schwedischen Königsthron vorgezeichnet.

    Die Vormundschaft über die unmündige Königstochter übernimmt der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstierna, ein enger Vertrauter ihres Vaters. Als geschickter Diplomat wird er Schweden beim Aushandeln des Westfälischen Friedens in Münster und Osnabrück 1648 vertreten. Im März 1635 regelt der schwedische Reichstag die weltliche und die geistige Erziehung der Thronfolgerin: Christina soll unter der Aufsicht Oxenstiernas eine umfassende Bildung und Erziehung genießen. Ihre Lehrer wurden noch von ihrem Vater zu diesem Zweck ausgewählt. Christinas Mutter, die sich mit der Geburt eines Mädchens, Christinas, nicht abfinden mochte, hatte sich zu diesem Zeitpunkt von ihr abgewandt. Sie wurde, weil sie als labil galt, seitens des Vormunds aus der Erziehung, von der man eine ‚Verbildung' der Tochter fürchtete, fern gehalten.

    Christina erhält zur Vorbereitung auf ihre Aufgabe im höchsten Amt des Königreichs Schweden eine umfassende Bildung in Geschichte, Geographie, Recht, Verfassung, Verwaltung, Ökonomie, Sprachen, Arithmetik, Astronomie und Theologie. Vielleicht geriet die Bildung im Bereich der Künste, der Theologie und der Philosophie etwas zu liberal. Nachdem sie 1644 die Volljährigkeit erreicht hat, übernimmt sie die Regierung. Die Krönung folgt am 20. Oktober 1650. In der Zwischenzeit gestaltet sie ihren Hof - ganz in der Manier der Renaissance - zu einem gelehrten Zentrum der Wissenschaften und der Künste: Auch einen René Descartes rief sie in ihre Nähe.

    Aber nur knapp ein Jahr nach der Krönung, im September 1651, informiert die Königin den Rat und den Reichstag über ihre Pläne, denn sie will abdanken. Königin Christina, sehr freisinnig und freigeistig erzogen, ist zerrissen zwischen zwei Lebensentwürfen. Soll sie, wie es sich für die schwedische Thronfolgerin gehört, weiterhin der lutherischen Konfession angehören, obwohl Glaubenszweifel an ihr nagen? Oder darf sie zum katholischen Bekenntnis konvertieren? Soll sie, wie es sich für eine Königin gehört, den schwedischen Thron behalten, ihn nicht anderen preis geben? Oder darf sie sich in ein der Wissenschaft und der Kunst gewidmetes Privatleben zurück ziehen? Soll sie, wie es sich für ihre Stellung gehört, heiraten und Thronerben in die Welt setzen? Oder darf sie ihrer Neigung für Frauen nachgeben.

    Wie Christina diesen Konflikt löste, ist bekannt: Am 6. Juni 1654 dankt sie in Uppsala ab, um das ihr in die Wiege gelegte Leben abzuschütteln und radikal anders zu gestalten. Sie verlässt Schweden und reist in Richtung Rom zum päpstlichen Hof. Unterwegs macht sie Station in Minden: Vom 19. auf den 20. Juli 1654 übernachtet sie im Haus der Familie Wehrkamp (heute Königstraße 31 an der Ecke zur Fröbelstraße). Das 1988 / 90 sanierte Dielenhaus aus Bruch- und Backsteinen mit einer Grundfläche von gut 275 Quadratmetern stammt aus dem Jahr 1644. Für die damalige Zeit ist es als sehr großzügiger und höchst komfortabler Neubau einzuschätzen. Kein Wunder, dass hier hoher Besuch abstieg ...

    Auf ihrer Weiterreise nach Rom konvertiert Christina von Schweden zum katholischen Glauben. Am 19. April 1689 stirbt sie schließlich nach einem bei Zeit-genossen Aufsehen erregenden, Skandal umwitterten und gegen Konventionen verstoßenden Leben in Rom.

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